28. Februar 2019

Rezepte für ein besseres Leben

Das Hamsterrad des Lebens verhindere, dass wir Beziehungen aufbauen, durch die wir uns wirklich lebendig fühlen, sagt der deutsche Soziologe und Autor Hartmut Rosa, der Ende März in Zürich auftritt. Dies sei auch die eigentliche Ursache für die vielen aktuellen Krisen.

Hartmut Rosa
«Wir leben in einer Gesellschaft, die aufgrund von Wettbewerbszwängen zu ständiger Optimierung gezwungen ist, weil wir sonst unseren Platz in der Welt nicht halten können – weder als Unternehmen noch als Mitarbeiter.», sagt Hartmut Rosa. (Bild: Frédéric Stucin / Pasco)

Hartmut Rosa, wir alle streben nach einem «guten Leben». Worunter vermutlich jeder ein bisschen was anderes versteht. Was beinhaltet es aus Ihrer Sicht?

Das Problem ist, dass wir unsere Vorstellung davon in Einzelteile zerlegen – und die dann einzeln zu optimieren versuchen: Man muss so und so aussehen, darf nur so und so schwer sein, braucht mindestens diesen Lohn und mindestens so viele Likes auf Facebook. Genau das führt aber ziemlich sicher dazu, dass wir kein gelingendes Leben haben. Denn letztlich kommt es eben aufs Ganze an. Und für einen Künstler sieht ein gelingendes Leben anders aus als für eine Zahnärztin oder einen Krankenpfleger.

Was wäre die bessere Strategie?

Ob wir unser Leben als gelingend empfinden, hängt von der Beziehungsqualität ab, die wir zur Welt als Ganzes haben. Dafür brauchen wir Beziehungen zu Menschen und Dingen, die etwas in uns ansprechen, eine Resonanz auslösen. Aus meiner Sicht gibt es drei Achsen: die soziale, also Beziehungen zu anderen Menschen, mit denen wir uns austauschen können, etwa dem Partner, den Kindern, den Freunden; die materielle, also Interaktionen mit unserer stofflichen Umgebung, etwa Tiere, Musik, Bücher, Autos; die existenzielle, also unser Verhältnis zur Natur, zur Kunst, zur Spiritualität. Wenn wir in allen drei Bereichen eine lebendige Verbundenheit erfahren, dann haben wir ein gelingendes Leben.

Was löst denn diese Resonanz aus? Und was genau berührt sie in uns?

Das ist ganz individuell. Entscheidend ist, dass es das Andere ist, das zu uns spricht, etwas ausserhalb von uns, das wir nicht kontrollieren können, vielleicht auch nicht vollständig verstehen. Es kann niemand sein, der genauso denkt oder fühlt wie wir. Zu einem Roboter, der uns immer in unserer Meinung bestätigt, können wir keine Resonanzbeziehung aufbauen. Liebesbeziehungen hingegen sind ideal dafür, weil wir die andere Person eben gerade nicht vollständig in den Griff kriegen, weil sie uns immer ein Stück weit ein Rätsel bleibt. Dieselbe Erfahrung macht man mit Haustieren: Im einen Moment lässt die Katze sich kraulen und schnurrt zufrieden, im nächsten will sie nichts von uns wissen.

Diese Unberechenbarkeit ist zentral?

Genau. Wenn immer nur passiert, was wir erwarten, dann löst das nichts in uns aus, es gibt keine Resonanz. Entscheidend ist, dass wir erfahren: Das da hat mir etwas zu sagen. Etwas, das für mich relevant ist, das etwas Neues in mein Leben bringt, mich verändert. Oder mich von aussen überwältigt – etwas, dem ich nachgeben muss. Ich muss quasi auf diesen Berg steigen, ich kann nicht anders. Oder ich verliebe mich rettungslos. Solche Impulse können nur von aussen kommen.

Warum ist das so wichtig?

Schon der Soziologe und Philosoph Bruno Latour sagte: «Lebendig fühle ich mich da, wo ich mich verwandle.» Das aber kann ich nicht aus mir selbst; da bleibe ich immer der Gleiche, kreise nur um mich. Und das reicht nicht. Auch Glücksmomente ergeben sich so nicht.

Letztlich geht es um Glück?

