05. November 2018

Revival am Sonntag

Bänz Friedli durfte Rock ’n’ Roll hören. Hier kannst du dich mit ihm oder anderen Leser(inne)n austauschen und die vom Autor selbst gelesene Hörkolumne herunterladen.

CD-Stapel
Der Moment, wenn das Sammeln und Horten von Cds und LPs (s)einen Sinn bekommt...

Der Moment, in dem … So beginnen Memes, sprich «Miims», nicht wahr? Ein Webphänomen aus den USA. Meist mit den Worten «That moment when …» eingeleitet, umschreibt ein Meme eine absurde Alltäglichkeit, die jeder kennt. Und jetzt schreib ich mal eins! «Der Moment, in dem der Sohn fragt: ‹Haben wir was von Clearwater Revival?› – ‹CCR?› frage ich zurück. ‹Ssiii, ssiii-was?›, fragt wiederum er. Ich präzsisiere: ‹Creedence Clearwater Revival.› – ‹Ja, von denen.›»

Es geht also, kurz gesagt, um den Moment, da man ihm umgehend 15 CDs der Band und spätere Solowerke des Songschreibers John Fogerty auf den Tisch legt und raunt: «Im unteren Stock hats sonst von den meisten Alben noch die LP-Version.» Und es ist … Kein Triumph, nein. Eine Genugtuung? Auch nicht. Einfach ein schöner Augenblick. Weil das CD-Gestell, das den ganzen Flur in Anspruch nimmt und seit Jahren nur noch im Weg steht, wieder mal von Nutzen und all das Sammeln und Horten von Schallplatten doch nicht ganz für nichts war. (Auch wenn ich dem Zeitenwandel, der diese Tonträger nun mal hinfällig macht, unverkrampft gegenüberstehe.) Eine leise Freude ist es, dass der Heranwachsende sich für die Helden von damals interessiert, und ich werde hier nicht zu einem Exkurs ansetzen, warum ich CCR und nicht die Rolling Stones, sondern höchstens noch The Clash für die wichtigste Rockband aller Zeiten halte.

Natürlich geht es in dem Moment auch ums Älterwerden, um ein allmählich vergilbendes Koordinatensystem, das man nur noch mit einigen teilt: Tags zuvor habe ich einen Bewohner unseres Quartiers als «eine Mischung aus Winnetou und Les Humphries» beschrieben und nur Stirnrunzeln geerntet. Denn es ist nicht mehr selbstverständlich, sich auf Gesichter aus der Zeit zu beziehen, in der zwischen einem Puch Maxi und einem Ciao Welten lagen und man noch einen Lieblings-Beatle hatte (in meinem Fall: George Harrison, der coolste von allen, der sagte, nein, eine Wiedervereinigung gebe es «nicht, solange John Lennon tot ist»). Diese Dinge halt, die – obzwar belanglos – meiner Generation etwas bedeuten.

Einen Sonntag lang liess unser Sohn es durch die Wohnung dröhnen: «Who’s Gonna Stop the Rain», «Proud Mary», «Travellin’ Band» … Umwerfend, wie sie gegen den Vietnamkrieg und die Atomkraft ansangen – beides leider unvermindert aktuell – und gleich darauf unbeschwerte Reiter-und-Pferd-Romantik servierten. Diese Wucht, diese Stimme!

Genug der Worte für eine kleine Gefühlsregung. Der Witz eines Memes liegt in der Kürze, fertig – alles andere bleibt der Assoziation des Winzelnen überlaasen: «Der Moment, in dem der Sohn nach CCR fragt und du ihm 15 CDs hinlegst.»

Die Hörkolumne (MP3)

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