04. Juni 2020

Reden statt toben

Eigentlich wollte man nur diskutieren, aber schon streitet man. Im Zeitalter von Fake News und Online-Hass wird es schwieriger, über die wachsenden Gräben hinweg miteinander zu reden. Dies zu schaffen, sei jedoch kein Luxusproblem, sondern eine Überlebensfrage, sagt der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen.

Freundliche Diskussion
Es ist nicht immer leicht, konstruktiv miteinander zu diskutieren, wenn man unterschiedliche Meinungen hat.
Lesezeit 7 Minuten

Die Menschen der westlichen Welt sind polarisiert und gehässig wie selten – dies zeigt sich jetzt auch in den heftigen Debatten um die Corona-Massnahmen. Viele Leute haben bereits resigniert: Sie fürchten das Ende von Respekt und Rationalität in einer Welt der Hassattacken und der bizarren Verschwörungstheorien – eine Ära, in der Fakten nicht mehr entscheidend sind.

Gleichzeitig stehen wir vor grossen globalen Herausforderungen. Vieles steht und fällt damit, ob wir trotz allem Wege finden, uns zu verständigen und gemeinsame Lösungen zu entwickeln. «Die Kunst des Miteinander-Redens ist deshalb kein Luxus-, sondern ein Überlebensthema», sagen Bernhard Pörksen und Friedemann Schulz von Thun in ihrem neuen Buch, das sie als «Beitrag zur Entgiftung der öffentlichen Debatte» sehen. Die Entwicklung einer fruchtbaren Streitkultur sei allerdings eine Jahrhundertaufgabe.

Bernhard Pörksen, weshalb haben sich die Diskussionsfronten in den vergangenen Jahren so verhärtet? Warum ist da plötzlich so viel Wut?

Dies ist die Folge mehrerer Entwicklungen. Die Digitalisierung der Kommunikation über Internet und soziale Medien hat den Qualitätsjournalismus und seine Glaubwürdigkeit geschwächt. Gelesen und geklickt wird das Populäre, Emotionale und Extreme – darauf reagieren auch die Medien, nach dem Motto «Relevant ist, was interessiert». Auch hat die Digitalisierung die jederzeit verfügbare Information vervielfacht. Das jedoch macht uns nicht automatisch mündiger, sondern erhöht die Chancen für effektive Desinformation. Und je bedrohlicher die eigene Situation erscheint, desto anfälliger sind wir dafür, denn Menschen sind Gefühlswesen. In diesen Mix hinein kommt nun noch die politische Polarisierung der letzten Jahre.

Warum ist die derart eskaliert?

Weil sich in der digitalen Kommunikationswelt Gleichgesinnte leichter finden, wodurch viele verschiedene Selbstbestätigungsmilieus entstanden sind. Menschen suchen, lesen und verbreiten das, wovon sie ohnehin überzeugt sind und woran sie glauben wollen. Laut einer Studie des Massachusetts Institute of Technology braucht eine faktisch korrekte Nachricht auf Twitter sechs Mal so lange wie eine Falschbehauptung, um 1500 Nutzer zu erreichen. Diese Selbstbestätigungsmilieus lassen zudem auch radikale Positionen plötzlich als mehrheitstauglich erscheinen. Und wenn Haltungen aus solchen Milieus aufeinanderprallen – was letztlich immer nur einen Klick entfernt ist –, wird der Austausch schnell gehässig, was die Polarisierung weiter stärkt. So entstand ein kommunikatives Klima der elementaren Gereiztheit.

Die einen suchen Safe Spaces, die anderen finden: Das wird man doch noch sagen dürfen!

Weil beide Seiten überzeugt sind, dass nur sie recht haben.

Und das wiederum führt schnell in einen Teufelskreis der wechselseitigen Totalabwertung – man sucht die Eskalation geradezu, will den Riss vertiefen. Und landet dabei schnell auf der Metaebene: Es geht nicht mehr ums Thema, sondern ob und wie man es überhaupt noch thematisieren darf. Die einen suchen Safe Spaces, die anderen finden: «Das wird man doch noch sagen dürfen!» Doch ganz sicher wird niemand, dem man gerade mit herabsetzender Konfrontation in die Parade gefahren ist, zerknirscht zugeben: «Danke, dass du mir den Spiegel vorhältst. Das macht mich jetzt doch sehr nachdenklich und zeigt mir die Fragwürdigkeit meiner Position auf.»

