03. Januar 2018

Rinke und lechte Socken

Bänz Friedli weiss nicht viel. Hier kannst du dich mit anderen Lesern austauschen und die vom Autor gelesene Hörkolumne herunterladen.

Klischees: was ist dahinter?
Lesezeit 2 Minuten

An manches werde ich mich auch im neuen Jahr nicht gewöhnen können. Dass meine Sportsocken mit L und R für links und rechts angeschrieben sind, während in die Alltagssocken auch rechts ein L gestickt ist – was «large» bedeutet; das bringt mich immer wieder durcheinander. Dass es zwischen Snow- und Skateboardsaison Tage mit so blödem, nassgrauem Wetter gibt, die für gar nichts zu gebrauchen sind, daran mag ich mich nicht gewöhnen. Und an die 26-jährigen Bürschchen, die den Kragen ihrer Polohemden hochschlagen und denen all die Errungenschaften unseres Landes schnurzegal sind. Solidarität? Zusammenhalt? Rücksicht auf Minderheiten? «Was geht mich das an?», kommentieren sie salopp. Oder, schlimmer noch: «Was habe ich davon?» Andere Werte als materielle sind ihnen fremd, Mitgefühl ist etwas für Schwächlinge. Soziale Fürsorge, AHV, Päcklipost in entlegene Täler, Radioprogramme für Rätoromanen – all das «rentiert» nicht, in ihren Augen.

Im alten Jahr sass ich noch mit einer Schulfreundin zusammen. Einer, mit der ich einst im Hebräisch-Unterricht war und die ich seit Jahrzehnten aus den Augen verloren hatte. Wie hätte ich ahnen sollen, dass sie seit
33 Jahren in Jerusalem lebt? Bei einem Tee im Hauptbahnhof hat sie es mir erzählt, ein Zufall hatte uns wieder zusammengeführt. Sie erzählte von ihrer Stadt, diesem ewig umstrittenen Brennpunkt der Kulturen, der den Juden, Christen und Muslimen heilig ist. Sie erzählte, wie es ist, wenn man als Mutter nie weiss, ob die Tochter lebend von der Schule heimkommt. Und sie erklärte mir, wie falsch wir Westeuropäer lägen, wenn wir meinten, der Nahostkonflikt lasse sich einfach so lösen. Menschen in dieser Region trügen Konflikte in sich und integrierten sie in den Alltag, sagte sie. Eindeutige Lösungen gebe es nicht. Überheblich, wer sich von fern anmasse, das Problem zu lösen.

An solchen Tagen merkt man, wie wenig man weiss und wie vieles man nur zu wissen vermeint. Ich musste an die USA denken, ein Land, das ich oft bereist habe und das von meinen Freunden gern abgetan wird mit «Ach, die dummen Amerikaner!». Was wissen wir von deren Denk- und Lebensweise? Amerika ist uns vordergründig ähnlich, dabei müssten wir lernen, dass «a house» kein Haus, «a friend» kein Freund und «a supermarket» kein Einkaufsladen ist. Und wenn wir schon über Amerika nichts wissen, was wissen wir dann über Asien, Afrika?

Nur eines weiss ich: dass wir in der Schweiz gut daran tun, die Solidarität nicht zu vergessen. Zwischen Alten und Jungen, Kranken und Gesunden, Zürich und dem Vallée de Joux.

Die Hörkolumne herunterladen (MP3)

Bänz Friedli live: 6. 1. Hausen am Albis ZH, 7./10. 1. Basel

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