Es kann, muss aber nicht. Resonanz kann auch irritieren und Streit auslösen. Zum Beispiel die eigene Familie: Wenn es eine gute, lebendige Beziehung ist, dann kommt es regelmässig zu Resonanzmomenten, ab und zu auch zu Glück, aber eben auch zu Konflikten, die einen im Idealfall weiterbringen.

Aber gerade heute lassen doch viele von aussen Neues gar nicht mehr an sich heran. Meinungen, die mit der eigenen nicht kompatibel sind, werden ausgeblendet, manchmal gar als Lügen wahrgenommen.

Ja, wir befinden uns derzeit eben nicht nur in einer politischen und wirtschaftlichen Krise, sondern auch in einer kulturellen. Viele Menschen sind wütend und frustriert, weil sie spüren, dass ihr Leben nicht gelingt. Das hängt auch mit mangelnder Resonanz zusammen, damit, dass wir verlernt haben, auf unser Inneres und auf das Andere zu hören. Dafür jedoch braucht es Offenheit, die Bereitschaft, sich berühren zu lassen, und das, obwohl ich nicht genau weiss, was dabei herauskommt, wo mich das hinführt – und das muss ich zulassen können.

Wieso ist das so schwierig?

Weil wir in einer Gesellschaft leben, die überall auf Steigerung, Optimierung, Rationalisierung, Verfügbarkeit, Sicherheit und Kontrolle ausgelegt ist. Das stresst und löst Ängste aus, was Gift ist für Offenheit und Berührungsbereitschaft. Wenn Veränderungen, dann werden diese angestrebt mit einem klaren Ziel – auch ausserhalb des Berufs. Ich will mindestens 10’000 Schritte am Tag gehen oder mindestens 1000 Follower auf Instagram haben.

Veränderung fällt vielen generell schwer. Besonders in der Arbeitswelt, wo sie dauernd damit konfrontiert sind.

Gerade dort passiert die Veränderung in der Regel extrem einseitig. Zur Resonanz gehört eben auch, dass ich mit meiner eigenen Stimme antworten kann und damit die andere Seite erreiche, es muss ein Dialog entstehen. In der Wirtschaft hingegen wird oft von oben entschieden, wie man sich jetzt zu verändern hat, eine Mitsprache gibt es nicht. Deshalb entfremden sich so viele Menschen von ihrem Job. Dahinter steckt aber noch etwas Fundamentaleres.

Nämlich?

Wir leben in einer Gesellschaft, die aufgrund von Wettbewerbszwängen zu ständiger Optimierung gezwungen ist, weil wir sonst unseren Platz in der Welt nicht halten können – weder als Unternehmen noch als Mitarbeiter. Und wir lernen dabei, dass es gefährlich ist, sich auf eine Sache einzulassen, von der wir nicht wissen, was dabei herauskommt.

Indem wir eine Ferienreise oder ein Auto kaufen, erhoffen wir uns, diese Sehnsucht nach Resonanz zu stillen. Doch das funktioniert nie lange.

Somit ist eigentlich unsere gesamte Arbeitswelt falsch getaktet für Resonanz.

Richtig. Und betroffen ist nicht nur die Arbeitswelt. Ich bin Mitglied in einem Tennisclub im Schwarzwald, da gibt es eine kleine Küche mit Kühlschrank für Getränke. So was kann man heute nur noch mit Schankwirtgenehmigung und Hygieneinspektion betreiben. Für den Newsletter gilt eine neue Datenschutzverordnung, die alle unterschreiben müssen, für die Trainingswoche mit Jugendlichen brauchts ein Führungszeugnis und einen Erste-Hilfe-Kurs. Klar, für all das gibt es gute Gründe, und es dient der Sicherheit, aber es erstickt jegliche Form von Kreativität und Spontanität.

Weil wir bei der Arbeit keine Resonanzerfahrungen machen können, stürzen wir uns mit umso grösseren Erwartungen ins Wochenende und hoffen auf Berührung im Konzert, in den Bergen, im Gottesdienst. Reicht das?

