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Bretonische Sonnenstube

An der zerklüfteten Küste der Belle-Île-en-Mer in der südlichen Bretagne führen viele Wanderwege durch eine raue Idylle. Das Leben auf der windumtosten Insel ist einfach und ruhig, aber ihre Bewohner lieben sie gerade deswegen.

Der Regen peitscht über die grünbraune Klippenlandschaft, der Wind weht laut, und man muss sich gegen ihn stemmen, um vorwärtszukommen. Die Kleider sind durchnässt, an den Ohren ist es kalt – egal. Zu schön ist der Moment, die Landschaft ist schlicht atemberaubend.

Felsnadeln strecken ihre schroffen Kanten aus dem Meer, Wellen peitschen, die Gischt spritzt hoch. Eine Schönheit, wie sie nur die Natur schaffen kann. So kam dieser Flecken Erde in der südlichen Bretagne auch zu seinem Namen: Belle-Île-en-Mer – schöne Insel im Meer. Sie ist nach Korsika die grösste Insel Frankreichs undliegt 14 Kilometer vor dem Festland.

Zwei Supermärkte, eine Brauerei

Dieser idyllische Ort zieht immer wieder Auswärtige an. Zum Beispiel Muriel Gautier (52), die seit 15 Jahren auf der 84 Quadratkilometer grossen Insel wohnt. Die Waadtländerin führt die Bäckerei «Les Gourmandises» im Hauptort Le Palais. Dort, wo die Fähre ankommt, wo sich die meisten Hotels, Läden, Bars und Restaurants befinden und sich die Mehrheit der Insulaner niedergelassen hat.

Muriel Gautiers Mann war auf Belle-Île aufgewachsen. Der gelernte Pâtissier hatte lange in Paris und der Romandie gearbeitet. Es war sein Lebenstraum gewesen, in seiner Heimat ein eigenes Geschäft zu eröffnen.

«Ich kannte die Insel von den gemeinsamen Ferien und fand es wunderschön», erinnert sich Muriel Gautier. «Der Umzug hierher war aber schon eine ziemliche Veränderung», fügt die 52-jährige Schweizerin lachend hinzu. «Ich habe immer in urbanen Gegenden gelebt, meist in Vevey.»

Die Belle-Île hingegen hat gerade mal 5000 Einwohner. Sie ist neun Kilometer breit, 20 Kilometer lang und hat insgesamt zwei Supermärkte, eine Brauerei und drei Käsereien. Im Winter herrscht tote Hose, im Juli und August steigt die Population auf das Zehnfache an: Wer hier wohnt, lebt vom Tourismus.

Die Waadtländerin Muriel Gautier führt seit 15 Jahren ihre Bäckerei auf der Belle-Île.

Das Ehepaar Gautier hatte zwei Bäckereien und einen Imbiss, es lief gut. Doch vor neun Jahren geschah das Unglück: «Mein Mann starb ganz plötzlich an einem Herzinfarkt.» Für das Trauern blieb nicht viel Zeit, es musste weitergehen, und Muriel Gautier musste vollen Einsatz leisten.

Heute hat sie ihre Tätigkeit auf die Boulangerie Gourmandises reduziert. Wenn sie nicht selbst in der Backstube steht, dann tut es ihr Sohn Eric (22), ein ausgebildeter Bäcker. Neben Brioches, Croissants und Baguettes stellen sie natürlich auch die buttrig-schweren typischen Spezialitäten wie den Kouign-amann, das Far breton und den bretonischen Kuchen her.

«Die Lebensqualität hier ist einmalig, es ist sehr friedlich. Wir haben die Natur vor der Haustür, überall», schwärmt Muriel Gautier. «Wir sind etwas geschützt und haben die Probleme der Grossstädte nicht. Aber auch nicht deren Vorteile.»

Bei aller Schönheit ist das tägliche Inselleben streng. «In zwei bis vier Monaten muss man den Jahresverdienst einbringen», erklärt die sympaphische Waadtländerin. Dann, wenn sie die Insel geniessen könnte, muss sie arbeiten. In der freien Zeit im Winter ist es meist kalt und grau, und die Fähre aufs Festland fällt wegen Sturms regelmässig aus. «Man ist hier ziemlich isoliert.»

Windige Inselidylle

Wenn Muriel Gautier aber Zeit hat, sucht sie die wirklich schönen Ecken der Insel auf. Wie die Felsen von «Port-Coton» – zu Deutsch etwa «Hafen der Baumwolle». Hier spritzt die Gischt oft so weiss und dicht empor, dass sie aussieht wie flaumige Baumwolle. Auch die Pointe des Poulains im Nordwesten ist eine äusserst reizvolle Landschaft. Im alten Fort auf der windigen Inselspitze hatte sich Ende des 19. Jahrhunderts die berühmte französische Schauspielerin Sarah Bernardt niedergelassen.

Malerisch ragt der Leuchtturm von Poulain auf dem ockerbraunen Felsen in die Höhe. Der Himmel leuchtet stahlblau, Wolkentürme ziehen fotogen vorbei, als Pierre Briolet (33) vom lokalen Tourismusbüro uns hierher führt. «Im Frühling ist alles farbig übersät mit rosa Blüten», sagt er begeistert.

