01. Juni 2018

Ein zweites Leben für Mixer und Co.

In Repair-Cafés kann man seine defekten Geräte bei Kaffee und Kuchen von Profis gratis flicken lassen – und tut damit erst noch etwas gegen Ressourcenverschleiss und wachsende Abfallberge. Denn vielleicht ist der Föhn ja noch zu retten, wenn er den Geist aufgegeben hat? Zu Besuch in zwei Cafés.

Weihnachtsmann
Auch ungewöhnliche Gegenstände – wie ein leuchtender Weihnachtsmann – werden ins Repair-Café gebracht.
Lesezeit 7 Minuten

Ein Weihnachtsmann steht auf dem Tisch – mitten im Frühling. Das Problem: Er leuchtet nicht mehr. August Schoch (75) hat den Brillenträger mit der Zipfelmütze im vergangenen Sommer von einer betagten Dame geschenkt bekommen. Schon da war er kaputt. Kein Wunder, sagt Schoch, der weissbärtige Mann sei halt sehr alt.

Sven Gächter (40) lacht: Der Reparateur stellt den weihnächtlichen Patienten auf den Kopf und öffnet die Abdeckung an der Sohle der Stiefel. Der Fehler liege am Kabel, weiss er nach der kurzen Untersuchung. Ein neues Netzteil muss her. Er erklärt August Schoch, wo er ein solches kaufen kann. Leider habe er keins vor Ort. August Schoch freut sich trotzdem: «Jetzt weiss ich, was kaputt ist. Im Winter wird der Weihnachtsmann wieder leuchten.» Durch Zufall habe er erfahren, dass man in der Aula des Schulhauses Sandbänkli in Bischofszell TG Gegenstände gratis zum Reparieren bringen kann, so Schoch. Also habe er sich gedacht, er versuche sein Glück. Trotz «gratis» steckt August Schoch ein Nötli ins Spendenkässeli.

Repair Café Bischofszell
Das Repair-Café in Bischofszell.

Im Verlauf dieses Samstags kommen noch über 100 weitere Leute vorbei. Sie bringen Mixer, Radios, Nähmaschinen, Hosen, Föhne, Stühle oder Staubsauger mit. In der Mitte des Raums steht ein Tisch, an dem die Besucher bei Kaffee und Kuchen warten können, bis einer der 14 Reparateure Zeit für sie hat. Man kennt sich. Entweder aus dem Städtli oder vom letzten Repair-Café-Anlass vor einem halben Jahr.

Thomas, der Handwerkertyp

Gastgeber sind Yvonne und Thomas Sutter. Das Ehepaar führte vor zwei Jahren das erste Repair-Café an seinem Wohnort durch. Thomas (54) ist das pulsierende Herz des Anlasses. Als Handwerker-Typ flickt er auch zu Hause gern. «Ich finde es schade, Dinge wegzuwerfen, wenn sie eigentlich noch funktionieren würden», sagt er. Als er von Repair-Cafés erfuhr, stellte er sich in Weinfelden TG als Reparateur zur Verfügung. Die Idee eines eigenen Repair-Cafés setzte sich in seinem Kopf fest. Den Start erleichtert hat ihm die Stiftung für Konsumentenschutz, die hinter knapp 90 Repair-Cafés in der Schweiz steht. Die Stiftung hat ein Handbuch erarbeitet, mit dem man Schritt für Schritt ein Café gründen kann. «So haben wir nichts vergessen.» Sogar die Versicherung der Reparateure ist durch den Konsumentenschutz gewährleistet.

Organisatoren
Thomas und Yvonne Sutter sind die Organisatoren des Repair-Café Bischofszell.

Schon bei der ersten Durchführung habe das Repair-Café Bischofszell «sofort eingeschlagen», auch später sind die Besucherzahlen gestiegen. Seine Frau sei eine gute Werberin, sagt Thomas Sutter und zwinkert Yvonne zu. Das ganze fünfköpfige OK arbeitet mit viel Herzblut. Am Repariertag sind es die Handwerker, die alles geben. Die Sutters haben mittlerweile einen Pool von rund 70 Reparateuren, auf die sie zurückgreifen können. Diese nehmen meist ihr eigenes Werkzeug mit. «Als Handwerker hat man gern seine eigenen Arbeitsgeräte», sagt Sutter. Er spricht aus Erfahrung: Er kann es nicht lassen, während des Tages den einen oder anderen Gegenstand selbst unter die Lupe zu nehmen. Mit Schraubenzieher und Bohrmaschine haucht er ihnen neues Leben ein.

