23. März 2018

Roberto Saviano lebt im Kopf eines Mafiabosses

Seit er in seinem Buch «Gomorrha» die Machenschaften der Camorra beleuchtet hat, lebt Roberto Saviano im Untergrund. Der Schriftsteller über das Mafiöse in uns allen, seine neuesten Projekte und die Lage der Nation Italien.

Roberto Saviano spricht über die Mafia
Roberto Saviano: «Ich verfolge immer das gleiche Ziel: über die Macht, die Grausamkeit und die Realität der Mafia zu berichten.»
Lesezeit 8 Minuten

Roberto Saviano, wir führen dieses Gespräch im Haus des Hanser-Verlags in München, zwei Landeskriminalbeamte stehen vor der Tür, und draussen wartet Ihr Bodyguard. Wie ist das, wenn man ständig unter Personenschutz steht?

Eine angstvolle Unruhe begleitet mich immer. Ich bin nie allein – und doch immer allein. In der Regel bleiben die Leute, die mich beschützen, ein Jahr lang bei mir, dann kommen neue. Ich wechsle ständig den Aufenthaltsort, übernachte in Hotelzimmern oder Polizeikasernen, werde von bis zu fünf Bodyguards bewacht und bewege mich in Autos mit Panzerglas. In der Vergangenheit weigerten sich manche Fluggesellschaften, mich zu transportieren. Und in gewissen Restaurants bin ich nicht willkommen. Früher machte mich das wütend, heute habe ich mich irgendwie auch daran gewöhnt.

gelb-rotes Ei

Erinnern Sie sich noch an den Moment, als Ihnen die Präsenz der Mafia erstmals auffiel?

Den einen Moment gibt es nicht. Sie war immer da. Hingegen erinnere ich mich gut an die erste Leiche. Auf dem Heimweg nach der Schule, da war ich wohl 12 oder 13 Jahre alt, sah ich einen Toten in einem Auto liegen. Die Polizei hatte die Tür geöffnet – ich weiss noch genau, wie verdreht der Mann dalag. Seine Haut war ganz weiss.

Sie sind in Neapel aufgewachsen. Wie war das Neapel Ihrer Kindheit?

Meine Erinnerungen sind ziemlich düster. Das Italien meiner Kindheit war zwar reich, aber auch sehr korrupt. Alle hatten zwei, drei Häuser, eins davon am Meer. Es gab Jobs, und man hatte Lust zu arbeiten. Und da war auch noch Maradona, der für Neapel spielte. Stellen Sie sich vor, wie das für einen zehnjährigen Jungen ist: Maradona beim Training zuschauen zu können! Gleichzeitig wütete ein Verteilkampf zwischen den Camorra-Clans, auch um die Hilfsgelder, die nach dem verheerenden Irpinia-Erdbeben im Jahr 1980 in die Region flossen. Pro Jahr wurden 250 Leute ermordet.

Schriftsteller Roberto Saviano
«Ich weiss auch nicht genau, warum ich diesen verrückten Weg eingeschlagen habe», sagt Schriftsteller Roberto Saviano.

Weshalb haben Sie Ihr Leben der Recherche über die Mafia und ihre Machenschaften gewidmet?

Aversion? Obsession? Manie? Faszination? Ich weiss auch nicht genau, weshalb ich diesen verrückten Weg eingeschlagen habe. Heute glaube ich nicht mehr an Gerechtigkeit. Aber an Rache – an eine Rache der Worte. Gesund ist das nicht, das weiss ich.

Wie kann man die Mafia bekämpfen?

Indem man über die Missstände berichtet, damit die Leute sie verstehen lernen. Und indem man alle Offshore-Konten auf der ganzen Welt schliesst.

Das dokumentarische Buch «Gomorrha» über die Machenschaften der Camorra hat sie bekannt gemacht – zum Preis, dass Sie zwölf Jahre später immer noch unter Polizeischutz stehen. Würden Sie das Buch aus heutiger Sicht noch so schreiben?

Nein, ich habe es sehr oft bereut. Es hat mir viele Probleme beschert und macht es mir unmöglich, ein normales Leben zu führen.

Ist Ihr neuestes Buch, «Der Clan der Kinder», deshalb ein Roman?

