14. Dezember 2017

Reise nach Panama – Teil 1

Panama ist eine Entdeckung – für Foodies genauso wie für Naturliebhaber. Das mittelamerikanische Land besticht durch kulturelle Kontraste und eine reiche Flora und Fauna.

Aussicht auf die Skyline von Panama
Vom Stadtberg Cerro Ancón aus bietet sich eine grandiose Sicht auf die Skyline von Panama City.
Lesezeit 6 Minuten

Die Ankunft in Panama ist laut. Just in der Minute, in der wir am Flughafen Tocumen landen, qualifiziert sich das Land zum ersten Mal für die Fussballweltmeisterschaft. Das löst eine nationale Euphorie aus. Getragen von einem Autohupkonzert, fahren wir auf dem Highway der Skyline von Panama City entgegen.

Augenblicklich zeigt die Stadt ihre Kontraste: ärmliche Wellblechhütten neben modernen Wolkenkratzern, alte, mit Airbrush verzierte Busse neben schicken Uber-Karossen. In den futuristischen Gebäuden der Finanzmetropole arbeiten Tausende von Bankern aus aller Welt.

Es war unglaublich befreiend, mal ein Schleifgerät in die Hand zu nehmen, das machst du als Banker ja nie.

Benjamin Bracher

Einer davon ist Benjamin Bracher. Der 33-jährige Berner mit chilenischer Mutter hat eine typische Bankkarriere bei der Credit Suisse absolviert und ist vor drei Jahren als Expat nach Panama gekommen. Ein angenehmes Leben in materiellem Wohlstand. Doch er suchte nach einer sinnvolleren, weniger oberflächlichen Beschäftigung. Diesen September hat er seinen Job gekündigt, um sich seinem Kunstprojekt «Casa Selva» zu widmen: Zusammen mit seinem Cousin Severin Bracher (24) und Cristian Zuñiga (30) kreiert er Kunst, etwa einen Tisch aus einem Holzstrunk, Skulpturen aus geschweissten Nägeln oder einem alten Anzug.

«Mir gefällt der entspannte Lebensstil der Panamaer, doch als Banker will ich nicht hier bleiben», sagt Bracher. Mit dem Kunstprojekt hat er für sich nun die ideale Lösung gefunden. «Es war unglaublich befreiend, mal ein Schleifgerät in die Hand zu nehmen, das machst du als Banker ja nie.»

Dennoch profitiert er von seinen Kontakten aus der Bankerzeit: Darunter befindet sich auch der junge Starkoch José Carles Olmuedo. In seinem Restaurant, im «Donde José» , muss man normalerweise drei Monate im Voraus reservieren – es gibt nur 16 Plätze. Serviert werden keine Gänge, sondern Geschichten; sie tragen Namen wie «Urban Surroundings» und sollen den Alltag in Panama City widerspiegeln. Mit Zitrussäften vermischte Kräuter etwa prickeln wie das Leben in der pulsierenden Stadt. Die rau­chigen Noten unseres Menüs – frittierte Käse-Mais-­Bällchen mit einer unwiderstehlichen Tomatensauce, ein herrlich würziges Tatar und das typische Eisdessert «Raspao» – lassen uns noch Tage später schwärmen.

Endlich im Dschungel

«Que xopa?», begrüsst uns unser Guide Josue Uno am nächsten Morgen: «Alles klar?» In Costa Rica würde das niemand verstehen, erklärt der 30-Jährige. Der Ausdruck werde nur in Panama verwendet, hier dafür inflationär. Uno bezeichnet sich als Geschichtenerzähler. «Schon im Alter von zehn Jahren war das meine Passion. Ich habe zwar Wirtschaft studiert, aber die Arbeit als Tourguide sagt mir mehr zu.» Keine Frage, auf die er nicht sofort eine Antwort weiss.

So auch bei unserem ersten Kontakt mit der Flora und Fauna in Panama – im Museum: Im futuristischen Museo de la Biodiversidad von Architekt Frank Gehry erfahren wir, wie Panama sich aus tektonischen Platten ge­bildet und die Vulkan­erde sich ­geformt hat – und wie dadurch eine schier grenzenlose Biodiversität entstand: Es gab drei Meter grosse Faultiere, Nashörner und Kamele, die irgendwann wieder verschwanden, Affen, Capybaras (grosse Nagetiere) und Krokodile, die man mit etwas Glück noch heute antrifft.

Wisst ihr, warum mein Wohnort ‹Arraijan› heisst?

Josue Uno

Den realen Dschungel erleben wir während einer Flussfahrt durch den Panamakanal und die vielen kleinen Seen, die bei dessen Bau entstanden sind. Wir passieren den Chagres – den einzigen Fluss der Welt, der in zwei Ozeane fliesst – und entdecken eine schillernde Vogel- und Schmetterlingswelt. Wir machen Bekanntschaft mit den frechen Kapuzineraffen, sehen Kaimane und Capybaras. Nur die Faultiere sind wohl zu faul, um sich blicken zu lassen.

