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Im Reich des Gauliweibleins

Die quirlige Gaulihüttenwartin Susanne Brand (32) erfüllt ihr «Lebkuchenhäuschen» mit viel Charme und Herzlichkeit. Jeden Abend erzählt sie die Geschichte vom Gauliweiblein – und löst damit bei ihren Gästen wohliges Schaudern aus.


MIT DEM SAC ABGELEGENE TÄLER ENTDECKEN

Die Gaulihütte ist nicht die einzige Gaststätte fernab jeglicher Touristenströme. migrosmagazin.ch verrät fünf Zweitages-Wanderungen mit Übernachtung in weiteren SAC-Entdeckungen.

Anders als bei der Gaulihütte liegen allen folgenden Wochenend-Vorschlägen gut gangbare Routen zugrunde, dank denen nie auf demselben Weg abgestiegen werden muss. Achtung: Generell empfiehlt sich bei allen SAC-Hütten eine telefonische Reservation der Übernachtungsplätze, nicht nur am Wochenende oder in den Schulferien.

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Weitere SAC-Hütten, Wanderrouten und Kartenausschnitte: www.sac-cas.ch
Die Leutschachhütte, 1939 ursprünglich für die Landesausstellung erbaut. Die Elahütte zwischen Bergün und Savognin.




PORTRÄT
Die Stube in der Gaulihütte auf 2205 Metern ist voll besetzt. Die Gäste geniessen nach einem langen Wander- und Klettertag im Berner Oberländer Gauligletschergebiet das Abendessen. Dann kommt die Chefin, Susanne Brand (32), aus der Küche, steht mit ihrer weissen Schürze vor die Durchreiche, klingelt mit einem Glöckchen, so dass die Gespräche an den Tischen verstummen und alle aufschauen. Sie habe vor dem Dessert noch etwas zu erzählen, kündigt die quirlige Hüttenwartin mit dem blonden Wuschelschopf an.

Und dann nimmt sie die Gäste mit in die Welt des Gauliweibleins, das vor langer, langer Zeit im Tal unten gewohnt haben soll. Sie war nicht mehr die Jüngste, hatte eine Warze und manch graues Haar. «Doch eine Hexe war sie nicht, sondern ein Wiibli», weiss die Hüttenwartin. Der Meiringer Dorfbevölkerung war das Weiblein nie ganz geheuer, vermochte sie doch mit Kräutern und selber gemixten Salben und Tinkturen so manches Leiden zu heilen. Eines Tages beschloss die Dorfbevölkerung, das Weiblein müsse weg — und verbannte es kurzerhand mit einer Kuh auf die Alp beim Gauligletscher oben. «Kling ling ling», tönte es, als das Weiblein mit ihrer Kuh das stotzige Urbachtal hinaufzottelte. «Damals gabs noch keine gemütliche Gaulihütte, wo sie sich bei Speis und Trank hätte stärken und übernachten können», sagt die Hüttenwartin. Und als die Dorfbevölkerung dann eines Tages nach dem Gauliweiblein schauen wollte, war es verschwunden. Aber wer heute beim Gletscher die Ohren gut spitze, könne manchmal ein Glockengebimmel vernehmen, «kling ling ling». Man erzähle sich auch, dass das Gauliweiblein bei Sturm und Regen jeweils bei der Gaulihütte oben auftauche und vor Wut heftig an den Fensterläden rüttle.

In etwa eineinhalb Stunden erreicht man von der Hütte aus den Gauligletscher. Der Gletschersee mutet mit seinen Eisbergen geradezu arktisch an.

Susanne Brand liebt es zu erzählen. Genauso, wie sie ihre Arbeit als Hüttenwartin mit grosser Freude macht. Und als Original macht sie weit herum von sich reden. «Du warst so charmant bei unserem letzten Besuch, da war uns klar, dass wir wiederkommen», schäkert ein Gast am Nachbartisch, als sie die Desserts serviert. An die Geschichte, die sie damals erzählte, könne er sich zwar nicht mehr erinnern, «aber an dein herziges Lächeln schon». Susanne Brand schmunzelt. Die kurzen Haare stehen strublig in alle Richtungen, und ihre Pausbäckchen sind ganz rot.

Vom Kindergarten in die SAC-Hütte

Dass sie einst hier oben landen würde, hätte sie beim ersten Besuch der Hütte vor 18 Jahren nie gedacht. Arbeitete die gebürtige Saanenländerin doch damals noch als Kindergärtnerin und später als Primarlehrerin in Meiringen BE. Auch das mit viel Herzblut. «Die Kinder haben mir auch sehr viel gegeben.» Doch als im Magazin des Schweizer Alpen-Clubs die Stelle als Hüttenwart ausgeschrieben war, habe es sie dann doch gereizt. «Mal was Neues, warum nicht.» Und als sie sich zusammen mit ihrem Partner Toni Kehrli bewarb, bekam das junge Paar vor sechs Jahren die Stelle tatsächlich.

Zwei Jahre lang waren sie zusammen die «Hütteni», als ihr Partner, ein Bergführer, von heute auf morgen von einer Lawine aus dem Leben gerissen wurde. Wie schon sein Vater. Auch dieser starb einst den weissen Tod. Doch das hielt die junge Frau nicht davon ab, die Hütte fortan in Eigenregie zu führen. Unterstützt wird sie seither von der Mutter ihres verstorbenen Partners sowie von zwei Hüttenfeen und so manch anderem guten Hüttengeist, der ihr tatkräftig zur Hand geht, Brot und Kuchen bäckt, beim Kochen hilft, die Gäste bedient, die Hütte auf Hochglanz poliert oder auch mal bei Aussenarbeiten mit anpackt, wie etwa den Weg wieder instand zu stellen oder die Hütte neu zu schindeln.

