12. Januar 2018

Rettender Schnee für die Skigebiete

Die Schweizer Bergbahnen verbuchen seit Langem wieder einmal einen guten Saisonstart. Trotzdem werden künftig viele weitere Skigebiete verschwinden, glaubt der Alpenforscher Werner Bätzing.

Gute Schneeverhältnisse
Gute Schneeverhältnisse und ein schwächerer Franken haben den Skigebieten ein Plus beschert. (Bild: Keystone)
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Pulver gut, Wetter schön, Zahlen super: 35 Prozent mehr Gäste als in der Vorjahresperiode verzeichneten die Schweizer Seilbahnen bisher. Auch gegenüber dem Fünf- Jahres-Durchschnitt steht der aktuelle Winter mit einem Gästeplus von 14 Prozent gut da.

Noch vor diesem erfreulichen Saisonstart schrieb Philipp Lütolf, Professor an der Hochschule Luzern, in der Branchenanalyse «Bergbahnen»: «Die Lage der Schweizer Seilbahnbranche hat sich auf tiefem Niveau stabilisiert.» Hoffnung machten der schwächere Franken sowie die Tatsache, dass die meteorologischen Bedingungen gegenüber den vergangenen zwei, drei Jahren fast nicht mehr schlechter werden könnten. Mit bereits zehn Prozent mehr Skitagen im Mehrjahresschnitt könnten zahlreiche Skigebiete die nötigen Investitionen wieder bewältigen.

Geht es endlich wieder aufwärts mit dem Wintertourismus?«Ein guter Winter löst natürlichnoch nicht alle Probleme», dämpft Lütolf die Euphorie. Eine Gefahr sieht der Ökonom auch in superbilligen Saisonkarten, wie sie die Saastaler Bergbahnen letztes Jahr eingeführt haben: «Nach einem Preiskampf zwischen den Skigebieten haben am Ende alle wieder etwa gleich viele Gäste, aber deutlich weniger Einnahmen.»

Auch Alpenforscher Werner Bätzing kritisiert diese Dumpingpreise. Im Gegensatz zu Lütolf ist er zudem überzeugt, dass die meteorologischen Bedingungen durchaus noch schlechter werden können – und empfiehlt kleinen Destinationen darum eine Abkehr vom Abfahrtsskifahren.

Es ist absurd, wenn kleinere oder mittlere Skigebiete jetzt noch ausbauen

Werner Bätzing (68) gilt als einer der bedeutendsten Alpenforscher. Sein neustes Buch heisst «Eine Streitschrift zur Zukunft der Alpen. Zwischen Wildnis und Freizeitpark».

Endlich hat es wieder mal richtig geschneit. Dürfen wir auch künftig mit so viel Schnee rechnen?

Man darf nicht aufs Wetter schauen, wenn man das Klima beurteilt. Das Wetter bezieht sich auf den Augenblick, das Klima auf Zusammenhänge, die über einen längeren Zeitraum wirken. Und die deuten klar in Richtung weniger Schnee für uns.

Die Schweizer Seilbahnen haben rund ein Drittel mehr Gäste als im Vorjahr. Das sind doch gute Nachrichten.

Natürlich geht es etwas aufwärts. Nicht nur wegen des vielen Schnees, sondern auch wegen des stärkeren Euros und der instabilen Weltlage: Die Unsicherheit macht Ferienziele in Europa wieder etwas attraktiver. Aber das ist ein Tropfen auf den heissen Stein, wenn man bedenkt, wie viele Übernachtungen in den vergangenen Jahren verloren gingen

Der Verband Seilbahn Schweiz hat 290 Mitglieder mit Pistenbetrieb. Wie viele davon wird es in 10 oder 15 Jahren noch geben?

In den vergangenen Jahren sind im Alpenraum rund 60 kleine Skigebiete verschwunden. Auf der anderen Seite sind in gewissen Regionen durch Fusionen riesige Gebiete entstanden. Diese Entwicklung geht weiter: Ich schätze, dass es im ganzen Alpenraum in 15 Jahren nur noch etwa 75 riesige Skigebiete gibt und die meisten kleineren und mittleren geschlossen haben.

Im Val Müstair will man sechs Millionen für einen neuen Lift und Schneekanonen investieren.

Es ist absurd, wenn kleinere oder mittlere Skigebiete jetzt noch versuchen auszubauen. Der Zug ist abgefahren. Nicht nur wegen der Klimaerwärmung. Der Wettbewerb ist mörderisch geworden – unter anderem über Preisdumping wie das etwa Saas Fee macht. Meine Empfehlung für solche Gebiete ist, den Bestand zu wahren und allmählich auf andere Winteraktivitäten umzusteigen.

Was ist dein Lieblings-Wintersport in den Bergen?

Was heisst das konkret?

Städter haben ein grosses Bedürfnis, aus ihren urbanen Zentren hinauszukommen und Natur- und Kulturlandschaften zu erleben. Das Problem im Winter: Die Tage sind kurz, darum sollte man die Kultur am Abend stark machen und auch auf die Kulinarik setzen. Regionale Produkte haben für Besucher von Bergregionen eine hohe Attraktion. Ein weiterer Ansatz wäre Gesundheitsprävention, etwa in Form von Wellness.

Das klingt gut, aber lässt sich damit so viel Umsatz machen wie mit dem Abfahrtsskifahren?

Nein, das ist kein Massenmarkt. Aber der Vorteil ist, dass die Investitionen dafür auch nicht so hoch sind. Das heisst, der Betrieb lohnt sich bereits mit kleineren Zahlen. Ein weiterer Vorteil: Die Infrastruktur bleibt bei kleinen Investitionen eher im Besitz der lokalen Bevölkerung – und das Geld fliesst nicht in ausseralpine Regionen ab, wie das bei vielen grossen Destinationen der Fall ist.

Kennen Sie Schweizer Beispiele, wo das gut gelingt?

Gsteig und Lauenen im Berner Oberland oder auch die Gemeinden im Goms und im Park Beverin in Graubünden machen vieles richtig. Sie nutzen die vorhandenen lokalen Ressourcen und gestalten das Angebot so, dass die Gäste die Alpen erfahren – und nicht ein anonymes austauschbares Freizeitghetto.

Sind wir als Hochpreisinsel überhaupt konkurrenzfähig mit unseren Nachbarn?

Ja, weil die Schweiz beim Thema Alpen ein extrem starkes Image hat. Da hat die Schweiz einen Vorteil, den sie pflegen sollte.

Wie sieht Ihr Winterurlaub aus?

Im Winter bleibe ich zu Hause. In den Alpen mag ich vor allem die Abwechslung zwischen Kultur- und Naturlandschaft. Sie kommt im Sommer viel stärker zum Ausdruck.

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