Meine bisherigen Bücher waren immer eine Mischung. Auch «Der Clan der Kinder» ist von Fakten inspiriert. Ich habe die Form des Romans gewählt, um meinen Protagonisten mehr Tiefe zu geben. In meinen bisherigen Büchern konnte ich zwar die abgehörten Telefongespräche eines Mafiabosses wiedergeben und sein Leben erzählen, aber da blieb immer eine gewisse Distanz. Dieses Mal wollte ich in den Kopf eines Mafiabosses eindringen und erzählen, wie er und seine Jungs ticken. Ich verfolge immer das gleiche Ziel: über die Macht, die Grausamkeit und die Realität der Mafia zu berichten.

Was ist Ihrer Meinung nach die Aufgabe der Literatur?

Bis vor Kurzem hätte ich gesagt, die Literatur sei ein Instrument, um die Dinge zu verändern. Jetzt sehe ich das romantischer. Sie ist eine Möglichkeit, jemandem zu sagen: Gib mir das Wertvollste, das du hast – deine Zeit, deinen Blick, deinen Kopf, dein Herz, deinen Bauch, alles, was dich ausmacht. Lass uns zusammensein; du entscheidest, wann und wie lange. Mit einem Film hat jemand anders die Entscheide für dich getroffen. Aber bei einem Buch ist alles in deinem Kopf. Du malst dir etwas aus und empfindest es. Das macht die Kraft des Buchs aus. Wenn sie schiessen, schiesst auch du. Wenn sie lieben, liebst auch du. Wenn sie sterben, stirbst auch du.

Was hat das mit Ihnen gemacht, im Kopf eines Mafiabosses zu sein?

Nun ja, ich lebe seit vielen Jahren im Kopf eines Mafiabosses. Ich habe viele gekannt, habe sie fast alle studiert: wie sie sprechen, wie sie sich kleiden, wie sie ihre Frau und ihre Freundin behandeln, welche Drogen sie konsumieren oder weshalb sie die Finger davon lassen. Es hat mir gezeigt, dass wir uns eigentlich sehr ähnlich sind.

Roberto Saviano muss sich bedeckt halten
Roberto Saviano muss sich bedeckt halten, was sein Privatleben betrifft.

Für manche ist die Mafia der einzige Arbeitgeber, der ihnen ein Angebot macht. Denn den Jungen im Süden fehlen vor allem Perspektiven. Was raten Sie ihnen?

Es gibt einen leider ziemlich zutreffenden Spruch: «O briganti, o emigranti.» Entweder Gauner oder Auswanderer. Wenn man alles Mögliche versucht hat und keinen Weg findet, sollte man Italien verlassen und sein Glück anderswo versuchen. In der Regel bleiben diejenigen, deren Familie Geld hat. Im Süden lässt sich gut leben: Die Sonne scheint, das Essen schmeckt. Damit sich wirklich etwas verändert, bräuchte es Investitionen ins Bildungssystem und Jobs. Zudem müssten die weichen Drogen legalisiert werden, denn alle Kleinmafiosi fangen mit Haschdealen an und landen dann beim Kokain.

In Ihrem letzten Buch, «Zero Zero Zero», und im aktuellen Roman dreht sich alles um Kokain.

Kokain ist die Droge der Schnelligkeit – und eine Metapher für unsere Zeit. Kokain verdichtet, lässt uns in kürzerer Zeit viel mehr erleben und uns auch entsprechend schneller altern. In der Wirtschaftskrise kaufen die Leute nicht Kleider oder Autos, sondern Kokain. Die Jungs in «Der Clan der Kinder» konsumieren und verkaufen Kokain. So finden sie ihren Platz in dieser schrecklich schnellen Welt.

Warum sind Mafiageschichten so beliebt?

Weil sie die ungeschminkte Realität zeigen. Was Mafiabosse und ihre Leute machen, passiert auch im Büro und zu Hause. Mit dem Unterschied, dass man einander in der Regel nicht umbringt. Im Büro mobbt man oder zieht über andere her. Wir alle hintergehen einander. Bei der Mafia gelten klare Regeln in Bezug auf das, was wir im Versteckten auch tun. Das fasziniert. Die Bosse wissen, dass ihre besten Leute sie eines Tages ver­raten werden. Je mehr die rechte Hand auf die Position des Bosses aus ist, desto stärker ist sie. Also umgeben sich die Bosse mit Leuten, die ihnen eines Tages gefährlich werden. Und versuchen, sie umzubringen, bevor sie selbst umgebracht werden.

Immer wieder wird die Kritik laut, die TV- Serie «Gomorrha» verherrliche die Mafia. Können Sie das nachvollziehen?

