18. August 2014

Roden an zwei Fronten

Jeden Monat besucht Gartenbloggerin Almut Berger einen ihrer Mitblogger. Die Zürcher Oberländerin Michèle Keller trifft sie in deren Garten im Tessin.

Michèle Keller in ihrem Garten
Den ganzen Tag käfele ist nichts für sie: Michèle Keller stutzt die Kiwi zurück.

Michèle Keller (63) klettert flink von der Leiter, die Gartenschere unter den Arm geklemmt. Der Boden ist übersät mit Ranken der Kiwi, die sie soeben zurückgestutzt hat. «Die Kiwi wächst momentan wie Unkraut», kommentiert sie, während sie sich auf die Suche nach einem Laubkorb macht. Der vom Centovalli her auffrischende Nordwind zerzaust die mächtige Tessiner Palme, die den gelben Bungalow mit seinen grauen Schlagläden überragt, der Sonnenschirm auf der Terrasse droht zu kippen.

Die leidenschaftliche Hobbygärtnerin hat den Garten ihres Ferienhauses in Tegna TI in den letzten beiden Tagen in Schuss gebracht – jetzt wird sie sehnsüchtig zu Hause im Zürcher Oberland erwartet. Michèle Keller schmunzelt: Ihr Mann habe angerufen, ihr Chalet drohe von Glyzinie, Efeu und all den Büschen rundherum verschluckt zu werden – «Ich müesi sofort hei choo!».

Zweite Karriere als Miniteich: Den alten Pflanztopf hat Michèle mit dem Haus übernommen.

Die ehemalige HR-Assistentin, die sich vor ein paar Jahren selbst in Pension geschickt hat, pendelt zwischen ihren beiden Gärten hin und her. Anzutreffen ist sie jeweils dort, wo es gerade etwas zu tun gibt. Wie sie später bei einem Espresso erzählen wird, galt ihre erste Leidenschaft aber dem Segelfliegen. Als junge Mutter habe sie zwar kurz einen Schrebergarten bewirtschaftet, Fliegen habe aber Priorität gehabt. Erst mit dem eigenen Haus inklusive Garten sei das Interesse am Gärtnern richtig erwacht. Von da an sei sie immer im Clinch gewesen: «Fliegen wie Gärtnern sind Schönwetterhobbys – die Entscheidung fiel mir immer schwerer!» Mit der Aufgabe der Fliegerei 1994 war das Dilemma beseitigt. Ab da wurde fleissig gegärtnert, anfangs nur nördlich des Gotthards, ab 2008 dann, als das Ehepaar in Tegna den Bungalow aus den 60er-Jahren kaufen konnte, auch südlich.

Wenn die Gartenbesitzerin daheim im Zürcher Oberland weilt, übernimmt im Tessin ein ausgeklügeltes Bewässerungssystem.
Wenn die Gartenbesitzerin daheim im Zürcher Oberland weilt, übernimmt im Tessin ein ausgeklügeltes Bewässerungssystem.

Vorbesitzer waren zwei alte Herren. Als der eine, Carlo «il giardiniere», verstorben war, habe sich sein Lebenspartner schweren Herzens entschlossen zu verkaufen. «Ich habe mich sofort in den Garten mit seinen Tessiner Palmen und den zwei grossen Zypressen verliebt», erzählt seine heutige Besitzerin. Da er zum Zeitpunkt des Kaufs bereits stark verwildert war, habe sie aber erst einmal radikal zur Gartenschere gegriffen und Licht geschaffen. Ohne dabei aber die ursprüngliche Struktur des Gartens zu zerstören, wie sie betont.

Pfefferminze und Verveine reisen mit in den Norden

Sowieso habe sie beim Gärtnern oft das Gefühl, dass ihr Carlo von oben über die Schulter schaue. Michèle Keller schmunzelt. Deshalb habe sie auch nur kurz angedacht, all die immergrünen Sträucher, die sie nicht mag, rauszuschmeissen. Heute ist sie froh darüber. Denn: «Gerade die Winterkamelien blühen oft bis in den Dezember hinein.»

Neu gepflanzt hat Michèle Keller kaum etwas: Salat, ein paar Kräuter, Himbeeren. Und vor vier Jahren einen Kakibaum. «Letzten Sommer trug er so viele Früchte, ich wusste gar nicht mehr wohin damit», erinnert sie sich. «Zum Glück habe ich dann aber gelesen, dass man Kaki trocknen oder püriert einfrieren kann.» Oft pendelt sie mit Geerntetem im Gepäck. Verveine und Pfefferminze für den Tee beispielsweise, den sie gern an kalten Wintertagen trinkt, reisen vom Tessin gen Norden mit. Ist dort der Mangold reif, reist dieser im Gegenzug vom Zürcher Oberland nach Tegna. Eigene Himbeeren gabs heuer übrigens zwei Mal: erst südlich des Gotthards, dann nördlich.

Die Seerose fühlt sich in der alten Waschgelte offensichtlich sehr wohl.
Die Seerose fühlt sich in der alten Waschgelte offensichtlich sehr wohl.

Sind zwei Gärten nicht manchmal auch eine Belastung? Michèle Keller schüttelt den Kopf. Vor dem Haus in Tegna hätten sie eine Ferienwohnung in Ascona TI gehabt – im ersten Stock! Damals habe sie erkannt, dass sie definitiv nicht dafür gemacht sei, den ganzen Tag am Lungolago zu käfele: «Ich muss Erde unter den Fingern spüren können, um glücklich zu sein!»

Heute Abend wird sie ein letztes Mal beobachten, wie die Fledermäuse, die unter dem Dach wohnen, zur Jagd aufbrechen. Und wenn sie dann morgen in den Zug gen Norden steigt, wird etwas frisches Bohnenkraut mitreisen: Am Telefon habe es auch geheissen, dass zu Hause die Bohnen «nache» seien.

Fotografin: Almut Berger

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