07. September 2018

Rekonstruktion eines Todesfalls

Anja Kofmel macht animierte Filme über Hintergründiges. Ihr aktueller Film ist zugleich ihr persönlichster: «Chris the Swiss» kreist um das Schicksal ihres im Balkankrieg umgekommenen Cousins und um die Frage, was damals wirklich geschah.

Anja Kofmel
In in ihrem neusten Werk geht die Animationsfilmerin Anja Kofmel dem Schicksal ihres Cousins nach.
Lesezeit 4 Minuten

Anja Kofmel ist ein neugieriger Mensch. Sobald eine Geschichte Spannung und Kontroverse verspricht, macht es bei der 36-jährigen Regisseurin klick! – dann sucht sie nach einem frischen Zugang, recherchiert, dringt in die Tiefe. «Wenn ich einen Film plane, wird er schnell zu meinem eigenen Ding», sagt sie. Ihr neuestes Werk verlangte einen speziellen Zugang: Kofmel erzählt darin ihre eigene Geschichte, genauer die ihres Cousins. Es ist eine dunkle Geschichte. Sie rekonstruiert, wie der Schweizer Journalist Christian Würtenberg alias «Chris the Swiss» mit gerade mal 27 Jahren im Balkankrieg ums Leben kam.

Christian Würtenberg auf einem Foto aus dem Jahr 1991
Journalist Christian Würtenberg auf einem Foto aus dem Jahr 1991, ein Jahr vor seinem Tod auf dem Balkan.

Schon als kleines Mädchen war die in Lugano geborene Zürcherin fasziniert vom abenteuerlichen Leben des grossen Cousins, auch wenn sie keinen engen Kontakt pflegten: Chris ging im Teenageralter nach Namibia, um sich von den Südwestafrikanischen Territorialstreitkräften, den SWATF, ausbilden zu lassen. Und später als Journalist wollte er keine gewöhnlichen Geschichten dokumentieren – es zog ihn immer dorthin, wo ein Konflikt wütete.

Chris wurde für Kofmel eine Art Vorbild. Trotzdem lebte sie ein anderes Leben: Eigentlich wollte sie Tierärztin werden, aber nach der Matur begann sie, sich für Architektur zu interessieren. «Bloss fielen alle Modelle, die ich baute, in sich zusammen», sagt Kofmel mit einem Lachen. Dennoch absolvierte sie den gestalterischen Vorkurs an der Kunstgewerbeschule und erfuhr dort, dass man Trickfilmerin werden kann. Ihre Neugier war geweckt. Im Animationsfilmstudium konnte sie verschiedene Interessengebiete kombinieren: Zeichnen, aber auch Elemente wie Rhythmus, Musik und Erzählerisches.

Chris, das fremde Wesen

Als Kofmel das Alter erreichte, in dem ihr Cousin ums Leben kam, wurde aus der Faszination für ihn Unverständnis. «Was, wenn ich morgen umgebracht würde, und zwar in einem Krieg?», fragte sie sich. «Chris war für mich einfach ein Bursche, der mit dem Gewehr spielen wollte.» Immer wieder fragte sie sich, was damals genau passiert war. In ihrer Abschlussarbeit zeichnete sie deshalb einen Kurzfilm über Chris’ Geschichte. «Aber erst da merkte ich, dass diese Geschichte noch lange nicht zu Ende erzählt ist.» Sie entschied sich, weiter zu recherchieren und einen Film zu drehen. Nicht nur für das Publikum, sondern auch für sich selbst. Sie wollte verstehen.

Der Film «Chris the Swiss» vereint animierte Sequenzen über Kofmels Erinnerungen und dokumentarische Szenen, in denen sie nach Kroatien reist, um den Spuren des jungen Journalisten nachzugehen. Anhaltspunkte findet sie immer wieder in den Tagebüchern, die nach seinem Tod gefunden wurden.

Die Beteiligten hätten ihr viel Vertrauen entgegengebracht, nur deshalb habe sie den Film realisieren können. Sie wollte nichts beschönigen. Trotz der Animation sei es ja kein Kinderfilm. Schwierig seien die Interviews mit der Familie gewesen. Denn bei «Chris the Swiss» war sie nicht nur professionelle Filmemacherin, sondern auch Angehörige. «Ich musste meiner Tante und Chris’ Bruder intime Fragen stellen, dort graben, wo es wehtut; da ging ich an meine Grenzen.»

Nicht nur die Familie kommt zu Wort. Auch diverse Söldner, die während des Kriegs aktiv waren, liefern düstere Schilderungen und sind dabei erstaunlich offen. «Ich hatte Glück mit dem Zeitpunkt der Aufnahmen. Kroatien gehörte noch nicht zur EU, und die Söldner hatten quasi einen heroischen Status.» Sie schätzt deren Offenheit – «auch wenn ich ihre politische Haltung nicht teile». Ihre Statements seien wichtig. Sie machten aus den klischeebehafteten Monstern Menschen mit – mehr oder minder nachvollziehbaren – Motiven. «Das Leben ist eben nicht nur schwarz-weiss.»

Bewegendes Filmdokument

Zeitweise waren bis zu 35 Zeichner mit «Chris the Swiss» beschäftigt. Gleichzeitig mussten die dokumentarischen Teile des Films produziert werden. «Das war eine grosse Herausforderung, ich hatte bis dahin ja noch nie ein Projekt geleitet.» Auch die Finanzierung sei schwierig gewesen: «Niemand wollte Geld sprechen: Bei den Dokumentarfilmern hiess es, es sei ein Animationsfilm, und die Trickfilmbranche empfand ihn als Dokumentarfilm.» Kofmel hatte manchmal Zweifel, ob das Projekt funktionieren würde.

«Irgendwann bist du so sehr am Funktionieren, dass die persönliche Ebene sowieso wegfällt.» Dann fehle auch die Distanz, um beurteilen zu können, ob das Projekt gelinge. Entstanden ist ein Film, der zeigt, in welch schwierige Situationen sich Journalisten oft begeben. Ein berührendes Dokument, das auf verschiedenen Festivals viel Zuspruch erhalten hat.

Christian Würtenberg als Animationsfigur
Christian Würtenberg ist als Animationsfigur den ganzen Film hindurch präsent.

«Mein Leben ist durch Chris’ Tod nicht kaputtgegangen. Für seinen Bruder war er viel einschneidender», sagt Kofmel. «Er bezeichnet ihn im Film als Arschloch und sagt damit alles: wie viel Trauer noch da ist, wie viel Wut, Liebe, Unverständnis.» Auch darum ist der Film für Kofmel ein persönlicher Erfolg: Sie hat ihren Cousin besser kennengelernt, konnte verarbeiten und verstehen.

Inzwischen weiss sie, dass er 1992 in Kroatien erschossen wurde. Die ganze Wahrheit bleibt aber verborgen. Eigentlich sei anfangs vieles klarer gewesen. Trotzdem konnte, musste sie die Geschichte abschliessen. Auch um sich dem nächsten Projekt widmen zu können: Es handelt von einem blinden Mädchen, das plötzlich sehen kann und eine Welt erblickt, die allen anderen verborgen bleibt.

«Chris the Swiss» läuft ab 13. September in den Deutschschweizer Kinos.

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