Dass ich mit «Gomorrha» Junge dazu verleiten soll, kriminell zu werden, ist doch unglaublich, oder? Meine Serie zeigt die Realität, nicht umgekehrt. Es ist ja nicht so, dass man, wenn man Michael Corleone im Film «Der Pate» sieht, auch zu Michael Corleone wird. Hätte ich die Serie nicht gedreht, hätte ich keinen einzigen Jungen gerettet. Es ist viel eher so, dass man sich dank der Serie bewusst wird, dass es diese Jungen gibt.

Hat Sie der internationale Erfolg der TV-Serie überrascht?

Und wie! Wissen Sie, warum? Als ich sie vorstellte, interessierte sich niemand dafür. Man kritisierte, dass die Protagonisten neapolitanischen Dialekt sprechen. Und dass das Gute schlicht nicht vorkommt. Ich denke, die Authentizität der Serie macht schliesslich ihren Erfolg aus.

Wann ist Schluss?

Ich hoffe, nach der vierten Staffel. Auch wenn man mich ständig drängt weiterzumachen. Bis jetzt wurde jede Staffel gefeiert; ich möchte nicht das Risiko eingehen, schlechter zu werden.

Welches ist Ihr nächstes Projekt?

Ich arbeite an einer Serie über den libyschen Herrscher Muammar al-Gaddafi. Eine amerikanische Produktionsfirma hat sie bereits gekauft. Die erste Staffel ist fast fertig geschrieben.

Warum Gaddafi?

Weil seine Geschichte toll ist und die Vergangenheit hilft, die Gegenwart zu verstehen. Es ist die unglaubliche Geschichte eines Jungen, der mit elf Freunden einen Staatsstreich verübt und damit innert weniger Stunden zum absoluten Herrscher über das Territorium mit dem weltbesten Erdöl wird. Er wandelt sich vom Reformer und Kreativen zum gewalttätigen und korrupten Tyrannen. Es ist eine Parabel der Macht – mit allen Bestandteilen: Faszination, Grössenwahn, Grausamkeit. Ich bleibe also beim Thema, bloss das Setting ist ein anderes.

Anfang März fanden die Parlamentswahlen in Italien statt. Ihr Eindruck?

Der Populismus regiert. Wir sind ein Labor für die westliche Welt: Was in Italien geschehen ist, passiert auch anderswo. Erst kam Berlusconi, dann Trump. Erst Mussolini, dann Hitler. Erst kamen die Roten Brigaden, dann kam die RAF. Der Populismus ist im Süden am stärksten. Dort haben die Cinque Stelle abgesahnt. Die Bewegung hat kein Programm, ändert dauernd ihre Positionen und macht unhaltbare und auch rassistische Versprechen. Sie verdankt ihren Erfolg der weitverbreiteten Wut.

Wird sich nach den Wahlen etwas ändern?

Ich bin sehr gespannt, was geschehen wird und ob sich eine Regierung bildet. Aber ich befürchte, dass sich nichts ändert. Absolut nichts. Italien ist ein hoffnungsloser Fall.

Das wäre Stoff für eine neue Serie ...

Genau! Ich glaube, das wäre richtig gut.

Was halten Sie eigentlich von der Schweiz?

In der Schweiz lebt man sehr gut. Der Alltag und der Ursprung des Reichtums stehen aber in krassem Widerspruch: Lange war die Schweiz das schwarze Finanzloch der Welt; alle Gelder wurden ohne Überprüfung angenommen. Weil die Schweizer selbst keine Verbrechen verübt haben, fehlen die moralischen Bedenken. Was mich als Italiener aber beeindruckt: Die Strassen sind sauber, die Schulen funktionieren, die Spitäler haben einen guten Ruf. In Italien ist das Gegenteil der Fall. Deshalb gelten die Politiker bei uns auch als Verbrechervereinigung, die die Bürger beklaut.

Fehlt Ihnen Neapel?

Und wie. Ich gehe immer wieder dorthin, aber unter erschwerten Umständen: Ich stehe unter verschärftem Personenschutz. Dennoch sage ich mir seit bald zwölf Jahren: Eines Tages werde ich zurückkehren. Doch dafür muss ich erst lockerer werden – oder leichtsinniger.

Roberto Saviano

Roberto Saviano: «Der Clan der Kinder», Hanser-Verlag; bei www.exlibris.ch

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