Nein, und es funktioniert auch meist nicht. Tatsächlich versuchen wir, Gegensphären zu unserer Arbeitswelt zu schaffen, kleine Oasen, an die wir hohe Erwartungen haben. Aber meist findet dort kein Austausch statt, wir sind nur passive Empfänger. Und es fehlt uns an der Offenheit für das Unerwartete, denn wir haben ja alles durchgeplant. Am Freitagabend nach der Arbeit müssen wir noch gestresst die Einkäufe fürs Wochenende erledigen, aber um 20 Uhr wollen wir den Schalter umlegen und uns im Konzert ganz tief berühren lassen. Denn darauf haben wir nun ein Recht, schliesslich haben wir viel Geld bezahlt. Das kann nur schiefgehen. Die Sehnsucht nach Resonanz wird heute oft umgewandelt in ein Objektbegehren: Indem wir eine Ferienreise oder ein Auto kaufen, erhoffen wir uns, diese Sehnsucht zu stillen.

Und das funktioniert nie?

Nie sehr lange auf jeden Fall. Aber die Konsumseite der kapitalistischen Gesellschaft lebt genau davon. Es gibt praktisch kein Produkt, das nicht mit Resonanzversprechen verkauft wird: Kauf diesen Apfel und du wirst Natur pur erleben, kauf dieses Deo und du wirst neue Freunde finden. Wir erhalten ein Beziehungsversprechen, geliefert wird aber immer nur ein Objekt. Letztlich sind wir davon immer enttäuscht, aber nie so sehr, dass wir uns beim nächsten Versprechen nicht erneut Hoffnungen machen. So wird die Wirtschaft trotz grosser materieller Sättigung in der Gesellschaft erfolgreich am Laufen gehalten.

Würde sie kollabieren, wenn unsere Resonanzsehnsüchte schon anderweitig gestillt wären?

(lacht) Tatsächlich glaube ich, dass meine Resonanzidee revolutionäres Potenzial birgt – sie würde zu einer anderen Form des Produzierens und des Konsumierens führen. In unserem Teil der Welt hat Konsum ja schon fast etwas Zwanghaftes: Wir entsorgen Produkte lange vor dem Ende ihrer materiellen Lebenszeit, weil wir überzeugt werden, dass es unser Leben bereichert, wenn wir es durch das nächste neue ersetzen. Und das hat nicht zuletzt auch ökologische Konsequenzen.

Das Leben liefert nicht das, was versprochen wurde – das ist das Lebensgefühl vieler Leute, die AfD, SVP, Trump und Brexit wählen. Und auf dieser Basis lassen sich Ressentiments politisch wunderbar bedienen.

Was macht es generell mit uns, wenn uns Resonanzerlebnisse fehlen?

Es entsteht eine Entfremdung vom eigenen Leben. Wir haben zwar einen guten Job, eine Beziehung, ein grosses Haus, aber fühlen uns leer und unverbunden mit der Welt. Solche Menschen sind frustriert oder werden zu Wutbürgern. Sie finden zu Recht, dass es doch so nicht weitergehen könne. Sie fühlen sich betrogen, das Leben liefert nicht das, was ihnen versprochen wurde – das ist das Lebensgefühl vieler Leute, die AfD, SVP, Trump und Brexit wählen. Und auf dieser Basis lassen sich Ressentiments politisch wunderbar bedienen. Schuld sind dann Flüchtlinge, Ausländer, das Establishment. Doch auch mehr Geld, mehr Abschiebungen oder eine Mauer werden keine Abhilfe schaffen. Eine andere Reaktion auf mangelnde Resonanz sind Depressionen oder Burn-outs – beides Zustände, in denen die Welt nicht mehr mit uns spricht, Lebendigsein quasi nicht mehr klappt. Viele unserer aktuellen Krisen sind eine Folge nicht erfüllter Resonanzsehnsüchte.

Was bräuchte es, um die Lage zu verbessern?

Man müsste auf beiden Seiten ansetzen: jeder bei sich selbst – und alle zusammen für eine Veränderung von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Wir müssen die Steigerungslogik abschaffen. Sehr hilfreich dabei wäre ein bedingungsloses Grundeinkommen, über das in der Schweiz ja schon diskutiert und abgestimmt wurde. Es würde den Menschen eine materielle existenzielle Gewissheit geben. Und genau das würde es ihnen erlauben, sich zu öffnen und sich darauf einzulassen, berührt zu werden, ohne zu wissen, was daraus entsteht.

Was kann jeder für sich selbst tun?

