19. Oktober 2017

Richtig zu danken, braucht emotionale Intelligenz

Danken funktioniert nur, wenn es der Situation angemessen ist und authentisch rüberkommt, sagt Psychologe Willibald Ruch. Dann aber hat es enorm positive Effekte – für beide Seiten.

Der Psychologe Willibald Ruch
Der Psychologe Willibald Ruch erforscht die Grundlagen für ein gutes Leben – dazu gehört auch das Danken.

Willibald Ruch, danken soll die Lebenszufriedenheit steigern. Dankt man also auch aus egoistischen Gründen?

Ich glaube nicht. Wer aus diesem Grund dankt, riskiert, das Gegenteil zu erreichen. Das Gegenüber fühlt sich manipuliert und wird darauf kaum positiv reagieren. Dass man selbst vom Danken möglicherweise profitiert, ist ein Nebeneffekt von authentischer Dankbarkeit, mehr nicht.

Wie haben Sie herausgefunden, dass man selbst vom Danken profitiert?

Dank unserer Studien. Sie haben klar gezeigt, dass Dankbarkeitsübungen und -briefe zu einem Anstieg im Wohlbefinden führen. Der Effekt hielt zudem deutlich über die Übungsdauer hinaus an. Weshalb, ist noch weitgehend ungeklärt. Aber das Fokussieren aufs Gute im Leben führt generell zu längerfristigen positiven Veränderungen. Ganz sicher hilft es im Zwischenmenschlichen. Das Ausdrücken von Dankbarkeit kann zum Beispiel soziale Beziehungen festigen, was das persönliche Wohlbefinden erhöht.

Es soll zudem Glück und Erfolg fördern.

Glück im Sinn von Wohlbefinden, ja. Es gibt sogar Studien, laut denen Nonnen länger lebten, die mehr Dankbarkeit ausdrückten. Bezüglich Erfolg sind mir keine Daten bekannt. Es ist aber möglich, dass dankbarere Personen grössere und effizientere Netzwerke aufbauen, die langfristig auch zu beruflichem Erfolg führen könnten.

Dank ist also ein soziales Schmiermittel, nützlich für den eigenen Fortschritt?

Richtig, aber es funktioniert nur, wenn es vom Gegenüber als ehrlich und authentisch empfunden wird. Das gilt auch für Humor, der als soziales Schmiermittel noch wichtiger ist. Es muss von Herzen kommen. Theorien besagen, dass Dankbarkeit sich evolutionär entwickelt hat, sie ist zudem eine zutiefst soziale Emotion: Jemand, der Dankbarkeit empfindet, neigt eher dazu, einen Gefallen zu erwidern. Jemand, der Dankbarkeit ausdrückt, erhöht die Chance, dass ihm erneut ein Gefallen getan wird.

Eltern müssen ihren Kindern erst beibringen, dass sie sich bedanken sollen. Liegt Dankbarkeit also nicht in unserer Natur, sondern ist angelernt?

Die Freude, die man empfindet, wenn man ein Geschenk bekommt, ist angeboren – wie man darauf korrekt reagiert, muss man lernen. Danke sagen oder jemandem die Hand drücken, ist also eine Kulturtechnik. Der Gerechtigkeitssinn, der eine Grundlage für das Empfinden von Dankbarkeit ist, entsteht bei Kindern im Alter von etwa 3 bis 5 Jahren, Dankbarkeit zwischen 6 und 8 Jahren.

Es gibt aber auch Erwachsene, die es nie richtig gelernt haben. Könnte man es denen später im Leben noch beibringen?

Wenn sie es explizit trainieren, geht das durchaus. Dankbarkeit ist eine Charakterstärke, und die entwickelt sich im Laufe des Lebens und lässt sich leichter verändern als andere Persönlichkeitsmerkmale wie etwa Schüchternheit oder Extravertiertheit. Schwieriger ist es für Leute, die sehr narzisstisch und von sich überzeugt sind, umso mehr, wenn sie sich nicht verändern wollen. Aber auch dann ist es nicht unmöglich, wenn man in kleinen Schritten trainiert.

Wie funktioniert das?