Alle tragen karierte Hemden

Das schweizweit erste und eins der grössten Repair-Cafés befindet sich in Bern. Im Kulturzentrum Turnhalle – nur einige Gehminuten vom Hauptbahnhof entfernt – hängen schicke Kronleuchter von der Decke. Einige Meter darunter sind Tische aufgestellt, angeschrieben mit «Textil», «Elektro», «Computer», «Allerlei». Die 20 Reparateure haben viel zu tun. Die meisten tragen ein kariertes Hemd mit hochgekrempelten Ärmeln – und erfüllen damit das Handwerkerklischee perfekt. Rund 45 Mitglieder hat der Verein Repair-Café Bern. Ihr Präsident ist Michael Beckmann, auch er trägt kariert. Der studierte Ingenieur schaut in die volle Halle: «Viele Besucher kommen direkt vom Media Markt zu uns. Dort sagt man ihnen, dass sie ein neues Gerät kaufen sollen, weil das billiger sei. Und das ist ja nicht gelogen.»

Repair-Café Bern
Das Repair-Café in Bern ist das älteste in der Schweiz.

Beckmann erinnert sich an eine ältere Dame, die vor einiger Zeit in die Turnhalle kam. Als der Reparateur ihren 40 Jahre alten Mixer reparieren konnte, hat sie geweint vor Freude. Sie und ihr verstorbener Ehemann hatten ihn zur Hochzeit geschenkt bekommen. Eins der Ziele der Repair-Cafés ist, dass die Besucher einen Bezug zu ihrem Gegenstand bekommen. Oft drücken die Reparateure ihnen spontan Werkzeug in die Hand, damit sie ihn selber reparieren können. «So steigert sich die Wertigkeit», weiss Beckmann.

Organisator
Michael Beckmann ist der Vereinspräsident.

Johanna (8) ist mit ihrem Mami und ihrem Grosi hier. Die drei beobachten, wie die Ohrringe der Grossmutter mit grosser Sorgfalt geflickt werden. Das Mädchen ist bereits zum zweiten Mal im Repair-Café. Beim ersten Besuch liess es seine Lieblingsjeans flicken. «Seither kann ich sie wieder tragen. Heute bin ich mit meinem Röckli da.» Auch ihre Mutter ist begeistert: «Mein Plattenspieler konnte repariert werden – hölleguet!» Über so viele Komplimente freut sich die Reparateurin Rebekka Zwahlen (57) natürlich. Sie ist für Schmuck und Textiles zuständig. Die diplomierte Pflegefachfrau wollte sich in ihrer Freizeit für etwas Sinnvolles einsetzen – und fand das Repair-Café. «Es gefällt mir, dass ich den Leuten helfen und gleichzeitig Wissen vermitteln kann.» Sie ist sich sicher: Die Einstellung des Nicht-Wegwerfens verbindet.

Hersteller rekonstruiert fehlerhaften Toaster

Sechsmal im Jahr findet das Repair-Café in der Turnhalle statt, rund vier- bis sechsmal ist es zusätzlich andernorts zu Gast. Doch der Verein sorgt nicht nur für glückliche Besucher. Er bringt auch Herstellerfirmen zum Handeln: Immer wieder kamen Leute mit dem gleichen Toaster ins Café, der ein und dasselbe Problem aufwies. Diesen systematischen Fehler meldete Beckmann der Stiftung für Konsumentenschutz. Diese wandte sich an die Firma, die den Toaster neu konstruierte. Dem Repair-Café stellte sie einen Beutel mit Ersatzteilen zur Verfügung, damit der fehlerhafte Toaster künftig repariert werden konnte. «Wenn der Hersteller offen für so etwas ist, dann ist das einfach super», sagt Präsident Beckmann.

Das Attribut «super» kommt auch im grossen Gästebuch mitten im Saal mehr als einmal vor. «Ihr seid Helden!», hat jemand geschrieben. «Ich bin so dankbar», steht darunter. Und im neuesten Eintrag in krakeliger Schrift: «Wieder wie früher – nix wird weggeworfen.»

Ein Tropfen auf den heissen Stein? – Irgendwo muss man ja anfangen

Raffael Wüthrich
Raffael Wüthrich
Raffael Wüthrich (32) ist Leiter Nachhaltigkeit und Energie bei der Stiftung für Konsumentenschutz.

