25. Mai 2018

Rauschender Absatz mit Hanfpflanzen

Der grössten Schweizer Kräutergärtnerei gehen die Hanfstecklinge aus: Die Kunden kaufen sie gleich in rauen Mengen. Gras ist inzwischen gesellschaftlich salonfähig geworden, doch noch immer sind die positiven und negativen Wirkungen der Pflanze wissenschaftlich kaum erforscht.

Indoor-Anlage mit CBD-Hanfpflanzen
Eine Indoor-Anlage mit CBD-Hanfpflanzen: Das Kürzel steht für den chemischen Wirkstoff Cannabidiol, der in der Schweiz legal ist. (Bild: Keystone)
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Daniel Bottlang (56) reibt sich die Hände: «Unsere Hanfstecklinge sind praktisch ausverkauft.» Der Leiter der Kräutergärtnerei in Stetten AG sagt, in den vergangenen Tagen habe er diverse Anfragen von Kunden erhalten, die gleich 500 oder mehr Pflänzchen bestellen wollten. Seine Kräutergärtnerei ist die grösste der Schweiz, kann aber nur noch ein paar wenige Pflänzchen anbieten.

Im vergangenen Jahr setzte Bottlang insgesamt 50 Hanfstecklinge ab, nun sind es über 200 – pro Woche. Hanf sei eine Heilpflanze, deshalb habe er sie ins Sortiment aufgenommen. Einige seiner Kunden stellten daraus Rheumacreme her, andere Tee, und ein älterer Mann habe ihm gesagt, er pflanze die Stecklinge zwischen die Tomaten, um weisse Fliegen und Läuse zu vertreiben.

Der Gärtner erklärt sich die Nachfrage so: «Die Leute haben keine Angst mehr, wegen Hanf in Konflikt mit der Polizei zu geraten.» Tatsächlich ist Cannabidiol (CBD) – einer der in Hanfpflanzen enthaltenen chemischen Wirkstoffe – in der Schweiz erlaubt und untersteht nicht dem Betäubungsmittelgesetz. Denn CBD wirkt nicht berauschend.

Wie hältst du es mit dem Hanf?

Das Schweizerische Heilmittelinstitut Swissmedic jedoch warnt auf seiner Website: «CBD kann nicht nach Belieben irgendwelchen Präparaten beigegeben werden.» Auch Rudolf Brenneisen (69), emeritierter Professor der Pharmazie und einer der international führenden Cannabisforscher, mahnt: Wer das Kraut rauche, habe die gleichen Verbrennungsstoffe in der Lunge wie beim Konsum von THC-Rauschhanf. Das Kürzel THC steht für Tetrahydrocannabinol. Der illegale Stoff unterscheidet sich von CBD weder im Aussehen noch im Geruch. «Auch wenn CBD nicht berauschend wirkt, gehört es nicht in die unkontrollierte Selbstbedienung und in den Onlinemarkt, sondern in die Hände von Fachpersonen, die beraten können, also von Apothekern und Ärzten.»

Wunderheilmittel oder Blackbox? Rudolf Brenneisen erzählt von der erstaunlichen Heilung einer Amerikanerin: Mit fünf Jahren habe sie alle 20 bis 25 Minuten einen epileptischen Anfall erlitten – die Ärzte hätten ihr keine Überlebenschance gegeben, weil Medikamente nicht halfen. Dank der Behandlung mit CBD-Hanf gelte sie heute als so gut wie geheilt.

Es sei dennoch falsch, den chemischen Wirkstoff als Wunderheilmittel darzustellen, betont der Forscher. Ob er beispielsweise krebshemmend sei, wie immer wieder behauptet wird, könne man wissenschaftlich noch nicht bestätigen. Es gebe schlicht zu wenige klinische Studien über CBD-Hanf. Die Pflanze sei, vor allem was die unzähligen Aromastoffe betrifft, eine «pharmakologische Blackbox». Und die Pharmaindustrie habe kaum ein Forschungsinteresse, weil CBD nur in neuen Anwendungsformen wie Pflaster, Kaugummi oder Nasensprays patentierbar sei.

Und noch etwas gibt der Cannabisforscher zu bedenken: Ein Drogenschnelltest könnte auch nach dem Konsum von legalem CBD-Hanf positiv ausfallen, da dieser nie komplett THC-frei ist. Immerhin: Wer den Hanf nur zwischen den Tomaten pflanzt, hat nichts zu befürchten.

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