Bei unserer Studie nehmen sich die Leute abends vor dem Schlafengehen 30 Minuten Zeit und lassen den Tag Revue passieren, überlegen sich, was alles Gutes passiert ist. Das schreiben sie auf und auch, wie sie sich dabei gefühlt haben. Dann überlegen sie, in welchen Situationen sie am nächsten Tag Gutes erleben und dafür Dankbarkeit zeigen könnten. Am nächsten Abend schauen sie, ob es geklappt hat. Bei den meisten Leuten entwickelt sich so schrittweise die Fähigkeit, Dankbarkeit auszudrücken. Meistens entsteht dann eine Aufwärtsspirale, weil man aufs Danken in der Regel positive Reaktionen bekommt, was wiederum bei einem selbst positive Gefühle auslöst.

Würde das auch bei einem alten Egomanen wie Donald Trump funktionieren?

Wenn man eine Audienz bekäme … (lacht) Na ja, er müsste es halt wollen, dann gäbe es schon eine Chance. Aber er wäre sicher ein Härtefall.

«Die Freude, die man empfindet, wenn man ein Geschenk bekommt, ist angeboren – wie man darauf korrekt reagiert, muss man lernen», sagt Willibald Ruch
«Die Freude, die man empfindet, wenn man ein Geschenk bekommt, ist angeboren – wie man darauf korrekt reagiert, muss man lernen», sagt Willibald Ruch.

Haben Sie Tipps, wie man am besten mit Leuten umgeht, die nicht danken können?

Selbst ein gutes Vorbild sein, das hat vielleicht eine ansteckende Wirkung. Ansonsten wohlwollend darauf hinweisen, am besten mit Humor.

Es gibt zahlreiche Apps wie etwa «Grateful: A Gratitude Journal» oder «Shefa’s ­flavors of Gratefulness». Was halten Sie von solchen technischen Hilfen?

Die sind durchaus nützlich. Ich habe eine ähnliche App auch schon ausprobiert – wem das gefällt, warum nicht? Am Ende ist es Geschmackssache, ob man ein Dankbarkeits-Tagebuch auf Papier oder in einer App führt. Letztere hat den Vorteil, dass man regelmässig daran erinnert wird und die notierten Dinge mit anderen teilen kann.

Weiss man wie und wann das Danken entstanden ist? Gab es das schon immer?

Das ist so genau nicht erforscht. Aber gewisse Vorformen und Grundlagen der Dankbarkeit sind bereits bei Primaten vorhanden, was dafür sprechen würde, dass es beim Menschen angeboren ist. Bestimmte Formen und Rituale entwickelten sich dann erst mit der Zeit.

Beim Herrscher als Privatperson lösen dauernde Huldigungen vermutlich keine grosse Begeisterung aus.

Offenbar hat das Danken auch religiöse Wurzeln: Der Gläubige sollte seinem Gott gegenüber dankbar sein – sonst könnten Sanktionen drohen.

Dankbarkeit ist in allen grossen Weltreligionen eine hoch geschätzte Eigenschaft. Dabei wird es tatsächlich oft auch als Pflicht betrachtet, was zeigt, dass Dankbarkeit auch wichtige Funktionen in der Gemeinschaft erfüllt: Es fördert Zusammenhalt und Gemeinsinn. Einem Skeptiker in einer religiösen Gemeinschaft kann das dauernde Danken aber schon in den falschen Hals geraten. Ich hatte als Jugendlicher auch meine Zweifel, mir kam das Verhalten gewisser Leute in der Kirche ziemlich gekünstelt und gestellt vor – auch weil sie sich dort so ganz anders verhielten als im realen Leben.

Es ist auch eine klare Ansage, wo die Macht liegt, nicht? Ich muss dankbar sein.

Klar. Aber für gewisse Leute, die sonst nie Grenzen gesetzt bekommen, kann das auch heilsam sein. Die müssen dann üben, Demut zu zeigen, das tut ihnen vielleicht ganz gut.

Wieso mögen Götter und andere Mächtige es so sehr, dass ihre Untertanen Dankbarkeit zeigen? In solchen Situationen ist Dank doch bloss eine leere Hülle und gar nicht ehrlich gemeint.

Ich kenne zu wenige Götter und Mächtige persönlich. (lacht) Auch hier könnte ich mir aber ein Gemeinschaftsmotiv vorstellen: Die von den Untertanen verlangte Dankbarkeit vereint die diversen rivalisierenden Interessensgruppen des Reichs. Und solange sie von überall gezeigt wird, ist alles in Ordnung. Wenn sie irgendwo nachlässt, ist das ein Alarmsignal, dass Konflikte oder gar eine Revolte bevorsteht. Dahinter steht also ein staatspolitisches Motiv. Beim Herrscher als Privatperson lösen dauernde Huldigungen vermutlich keine grosse Begeisterung aus. Es gibt einen Bericht, wie das Kaiserpaar Sissi und Franz-Josef durch Kärnten reiste. In jedem Dorf wurde ihnen ihr Lieblingslied vorgetragen. Spätestens nach dem dritten Mal dürfte sich ihre Begeisterung darüber in Grenzen gehalten haben. Aber es hat sie sicherlich gefreut, dass ihr Volk sich so um sie bemühte.