Also besuchen wir die «Miraflores Locks» , die Schleusen des Panamakanals. Wir passieren die «Puente de las Américas», bis 2004 die einzige Verbindungsbrücke zwischen Nord- und Südamerika. «Wisst ihr, warum mein Wohnort ‹Arraijan› heisst?», fragt Guide Josue. Es klingt wie «areihän», also «at the right hand». Josue klärt uns auf: Der Ort liegt auf der rechten Seite des Panamakanals und verdankt seinen Namen den Amerikanern.

Land im Aufschwung

Der Einfluss der USA macht sich nicht nur in der Sprache der Panamaer bemerkbar. Nachdem das Land sich von Kolumbien abgespaltet hatte, erhielten die Amerikaner das Recht, den Panamakanal zu bauen. 1914 wurde er fertiggestellt, fortan gehörten die Zone um den Kanal und die Zolleinnahmen den Amerikanern. 1999 wurde das gesamte Gebiet an Panama zurückgegeben, was im Land zu wirtschaftlichem Aufschwung führte.

Diese Entwicklung nimmt seit Juni 2016 weiter zu, seit die zweiten und grösseren Kanalschleusen eröffnet wurden. Die grössten Güterschiffe, die maximal 14 000 Con­tainer führen,zahlen bis zu einer Million US-Dollar Zoll, um den 82 Kilometer langen Kanal passieren zu können. Dafür werden sie auf der einen Seite um 26 Meter erhöht und auf der anderen wieder gesenkt. Das ist nötig wegen der Gezeiten, die im Pazifik einem anderen Rhythmus folgen als im Atlantik.

Nach einigen Tagen in der Hauptstadt reisen wir weiter in Richtung Norden. Wir machen Halt in Boquete, einem Dorf am Fuss des Barú: Der Vulkan ist mit 3475 Metern die höchste Erhebung im Land und sorgt für besonders nährstoffhaltige Böden. So wächst in dieser Region eine der weltweit teuersten Kaffeesorten. Wir besuchen die Finca Lerida , ein Anwesen, das 1920 von einem Norweger erbaut wurde. Wir wandern durch die hügeligen Kaffeeplantagen am Rande des Urwalds und lernen, wie der Kaffee wächst: Anfangs ragt eine einzige Kaffeebohne auf einem dünnen Halm aus der Erde.

Kaffee, so erfahren wir, lässt sich auf unterschiedliche Arten rösten: Das Resultat, die grossen Unterschiede im Geschmack, erleben wir bei einer Degustation.

Die Nacht verbringen wir im gemütlichen Hotel Panamonte , in dem einst Ingrid Bergman abstieg. Attraktionen des über 100-jährigen Hotels: der gleichaltrige, riesige Kaktus im grossen Garten und die Küche von Charlie Collins – er zählt zu den besten Köchen in Panama. Wir geniessen den köstlichen Naranjilla-Saft, knusprige Patacones aus grünen Bananen und eine würzige Sancocho – die cremige Hühnersuppe, von der jeder Panamaer behauptet, er kenne das beste Rezept.

In Begleitung der Meeressäuger

Wer Wale beobachten will, muss früh aufstehen. Gute Chancen hat man etwa in Bocas del Toro an der Atlantikküste. Der Ort ist allerdings eine beliebte touristische Destination und darum relativ stark frequentiert. Wir bevorzugen den am Pazifik gelegenen Ort Chiriquí. Mit uns im Boot sitzt eine Frau, die schon zwölf Touren unternommen, aber noch nie Wale gesehen hat. Ein schlechtes Omen?

Als wir die Hoffnung schon fast aufgegeben haben, spritzt plötzlich eine Fontäne in die Luft: Eine Buckelwal­mutter beglei­tet uns mit ihrem Kalb – ein majestätischer Anblick. Auf der Rückfahrt folgt der nächste Höhepunkt: Unserem Schiff gerät in eine Delfinschule, deren mutigste Tiere am Bug mitschwimmen und vor Freude quietschen.

Zu guter Letzt werden wir Backpacker: Wir besuchen die San-Blas-Inseln im Atlantik oder «Kuna Yala», wie die Einheimischen, die Kunas, sie nennen. Wer hier übernachten möchte, lässt mit dem Rollkoffer am besten auch das Shampoo zurück: Die Duschen werden mit Salzwasser betrieben, das ungefiltert zurück ins Meer fliesst.

Die Nächte hier sind stürmisch, aber lau. Und auch das Meer ist warm: Stundenlang schnorcheln wir den weissen Sandstränden entlang und tauchen nach Muscheln. Zwischen den Inseln, es scheint mitten im Meer, entdecken wir auf einer Bootstour den «natural swimmingpool», eine Sandbank mit knöcheltiefem Wasser und Seesternen. Wir lassen uns treiben und denken an die Worte des Kinderbuchautors Janosch: «Oh, wie schön ist Panama!»

Die Recherche zu dieser Reise wurde unterstützt von Visit Panama .

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