Eine Fünftagewoche gibt es als Hüttenwartin nicht

Ein anderes Leben als das der Hüttenwartin kann sich Susanne Brand im Moment nicht vorstellen. Auch wenn die Tage lang sind. Sie dauern öfters von 3.30 Uhr bis 23 Uhr. Auch eine Fünftagewoche kenne sie hier oben nicht. Das Wetter bestimmt den Arbeitsrhythmus. Wenn es schön ist, ist die Hütte voll. Tage- und wochenlang. Dann arbeitet Susanne Brand durch. Bis zur nächsten Regenperiode, wo die Gäste wieder lieber unten bleiben.

Susanne Brand mag die Abgeschiedenheit auf dem Berg. Über Satellit allerdings hat sie Zugang aufs Internet, und sie checkt täglich ihre Mails.

Das einfache Leben hier oben hat es ihr angetan — ohne Fernseher, Kino und andere Ablenkungen. Und obwohl sie nach einer anstrengenden Saison im Herbst jeweils gerne wieder runter ins Tal gehe, sagt sie: «Irgendetwas zieht mich immer wieder hier hoch in die Abgeschiedenheit am Berg.» Stecke doch das Gebiet voller Geheimnisse, Geschichten und kraftvoller Orte, etwa beim Wasserfall oder beim Steinmännchen.

Dass der frühe Verlust ihres jungen Partners sie geprägt habe, sei gut möglich, sinniert sie. Kein Tag mehr sei für sie selbstverständlich. «Und ich schätze die kleinen Dinge mehr. Steckt nicht im Kleinen das ganz Grosse?» Sie könne sich extrem über ein Blümchen am Weg freuen. Ist doch das Gaulihüttengebiet ein richtiges Bergblumenparadies voller Vergissmeinnicht, Knabenkraut, seltener Schwefelanemonen und natürlich Enziane und Alpenrosen. Und Dinge, die sie früher an die Decke brachten, würde sie kaum mehr registrieren. Das Leben sei zu kurz, um sich aufzuregen, findet sie, und viel zu wertvoll.

Viel lieber freue sie sich über all das Schöne, das jeder neue Tag ihres Hüttenwartinnendaseins bringe, und die Begegnungen mit den Gästen. «Der persönliche Kontakt ist mir wichtig.» Sagts, lächelt ihr charmantes Lächeln, und flitzt davon, um die eben eingetroffenen Gäste zu empfangen.

Das Drama am Gauligletscher

Ein amerikanisches Militärflugzeug verirrte sich auf dem Weg von Wien nach Marseille und stürzte am 19. November 1946 auf den Gauligletscher ab. (Bild: Keystone)

Die Gauliregion ist voller Geschichten. Im November 1946 geriet das amerikanische Kleinflugzeug Dakota in einen Schneesturm und stürzte auf den Gauligletscher. Alle zwölf Passagiere, alles hochrangige US-Generäle, überlebten wie durch ein Wunder. Fünf Tage harrten sie in eisiger Kälte aus, bis sie gerettet wurden. Die Landung eines Rettungsflugzeugs auf einem Gletscher war erstmalig und die Geburtsstunde der Rega.

Das Drama machte weltweit Schlagzeilen. In der Hütte zeugen Zeitungsausschnitte und Fotos von der Bruchlandung. Im Februar 2012 strahlte das Schweizer Fernsehen einen Dokumentarfilm über das «Drama am Gauligletscher» aus. Eine geplante Verfilmung à la Hollywood scheiterte jedoch an der Finanzierung. Das Projekt hätte 20 Millionen Franken gekostet. Gut möglich, dass das Filmvorhaben «Dawn over Dakota» jetzt wieder Aufwind bekommt. Sei doch kürzlich ein Teil des vom Gauligletscher verschluckten Flugzeugwracks gesichtet worden. «Früher oder später kommt das Flugzeug wieder zum Vorschein», sagt Gaulihüttenwartin Susanne Brand. Und mit ihm vielleicht auch Dinge, die damals via Luft zu den im Eis ausharrenden Passagieren abgeworfen wurden. «Vielleicht taucht bald eine Whiskyflasche auf. Die hätte jetzt ein schönes Alter», schmunzelt die Hüttenwartin.

 

Erschienen in MM-Ausgabe 30
23. Juli 2012

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Mit rund 135'000 Mitgliedern ist der Schweizer Alpen-Club SAC einer der grössten Sportverbände der Schweiz. Der SAC fördert den Bergsport — ob klassischen Alpinismus oder moderne Varianten wie Eisklettern oder Bouldern. Aushängeschild des SAC sind seine 152 Hütten in den Schweizer Alpen. Daneben ist der Club zusammen mit der Rega Stiftungsträger der Alpinen Rettung Schweiz. Auch Umweltschutz ist ein wichtiges Thema: Der SAC setzt sich aktiv für den Schutz der Gebirgswelt und den...

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3 Kommentare

skender gjyrevci.aus kosovo [Gast]

Geschrieben am
31. Mai 2014

Viele gruus an susanne aus kosovo

Markus Jaun [Gast]

Geschrieben am
25. Juli 2012

Das ist ein bewegender, lebendiger Artikel. Er gibt Lust den Gauligletscher und die Hüttenwartin kennen zu lernen. Das Gauligebiet ist im Winter zudem auch ein grossartiges Skitourengebiet.

 

Rolf Christen [Gast]

Geschrieben am
29. Juli 2012

Mein Kompliment an Frau Brand, dass sie alles - trotz schwerem Schicksalsschlag - durchhält.

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