Dankbarkeit ist eine von 24 Charakterstärken, die zu einem guten Leben beitragen.

Nicht alle Leute mögen es, jemandem zu Dank verpflichtet zu sein – ihnen fällt das Danken offenbar schwerer als anderen. Was steckt dahinter?

Oft bezieht sich das auf eine bestimmte Person und hat eine Vorgeschichte. Manchmal stehen Machtspielchen dahinter, sodass man auf keinen Fall ausgerechnet dieser Person einen Gefallen schulden will. Gerade auch, wenn das Risiko besteht, dass dieser Gefallen in einem Bereich erwartet wird, der mit der aktuellen Situation nichts zu tun hat. Fühlt man sich verpflichtet, verringert sich die Wahrscheinlichkeit, dass man dem Gebenden in Zukunft helfen möchte.

Es gibt auch Leute, die Dank nur sehr schwer annehmen können.

Bescheidene, introvertierte Menschen, die es als selbstverständlich ansehen, gewisse Dinge zu tun, finden es unangenehm, wenn man darum ein Aufheben macht. Sie haben nicht das Gefühl, etwas Besonderes geleistet zu haben. Es gibt Menschen, deren Gefühlsleben in diesen Bereichen zurückhaltender ist, das sollte man akzeptieren.

Dann gibt es andere, deren Dank so überschwänglich ausfällt, dass man eher peinlich berührt ist, etwa bei der Oscar-Verleihung. Ist das einfach emotionale Überwältigung oder kalkulierte Show?

Diese Frage stellt sich in der Psychologie oft. Hier ist es wahrscheinlich etwas von beidem. Schauspielerinnen und Schauspieler sind Experten darin, Emotionen zu empfinden und auszudrücken, häufig in verstärkter Form, damit es auch vom Publikum erkannt wird. Zudem drückt man im amerikanischen Raum Dankbarkeit generell sehr stark aus, was für Leute aus emotional eher gemässigten Gefilden schnell mal übertrieben wirkt. Es kann natürlich auch kalkuliert sein: Wer die grösste Show abzieht, hat die besten Chancen, in den Medien nochmals extra gewürdigt zu werden. Es ist also auch ein Wettkampf um Sendeminuten.

«Beim Wohlbefinden hat jeder Mensch eine gewisse Basis. Egal, ob man im Lotto gewinnt oder einen Unfall hat und anschliessend querschnittsgelähmt ist: Nach einer Weile ist man wieder auf seinem Ausgangsniveau angelangt.»
«Beim Wohlbefinden hat jeder Mensch eine gewisse Basis. Egal, ob man im Lotto gewinnt oder einen Unfall hat und anschliessend querschnittsgelähmt ist: Nach einer Weile ist man wieder auf seinem Ausgangsniveau angelangt.»

Wer dankt, macht anderen fast immer eine Freude. Kommt es drauf an, in welcher Form wir Dankbarkeit zeigen? Oder ist die Geste an sich das Entscheidende?

Die Form spielt eine entscheidende Rolle. Ob eine dankbare Geste als authentisch aufgefasst wird, hängt davon ab, ob sie in etwa der eigentlichen Leistung entspricht – überschwängliche Dankbarkeit für eine kleine Geste oder ein kurzes Danke-SMS für eine sehr grosse Geste können dem Empfänger sehr sauer aufstossen. Wenn ich meiner Oma die CD einer Punk-Band schenke, weil ich die so toll finde, wird sie das vermutlich weniger freuen, als wenn ich mit ihr einen Tagesausflug an einen schönen Ort mache. Es braucht emotionale Intelligenz, seinen Dank der Person und der Situation angemessen auszudrücken.

Sie beschäftigen sich seit zehn Jahren mit der Positiven Psychologie. Spielt das Danken dabei eine wichtige Rolle?

