Leser-Beitrag
19. Dezember 2017

Referendums-Abstimmung 2022, angenommen

Eine düstere Geschichte aus der nahen Zukunft von Leser und Geschichtenschreiber Florian Riner.

Sitzbänke im Schnee
Lesezeit 2 Minuten

2021

Der Rat hat das Gesetz durchgewinkt. Auf Initiative der ZWP, nach hartem Wahlkampf, mit dem Slogan: «Wer vom Staat Leistungen bezieht, muss auch gewillt sein überprüft zu werden!»

2022

Alois setzt sich auf der überdachten Terrasse in den Plastikstuhl. Gelenke wie Beine der Sitzgelegenheit knacksen.

Die ersten Schneeflocken der letzten Nacht legten einen weichen, weissen Teppich über die Landschaft. Beim Schippen bemerkte er Abdrücke eines Stativs. Unzählige Kippen, der Verursacher muss mehrere Stunden unter der Kiefer am Rande seines Gartens verbracht haben.

Alois überfällt ein mulmiges Gefühl. Seit der Pensionierung im letzten Jahr fühlt er sich überflüssig. Der Gesellschaft gegenüber, der grössten Partei ZWP, mit ihrer Verallgemeinerung, Panikmache.
Obwohl er der Firma, in der er lebenslang gedient, ein Angebot unterbreitet hat, um weiter zu arbeiten. Doch firmeninterne Richtlinien beliessen den Vorschlag bei verschwommenen Ausreden. Politik, Gesellschaft und Umstände provozierten ihn, den AHV-Antrag unterschrieben einzureichen.

Das Datum seiner Pensionierung fiel zufälligerweise auf jenes, an dem das neue «Leistungsgesetz» in Kraft trat.

Alois versucht, das Altersleben zu geniessen. Den kleinen Garten, den Gang zum Friedhof beim Besuch seiner Frau. Aus Langeweile, was bleibt auch sonst, hat er sich den Wahlkampf im vergangenen Jahr einverleibt: Fernsehen, Zeitungen, neue Medien.

Deprimierend.

Die Gicht plagt ihn. Er streckt die Glieder, hört den gebliebenen Vögeln beim Zwitschern zu. Den Mann im langen, grauen Regenmantel, Schlapphut und Sonnenbrille, beobachtet er aus den Augenwinkeln. Dieser versucht sich im Unterholz seines Gartens unkenntlich zu machen. Wahrscheinlich Ornithologe: Fernglas, Kamera, Handy, Notizblock.

Alois seufzt tief durch. Den Garten kann er sich sich mit der Rente nicht mehr leisten. Zur Zeit zahlt er mit Gartenarbeit im Wohnblock ab. Er schlurft ins Haus, holt den Brief, welchen er gestern vom Staat eingeschrieben erhalten hat. Anscheinend muss überprüft werden, ob sein Altersgeld, für welches er ein Leben lang eingezahlt hat, zu hoch ausfällt, berechtigt ist. Nach neuem Gesetz. Aufgelistet sind sämtliche Telefonate, Internetverbindungen, Bewegungsdaten der vergangenen Monate, Fotos von seiner Gartenarbeit.

Die Sonne guckt zögerlich aus den tiefhängenden, dunklen Wolken. Schwerer Schnee löst sich aus den Ästen, trifft den Schlapphut. Alois zeigt sich erkenntlich, will einen Tee anbieten. Doch der Typ stolpert aus dem dichten Gestrüpp, enteilt Richtung Stadt.

Alois zopft das Hanfseil, mit dem er üblicherweise die Rosen hochbindet, ein wenig länger. Die tägliche, negative Presse gegenüber Menschen, welche Sozialleistungen in Empfang nehmen, beschäftigt ihn. Obwohl er nicht nur ZWP-getreuen Medien folgt, scheint es, als ob auch Kollegen, Bekannte, die Bevölkerung, auf den Zug aufspringen.
Angstmacherei ist ansteckend. Für Betroffene existenzmordend.

An diesem Tag sitzt Alois noch bis tief in die Nacht auf der kalten Terrasse, beobachtet die Schneeflocken im hellen Vollmond, knöpft das Seil, immer länger und fester, lächelt still in sich hinein, denkt an seine Frau. Ab und zu blitzt die Kamera des Schlapphutes, welcher sich im Geäst der alten Kiefer festkrallt.

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