Auch er ist ein Zugezogener. Von klein auf ist er hierher in die Ferien gekommen. Auf der Insel zu wohnen, ist sein Lebenstraum. «Es gibt ebenso viele Sonnentage wie in Nizza», schwärmt er. Bloss die Tage sind windiger, die Temperaturen etwas tiefer, und statt der satten Eleganz des Südens hat man raue Idylle. Wie in Sauzon, einem lauschigen Hafenstädtchen, wo die Ebbe zweimal am Tag unter den ankernden Booten das Wasser wegzieht.

Abendsonne auf der Belle-Île: Einst ein Fischerhafen, tummeln sich hier heute fast nur noch Touristenboote.

Ob Ebbe oder Flut, eins geht immer: wandern. Die Belle-Île besitzt fast über die gesamte Küstenlänge einen Wanderpfad. Für uns beginnt die «Ballade» in der windgeschützten Bucht von Kérel. Der Sandstrand ist von Gebüsch und hohen Gräsern umgeben, Ausflügler picknicken, es gibt eine Feuerstelle, im türkisblauen Wasser wiegen sich kleine Boote.

Ein schmaler, verschlungener Pfad führt über dicht bewachsene Felsen hinauf. Die Sicht geht bald weit übers Meer, ein Wohnhaus steht einsam auf einem Vorsprung, im Gegenlicht zeichnen sich dunkel die Klippen ab. Nur eine Windung, und da ist er wieder, plötzlich und heftig: der Wind. Das Tosen ist laut, die Wellen brechen. Man muss sogar das Handy gut festhalten, damit es nicht davonfliegt. Glücklicherweise bläst es stets vom Meer her.

Liebe auf den ersten Blick

Nur ein kurzes Stück Weg, und schon ist man wieder im ruhigen Windschatten, Wasser plätschert friedlich um Bootsplanken, Möwen kreischen. Kein Wunder, dass sich von dieser Landschaft zahllose Künstler inspirieren liessen. Der bekannteste ist Claude Monet, der 1886 für zwei Wochen hierher reiste und schliesslich drei Monate blieb, so sehr fesselte ihn, was er hier sah.

«Es war ein coup de cœur, Liebe auf den ersten Blick», erinnert sich Jean-Marie (74) über die Belle-Île. In den 1960er-Jahren kam der Nordfranzose erstmals auf die Insel, vor drei Jahrzehnten liess er sich hier nieder.

Schiffe sind sein Leben: Jean-Marie ist einer der vielen Zugezogenen, die sich in die bretonische Insel verliebt haben.

Mit seiner Mütze sieht Jean-Marie, der seinen Nachnamen nicht nennen mag, aus wie ein waschechter Bretone. Im Herzen ist er einer: Er liebt das Meer, das Segeln und das einfache Leben. Er arbeitete als Handelsreisender, ist Lebenskünstler und liebt Schiffe. Sein halbes Leben handelte er mit nautischen Objekten, sein Haus ist von oben bis unten voll davon.

«Auf der Belle-Île scheint die Zeit stillzustehen», schwärmt Jean-Marie. «Hier muss man geniessen können, was da ist: Landschaft, Natur, Einfachheit. Du findest Ruhe und hast nicht ständig das Gefühl, noch irgendetwas erledigen, erleben oder verwirklichen zu müssen.»

Ausflugsziel Halbinsel Rhuys

Entspanntes Leben findet man auch auf dem nahegelegenen Festland, auf der Halbinsel von Rhuys. Auf der einen Seite vom Atlantik, auf der anderen Seite vom Wasser des Golfs von Morbihan umgeben, findet man ein Segelboot- und Austernparadies und dazu noch eine ideale Wander- und Fahrradlandschaft. Auch hier führen Fusswege fast der gesamten Küste entlang. Velofahrer werden auf zahllosen Strecken über die beschauliche Halbinsel gelotst. Am gemütlichsten geht es mit dem E-Bike.

Auf dem Festland gegenüber der Belle-Île liegt die Halbinsel Rhuys. Sie lässt sich gut mit dem Velo erkunden.

Idealer Ausgangspunkt für einen Ausflug ist Arzon an der Inselspitze. In dem früheren Hafenstädtchen leben 13 000 Einwohner, im Hochsommer zehnmal mehr. Der moderne Jachthafen beeindruckt mit endlos vielen Booten. Es gibt aber auch schnucklige Hafenquais, herzige Bretonenhäuschen, verwinkelte Küstenabschnitte, Menhire und Dolmen. Das sind steinerne Überreste aus der Zeit der Kelten. In den flachen Buchten sammeln Einheimische bei Ebbe Krustentiere.

Auf dem windigen Aussichtspunkt der «Pointe de Bilgroix» blickt man auf die Inselchen des Golfs von Morbihan und entdeckt Austernzuchten, wo die Muscheln über einen Zeitraum von drei Jahre heranwachsen, bevor sie in einem der vielen Hafenrestaurants frisch aus dem Meer serviert werden. Und zum Trinken gibt es natürlich bre­tonischen Cidre. So schnell möchte man hier nicht mehr weg. 

Die Reise für diese Reportage wurde unterstützt von Atout France.

 

Erschienen in MM-Ausgabe 16
18. April 2017

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