Eskaliert die Gereiztheit auch deshalb, weil die Verrohung der Sitten ansteckend ist? Wenn einer wie Trump so spricht oder twittert, kann ich das auch?

So ist es. Hier herrschen die Gesetze der emotionalen Infektion. Starke Gefühle wie Wut, Hass oder Aggression stecken an.

Müssen wir Streit und lustvollen Dissens erst wieder lernen, damit wir bei einem etwas härteren verbalen Angriff nicht gleich einschnappen? Wie machen wir das?

Indem wir zwischen der Person und ihrer Position unterscheiden. Der Person begegnen wir mit Respekt, auch wenn wir ihre Position nicht teilen und deshalb klar kritisieren. Wenn sich alle Beteiligten daran halten, entsteht eine reife, erwachsene Form der Meinungsverschiedenheit.

Das Problem ist: Manchmal gibt es tatsächlich nur eine Wahrheit.

Richtig, in der Welt des Faktischen. Heute ist Montag, diese Wiese ist grün. Aber bei der Deutung der Welt sind verschiedene Ansichten möglich und sinnvoll. Deshalb braucht es dort Flexibilität. Und man sollte dem Gegenüber grundsätzlich zugestehen, dass auch es eine Teilwahrheit des grossen Ganzen zu fassen bekommen hat.

Es bräuchte also die Bereitschaft, die eigene Auffassung zumindest ein wenig anzupassen. Weshalb fällt einem das so schrecklich schwer?

Weil Dogmen und Schwarz-Weiss-Zeichnungen der Welt so herrlich attraktiv sind und es allen Menschen grundsätzlich schwerfällt, Fehler einzugestehen, besonders wenn sie eine Position lange vehement vertreten haben.

Streit statt Gespräch
«Starke Gefühle wie Wut, Hass oder Aggression stecken an», sagt Bernhard Pörksen.

Aber auch ein gutes Gespräch macht nicht automatisch alles besser.

Nein, manchmal wird es sogar schlimmer, weil sich dabei alle ohnehin gehegten Vorurteile bestätigen. Dennoch gehört Miteinander-Reden zu den allerersten Optionen, wenn Verächtlichkeit und Gehässigkeit im Anmarsch sind oder bereits die Oberhand gewonnen haben. Letztlich geht es um das grosse Gespräch der Gesellschaft über sich selbst. Wenn dieses erlischt oder durch professionelle Manipulatoren zerstört wird, wenn Desinformation und Falschnachrichten einen prinzipiellen Realitätskonsens pulverisieren, dann steht die Demokratie tatsächlich auf dem Spiel.

Die Polarisierung erschwert diesen Dialog.

An sich wäre Polarisierung eine fruchtbare Zwischenphase der Auseinandersetzung – nur wenn man die Differenzen benennt, versteht und sich damit auseinandersetzt, kann man Fortschritte machen. Nur scheinen wir heute meist darin steckenzubleiben.

Aber ist ein Dialogversuch nicht aussichtslos, wenn Positionen allzu extrem sind – oder weit auseinander liegen? Wozu es überhaupt versuchen?

Weil eine Demokratie vom Miteinander-Reden und Miteinander-Streiten lebt. Ich würde sogar sagen, dass wir unsere Demokratie durch das Miteinander-Reden überhaupt erst hervorbringen.

Wann sollte man auf Dialog verzichten?

Entscheidend ist, zwischen Anführern und Mitläufern problematischer Positionen zu unterscheiden. Die Anführer muss man konfrontieren, auch wenn das jegliche Chance auf Dialog verunmöglicht. Manchmal ist das die einzig gute Option. Den Mitläufern hingegen, die vielleicht nur aus einem diffusen Unbehagen und Verzweiflung dabei sind, sollte man erst einmal zuhören. Gut möglich, dass ihre Verzweiflung berechtigte Gründe hat, die man angehen sollte.

Wie optimistisch sind Sie, dass wir die Kurve doch noch kriegen?

Der Wut und der Spaltung stehen im Alltag auch ganz andere Erfahrungen gegenüber, das hat auch Corona gezeigt. Da finden wir Beispiele von Güte und Nächstenliebe, von Fairness und Anstand, finden ein nachdenkliches Ringen um das bessere Argument, für ein verantwortliches Miteinander. Das gilt es zu stärken. Doch ob Aufklärung in Zeiten der aggressiven Desinformation noch funktioniert und ob man dem Menschen und seiner Urteilskraft im Prinzip vertrauen kann, wird sich erst noch zeigen müssen.

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