11. Oktober 2017

Regisseurin mit Tiefgang

Die Dokumentarfilmerin Sabine Gisiger widmet sich Themen, die sie selbst umtreiben, und versucht sie von allen Seiten zu beleuchten. Für ihren neuen Film «Willkommen in der Schweiz» – wir verlosen Kintickets – ist die preisgekrönte Zürcher Regisseurin nach Oberwil-Lieli AG zum Flüchtlings-Hardliner Andreas Glarner gegangen.

Sabine Gisiger
Sabine Gisiger will mithilfe von Dokumentarfilmen die Realität besser verstehen.

Das europäische Flüchtlingsdrama im Sommer 2015 ist auch an der Zürcher Dokumentarfilmerin Sabine Gisiger (58) nicht spurlos vorübergegangen. «Ich sah diese schrecklichen Bilder im Fernsehen, war sehr aufgewühlt und fing mit Freundinnen an, Kleidung für die Menschen auf der Balkanroute zu sammeln», erzählt sie und nimmt dabei immer wieder mal einen Zug von ihrer E-Zigarette. «Dann sagte mir meine Produzentin Karin Koch, ich solle doch gescheiter helfen, indem ich etwas tue, das ich könne – mich also mit einem Film zum Thema einmischen.»

Kurze Zeit später sah Gisiger einen Fernsehbeitrag der ARD, in dem Andreas Glarner (55), SVP-Gemeindeammann des kleinen Aargauer Dorfs Oberwil-Lieli, erklärte, weshalb seine Gemeinde lieber 290'000 Franken zahle, als sieben Flüchtlinge aufzunehmen. «Ich war schockiert und beschämt und wollte mehr wissen, wollte verstehen, wie dieser Mann zu einer solchen Haltung gekommen ist.» Sie rief Glarner an und fragte ihn, ob sie mal vorbeikommen dürfe.

Gemeinsamkeiten, aber ganz anderes Weltbild

«Er war total offen. Und als wir uns trafen, realisierte ich rasch, dass wir einige Gemeinsamkeiten haben: im selben Kanton aufgewachsen, etwa gleich alt, geschieden, Eltern von Töchtern – dennoch lebte er in einer ganz anderen Welt, mit einem ganz anderen Weltbild.»

Und so machte sie Andreas Glarner und Oberwil-Lieli zu den Hauptdarstellern ihres neuen Films «Willkommen in der Schweiz», der diese Woche im Kino startet – wir verlosen Kinotickets – und das fast zweijährige Ringen der 2000-Seelen- Gemeinde um die Flüchtlingsfrage dokumentiert. Wichtige Rollen spielen auch Johanna Gündel (26), Glarners junge Gegenspielerin im Dorf, sowie Susanne Hochuli (52), die damals zuständige grüne Regierungsrätin des Kantons Aargau. «Alle haben den Film inzwischen gesehen und finden ihn gut», sagt Sabine Gisiger. Für sie eine Bestätigung, dass es ihr trotz ihrer klaren persönlichen Haltung gelungen ist, im Film neutral zu bleiben.

Gisigers Hauptdarsteller: SVP-Nationalrat und Asyl-Hardliner Andreas Glarner.
Gisigers Hauptdarsteller: SVP-Nationalrat Andreas Glarner.

Nachdem sie den Asyl-Hardliner Glarner nun so lange begleitet hat, versteht sie ein wenig besser, wie er tickt. «Er ist an sich ein herzlicher Mensch, und die Besuche in den Flüchtlingslagern in Griechenland haben ihn berührt, deshalb hat er am Ende dann doch geholfen.»

Aber es seien eben auch reale, starke Ängste, die ihn und andere, die so denken, antrieben, sagt Gisiger: «Die Angst, dass unsere Identität in Gefahr gerät, wenn wir zu viele Fremde aufnehmen, die Sorge, dass es uns zu viel kostet. Es ist ein angstgeprägtes, deprimierendes Welt- und Menschenbild.» Die Arbeit am Film hat ihr zudem klargemacht, dass es bei diesem vielschichtigen Thema keine einfachen Antworten geben kann – von keiner Seite.

«Ich bin nicht so naiv zu glauben, dass ein Film bestehende Haltungen verändern kann», sagt Gisiger, «aber er regt vielleicht zum Nachdenken und zu Diskussionen an.» Aus ihrer Sicht sind viele Politikfelder tangiert: Wirtschaft, Integration, Entwicklungshilfe, aber auch Waffenhandel. «Plakativ gesprochen: Wenn wir Waffen an Saudi-Arabien verkaufen, müssen wir uns nicht wundern, wenn irgendwann jemenitische Flüchtlinge bei uns an der Grenze stehen.» Sabine Gisiger wird mit dem Film eine Tour durch die Schweiz machen, oft mit anschliessender Diskussionsrunde. Auch an Schulen soll er gezeigt werden und Debatten anregen.

Gisigers Karriere begann in der Klubschule Migros

Ihre Leidenschaft fürs Filmen entdeckte die Historikerin mit Doktortitel, als ihr Vater in den 1980er-Jahren eine Super-8-Kamera aus Japan mitbrachte. «Die lag bei uns nur rum, also begann ich, damit rumzuspielen.» Dies machte Lust auf mehr, und so besuchte sie 1985 einen Super-8-Kurs in der Klubschule Migros. «Der einzige Filmkurs, den ich je gemacht habe, dort hat alles begonnen», erzählt sie und lacht. Nach dem Geschichtsstudium absolvierte sie ein Volontariat beim Schweizer Fernsehen, für das sie dann 25 Jahre lang journalistische Beiträge aus aller Welt für Sendungen wie die «Rundschau» realisierte.

Daneben drehte sie Dokumentarfilme fürs Kino über Themen wie den Guru Baghwan, Hip-Hop oder Friedrich Dürrenmatt. «Es sind immer Themen, die mich persönlich gerade beschäftigen – das braucht es auch, um den organisatorischen Aufwand rund um einen solchen Film durchzustehen», sagt Gisiger.

«Für gute Dokfilme braucht es Leidenschaft und fast schon etwas Missionarisches, eine Dringlichkeit, etwas erzählen zu wollen.» Trotz der vielen gewonnenen Preise und ihrer etablierten Position in der Schweizer Filmszene kann sie vom Filmemachen allein nicht leben. Das stört sie jedoch nicht, da sie immer gern beim Fernsehen gearbeitet hat und auch mit grossem Spass an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) angehende Dokumentarfilmerinnen und -filmer unterrichtet.

Für gute Dokfilme braucht es Leidenschaft und fast schon etwas Missionarisches, eine Dringlichkeit, etwas erzählen zu wollen.

Spielfilme schaut sie zwar gern, selbst einen zu drehen, hat sie jedoch nie gereizt. «Dafür ist die Realität viel zu interessant, und dies ist mein Weg, sie besser zu durchschauen.» Generell sei die Schweiz ein gutes Pflaster für Dokumentarfilme. «Einerseits, weil sie sich günstiger realisieren lassen als Spielfilme, andererseits, weil wir über ein gut gebildetes Publikum verfügen, das sich im Kino nicht nur unterhalten will, sondern auch etwas erfahren möchte», sagt Gisiger.

«Allerdings werden die Zuschauenden älter und älter. Wir müssen alles daransetzen, dass auch Jüngere wieder vermehrt den Weg zu unseren Filmen finden und uns diese schöne Tradition erhalten bleibt.» 

«Willkommen in der Schweiz» läuft ab 19. Oktober in den Kinos.

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Willkommen in der Schweiz (Bild © Filmcoopi)

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