Gegen die Effizienz- und Steigerungslogik im eigenen Leben angehen. Zum Beispiel seinen befriedigenden Job nicht aufgeben für einen weniger erfüllenden, nur weil man dort mehr verdient und auf der Karriereleiter etwas höher steht. Sich auf menschliche Begegnungen einlassen, den Obdachlosen an der Ecke nicht einfach ignorieren, sondern ihn ansehen oder ihm einen guten Morgen wünschen oder ihm gar zwei Franken geben. Man stellt so einen Moment von Menschlichkeit her, von Anerkennung. Bei fast jeder Alltagstätigkeit haben wir kleine Spielräume, bei denen wir statt auf Optimierung und Steigerung auf Berührung und Resonanz setzen könnten. Die müssen wir nutzen.

Die persönliche Seite klingt machbar, aber die institutionelle Seite zu verändern scheint ein geradezu hoffnungsloses Unterfangen. Man müsste das wirtschaftliche Grundgerüst der Welt umbauen.

Ja, einfach wird das nicht, es klingt nach einer reinen Utopie. Aber hoffnungslos ist es auch nicht. Es gibt Bereiche, wo man einfacher ansetzen könnte, etwa in der Bildung, der Pflege oder im Umgang mit Tieren in der Landwirtschaft. Dort bestehen viele Möglichkeiten, die man ohne grosse Revolution nutzen kann. In der biologischen Landwirtschaft wird das zum Teil jetzt schon getan; dort hat jede Kuh einen Namen, und es besteht eine Beziehung, obwohl sie ein Nutztier bleibt.

Gut, aber angesichts der ökonomischen Zwänge, die in den heutigen Unternehmen herrschen . . .

Vor 300 Jahren war das Fliegen ein unrealistischer Traum, heute eine Selbstverständlichkeit. Und da sollen wir es nicht schaffen, unsere eigenen, selbst geschaffenen Institutionen so zu ändern, dass sie uns ein besseres Leben ermöglichen? Wir sollten nicht voreilig kapitulieren.

Hartmut Rosa
«Ich bin im Südschwarzwald aufgewachsen und habe nur die besten Erinnerungen an die Migros.» (Bild: Frédéric Stucin / Pasco)

Ende März treten Sie in der Schweiz mit diesem Thema auf. Wie gut kennen Sie das Land?

Ziemlich gut. Ich bin im Südschwarzwald aufgewachsen, und meine Mutter stammt aus Rheinfelden, wo ich auch die ersten zehn Jahre gelebt habe. Wir waren damals sehr Richtung Schweiz orientiert und sind zum Beispiel jeden Samstag in der Migros Rheinfelden einkaufen und essen gegangen. Ich habe nur die besten Erinnerungen an die Migros. Und ich liebe die Berge, insbesondere das Berner Oberland – im Winter zum Skifahren, im Sommer zum Wandern.

Ihr Auftritt in Zürich wurde vom Migros-Kulturprozent mitorganisiert, das sich in vielen Bereichen engagiert, die Resonanz auslösen könnten. Ist es eine gute Sache, wenn ein Unternehmen so was macht?

Ich kenne die Details nicht, aber grundsätzlich ist genossenschaftliches Wirtschaften mit Sinn für kulturelle und soziale Prozesse ein vielversprechender Ansatz für mehr Resonanz im Leben der Menschen – und eine potenzielle Keimzelle für gesellschaftliche Veränderungen.

Was löst in Ihnen Resonanz aus?

Obwohl auch ich immer wieder im Hamsterrad der Steigerungslogik festsitze, zum Beispiel oft von Termin zu Termin hetze, gelingt es mir regelmässig, Resonanzmomente zu erleben. Meine Katze zum Beispiel löst das aus oder Musik. In meiner Gemeinde im Schwarzwald sitze ich ab und zu an der Kirchenorgel, ausserdem habe ich mit anderen Professoren in Jena eine Rockband gegründet. Sogar mit Studierenden in der Lehre kann es ab und zu vorkommen – ich hoffe, dass es ihnen auch so geht.

Und die Natur?

Oh ja, ich bin mit der Alpenkette vor Augen aufgewachsen. Schon als Jugendlicher bin ich manchmal lange gelaufen, um einen schönen Blick auf die Berge zu haben, und sass dann dort ein paar Stunden. Auch die Sterne lösen Resonanz aus; ein Patenkind hat mir eine eigene kleine Sternwarte mit Teleskop gebaut. Wenn ich da nachts sitze und ins All schaue, fühle ich mich mit dem Universum verbunden.

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