04. September 2017

Richtig verfahren

Bänz Friedli beschäftigt sich mit Ortskunde. Hier kannst du dich mit ihm oder anderen Leser(inne)n austauschen.

GPS
Auch das GPS bringt Ortsunkundige nicht immer ans Ziel ...
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Dušica war eine hervorragende Fussballerin. Und Josip, ihr Vater, war der glühendste Fan unseres Teams. Meine Tochter spielte auch mit, und wenns zu Auswärtsspielen ging, fuhren einige Eltern samstags mit je einem Auto voller E-Juniorinnen los. Meist in aller Herrgottsfrühe. Zum Beispiel nach Affoltern. Wobei «Auswärtsspiel» in diesem Fall bedeutete: noch immer in derselben Stadt, bloss an deren anderem Ende, in Zürich-Affoltern.

Wie stets fuhr Josip zügig als Erster los. Nur waren er und die vier Spielerinnen, die er chauffierte, dann nicht als Erste am vereinbarten Ort. Mehr noch: Sie blieben verschollen. Mitte der ersten Halbzeit rief Josip mich an: «Bin Affoltere, monn. Isch vill Grün hirr, vill Gras.» Und ich wusste: Er war im falschen Affoltern. Dem am Albis. Sein Navi hatte ihn fehlgeleitet. Als er dann doch noch eintraf, lagen unsere Mädchen schon 0:3 in Rückstand, denn nebst Dušica, der Goalgetterin, hatte Josip auch die Torhüterin mit an Bord.

Bald darauf hatten unsere Töchter tatsächlich in Affoltern am Albis anzutreten. Und Sie ahnen es: Josip wollte es diesmal richtig machen und programmierte auf seinem Navigationsgerät auch wirklich die Ortschaft Affoltern – im Emmental. «Noch merr Gras, hier, monn! Noch merr Grün», meldete er sich, als er seines Irrtums gewahr wurde. Der Match war nicht mehr zu retten.

Man konnte den guten Josip nicht wirklich als Ortskundigen bezeichnen, er lebte erst seit wenigen Jahren in der Schweiz. «Du fährst mir einfach nach, okay?», raunte ich ihm vor dem nächsten Spiel zu und versuchte, möglichst beiläufig zu klingen. Er sollte nicht merken, dass es ein Misstrauensvotum war. Unsere Fussballerinnen hatten in Pfäffikon anzutreten, Kanton Schwyz, und wir wollten sichergehen, dass Josip nicht nach Pfäffikon im Zürcher Oberland fuhr.

Der Zufall wollte es, dass ich in den vergangenen Tagen, freiwillig und ohne in die Irre geleitet worden zu sein, in allen drei Affoltern war. Sie könnten unterschiedlicher nicht sein. Schon faszinierend, wie vielgestaltig das Land ist. Hier das Grossstadtquartier zwischen Auto- und Landebahn, mit Wohnsilos wie weiland in der DDR; da das Dorf im schönen Emmental; dort der aufstrebende Ort im Säuliamt, immer noch mit Grün rundherum und doch schon Stadt. Eigentlich tat Josip genau das Richtige, um die Schweiz kennenzulernen: Er verfuhr sich.

Den Match in Pfäffikon damals gewannen unsere Girls übrigens 6:2. Josip war mir brav hinterhergefahren. Und seine Dušica erzielte drei Tore. 

Die Hörkolumne (MP3)

Bänz Friedli live: 4.9. St. Gallen; 6.9. Pfäffikon SZ; 7.9. Ballwil LU; 8.9. Wohlen AG; 9.9. Bettlach SO

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