Sogar sehr. Die Positive Psychologie beschäftigt sich mit der Frage nach dem «guten Leben», nach einem längerfristigen Zufriedensein. Und Dankbarkeit ist eine von 24 Charakterstärken, die zu einem guten Leben beitragen – fünf sind dabei über mehrere Kulturen hinweg besonders ­wichtig: Optimismus, Neugier, Bindungsfähigkeit, Tatendrang und eben Dankbarkeit. Letztere steht in der Bedeutung meist an dritter oder vierter Stelle.

Wer eine positive Lebenseinstellung hat, führt ein glücklicheres Leben. Kann man das lernen? Kann jeder es lernen?

Bis zu einem gewissen Grad vermutlich schon – wenn man es will und übt, bis es zum Automatismus wird. Gewisse Dinge lernt man schon als Kind. Ich bin zum Beispiel in einem Dorf aufgewachsen und habe gelernt, dass man jeden grüsst, dem man begegnet, auch Fremde. Das war dann später für die Wiener etwas seltsam (lacht). Ich habe auch rasch damit aufgehört, habe also umgelernt. Beim Wohlbefinden hat jeder Mensch eine gewisse Basis. Egal, ob man im Lotto gewinnt oder einen Unfall hat und anschliessend querschnittsgelähmt ist: Nach einer Weile ist man wieder auf seinem Ausgangsniveau im Wohlbefinden angelangt. Unsere Studien zeigen jedoch, dass man das Wohlbefinden beeinflussen kann. Wobei es immer Personen geben wird, die glücklicher oder unglücklicher sind, egal, was sie tun; das Wohlbefinden scheint auch eine starke genetische Basis zu haben.

Der Spitzenplatz der Schweiz bei der Lebenszufriedenheit hat sicherlich auch mit dem Wohlstand zu tun.

Sind Österreicher dankbarer als Schweizer? Und beide mehr als Deutsche?

Darauf einigen wir uns doch einfach mal … (lacht). Den Daten zur Lebenszufriedenheit nach zu schliessen, geht es allen drei Ländern ziemlich gut. Die Schweiz liegt immer so zwischen dem ersten und dem dritten Platz, Österreich so um den zehnten, Deutschland auf den 15. oder 16. Dankbarkeit spielt dabei aber nur eine kleine Rolle. Der Spitzenplatz der Schweiz hat sicherlich auch mit dem Wohlstand zu tun. Zwei weitere Indikatoren sind Spendenfreudigkeit und eine Einschätzung zur Korruption im Land. Bei Ersterem liegen die Österreicher vorn, dafür halten die Schweizer ihre Politiker und Firmen für sauberer.

Sind Sie ein dankbarer Mensch? Und entsprechend glücklich und erfolgreich?

Glücklich ist ein grosses Wort, ich würde sagen, ich bin zufrieden. Was Dankbarkeit betrifft, bin ich ziemlich durchschnittlich, denke ich. In stressigen Phasen verpasse ich es manchmal, sie gegenüber Leuten zu zeigen, die sie absolut verdienen, mein Team hier an der Uni zum Beispiel. Ich bin jetzt nicht der fanatische Selbstverbesserer. Aber wenn man sich mit der Positiven Psychologie beschäftigt, denkt man fast automatisch auch über sich nach. Alles in allem ruhe ich aber ganz gut in mir selbst, vielleicht, weil ich auf dem Land aufgewachsen und deshalb gut geerdet bin.

Gibt es jemanden, dem Sie speziell dankbar sind?

Ich verdanke meinem Doktorvater in Österreich sehr viel. Er hat, als es mir noch gar nicht bewusst war, im Hintergrund Weichen gestellt, die mir später bei meiner Karriere sehr geholfen haben. Vor ein paar Jahren, als er etwa 85 war, fand ich, es werde Zeit ihm dafür irgendwie meinen Dank auszudrücken. Aber wie sollte ich das tun, ohne dass er findet, ja, ja, das haben Sie schön gemacht, aber Sie beschäftigen sich ja auch fachlich mit dem Thema. Ich habe dann dennoch bei einem Austausch versucht, ihm zu übermitteln, wie viel ich ihm verdanke, aber darauf keine Reaktion bekommen. Wirklich überrascht hat mich das nicht, er ist mehr so der Typ, der das vielleicht durchaus schätzt, aber nicht weiter thematisiert. Es zeigt ­jedenfalls: Danken ist gar nicht so leicht. 

Forschungsprojekt: Willibald Ruch sucht Interessenten für eine Studie über Charakterstärken und wie sie zu einem «guten Leben» beitragen: www.projekt-charakter.ch

Die Ausgabe «Danke sagen» zum Durchblättern


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