Ist es denn so schlimm, einfach mal etwas wegzuschmeissen?

Wegschmeissen hat meist zur Folge, dass wertvolle Ressourcen verbrannt werden oder auf wilden Abfalldeponien in Afrika landen. Dessen muss man sich bewusst sein. Repariert man hingegen etwas, tauscht man oft nur ein bestimmtes Teil aus. Das ist ressourcenschonend, und man bekommt eine emotionale Bindung zum Gegenstand.

Von 4700 Gegenständen konnten im vergangenen Jahr 1800 nicht repariert werden. Sind Repair-Cafés nicht ein Tropfen auf den heissen Stein?

Irgendwo muss man ja anfangen. Je mehr Besucher mal da waren, desto mehr kommen wieder. Es ist nicht sinnvoll, dass man so vieles nicht reparieren kann. Das muss sich in Zukunft ändern, die Hersteller sind gefordert. Dennoch: 60 bis 70 Prozent kann repariert werden. Deshalb unterstützen wir den Aufbau weiterer Cafés.

Gibt es ein konkretes Ziel?

Bis ins Jahr 2022 wollen wir in jeder Stadt mit über 10 000 Einwohnern ein Repair-Café aufbauen. Das wären dann rund 150 in der Deutschschweiz. Das Ziel ist, dass alle in ihrer nächsten Umgebung eins vorfinden.

Wozu braucht es Repair-Cafés?

Hintergrund ist die sogenannte geplante Obsoleszenz, also der geplante Verschleiss. Es gibt Studien, die beweisen, dass Geräte immer schneller kaputtgehen. Dabei handelt es sich nicht nur um Billigramsch aus China. Für das Unternehmen ist es ein Gewinn, wenn es schneller neue Geräte verkaufen kann. Für die Umwelt hingegen ist das eine Katastrophe, denn für die Herstellung neuer Geräte werden viel Energie und Rohstoffe verbraucht. Auch die Wirtschaft verliert, da die Kaufkraft geschwächt wird. Und die Konsumenten haben weniger Geld im Portemonnaie.

Wie geht man dagegen vor?

Es gibt Vorstösse im Parlament. Diese fordern etwa, dass Ersatzteile länger verfügbar sind oder auf der Verpackung deklariert wird, wie lange das Gerät hält. Zudem sollen die Firmen transparenter kommunizieren, ob ihr Produkt reparierbar ist. Leider mahlen die Mühlen der Politik sehr langsam, und ich befürchte, dass diese Vorstösse keinen Erfolg haben werden.

Dafür steigen die Zahlen der Repair-Cafés. Wer besucht sie?

Eine gemischte Schar. Mit der Tendenz, dass eher jüngere und eher ältere Personen ins Repair­Café kommen. Die Mittleren fehlen ein wenig. Die Erklärung: Werden Handy- und Computerreparaturen angeboten, lockt das viele Junge an. Ältere Leute wiederum haben eher eine traditionelle Reparaturmentalität.

Fehlt den Jungen diese Mentalität? Eigentlich komisch: Bei der Ernährung ist es schon lange im Trend, bewusst zu leben.

Ich denke nicht, dass ihnen das Bewusstsein fürs Reparieren fehlt. Aber es stimmt: Der Trend bei der Ernährung ist gross. Reparieren ist noch nicht zum grossen Hype geworden. Doch die Bewegung ist auch noch sehr jung, das kann noch kommen.

Wieso müssen die Besucher für die erbrachte Leistung nichts bezahlen?

Bringt man einen kaputten Drucker ins Geschäft, muss man rund 100 Franken zahlen, um ihn untersuchen zu lassen. Für 80 Franken gäbe es jedoch einen neuen. Ein kleines, fieses Männchen in unserem Kopf sagt uns dann, dass sich ein neues Gerät mehr lohne. Wir wollen dieses Männchen im Repair-Café gar nicht erst zu Wort kommen lassen. Die meisten Leute machen eine freiwillige Spende, so gibt es trotzdem kostendeckende Einnahmen.

Was haben Sie selbst zuletzt geflickt?

Meinen Kopfhörer, bei dem ein Bügel kaputt war. Mit dem 3-D-Drucker habe ich im Repair-Café in Bern einen neuen gedruckt. Unsere Generation hat einen Vorteil gegenüber der vor uns: Heute findet man im Internet zu fast allem eine Reparaturanleitung.

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