15. Januar 2018

Raus aus dem Hamsterrad

Einfache Übungen im Alltag reichen aus, um bewusster zu leben und den Stress zu meistern. Wie das geht, erklärt mir die Achtsamkeitstrainerin im Interview.

Neon-Signal breathe
Innehalten und mal durchatmen tut uns allen gut, egal ob bei der Arbeit oder im Alltagsstress.
Lesezeit 5 Minuten

Wann hast du zum letzten Mal während der Arbeit innegehalten? Mal so richtig tief durchgeatmet und dich gefragt, wie du dich grad fühlst? Du weisst es nicht mehr? Ja, dann geht es dir wie mir und wohl wie fast allen. Täglich sind wir so absorbiert in unseren Tätigkeiten, erledigen 1000 Dinge gleichzeitig, und schon ist der Tag wieder vorbei. Dass dieser Lebens- und Arbeitsstil auf lange Sicht nicht sehr gesund ist, brauche ich niemandem zu erklären.

Was können wir also tun, damit wir nicht ständig gestresst sind, die Zeit besser wahrnehmen? Und nicht irgendwann ins Burn-out schlittern? Das habe ich Angelika von der Assen gefragt. Die Arbeits- und Organisationspsychologin praktiziert seit über zehn Jahren Achtsamkeit und ist eine der Ersten in der Schweiz, die diesen Ansatz auch in der Berufswelt verankert. Als zertifizierte Search-Inside-Yourself-Trainerin leitet sie Kurse für Manager aus grossen und mittleren Schweizer Unternehmen.

Angelika von der Assen (59) ist verheiratet und Mutter zweier erwachsener Kinder.

Was bedeutet für Sie Achtsamkeit?

Es ist eine Art, die Welt bewusst zu erleben und sich darin präsent zu bewegen. Dass man offen und neugierig ist und nicht von vornherein bereits alles zu wissen glaubt und alles kommentiert. Dass man im Moment lebt und schaut, was gerade mit einem passiert. Das Bewusstsein erhält so eine neue Qualität.

Was verändert sich durch mehr Achtsamkeit?

Man kann die Fülle des Lebens wieder bewusst wahrnehmen und Dankbarkeit entwickeln, statt immer das Gefühl des Mangels zu haben – nicht genug Geld, nicht genug Zeit, den richtigen Partner, den richtigen Job. Man kommt wieder in Kontakt mit sich selbst, fühlt sich wieder glücklicher, auch in Beziehungen. Wird leistungsfähiger. Ohne Achtsamkeit, wenn wir so im Autopiloten unterwegs sind, bemerken wir die Kostbarkeit vieler Momente gar nicht richtig. Wir essen zum Beispiel etwas Tolles, merken aber nicht, wie superfein es schmeckt. So fühlt es sich an, als ob die Zeit rast.

Als Kind kennt man den Autopiloten noch nicht. Wann und warum entwickeln wir dieses Verhalten?

Kinder sind sehr neugierig, sie sind ständig erstaunt und fasziniert von alltäglichen Dingen. Mit den Jahren verlernen wir das aber. Wir lernen, alles sofort zu bewerten und zu kategorisieren. Das ist zuerst einmal wichtig, um das Leben zu meistern und zu «funktionieren»: «Bitte iss das nicht, es ist giftig», ist ja für uns wichtig. Aber dadurch geht die Fähigkeit zu staunen verloren.

Sie versuchen jetzt, die Arbeitswelt achtsam zu machen. Warum?

Weil viele Führungspersonen mit der heutigen Komplexität überfordert sind, unter Burn-out-Symptomen oder an Sinnlosigkeitsgefühlen leiden. Moderne Forschungsergebnisse der Neurowissenschaft liefern Beweise für die positiven Wirkungen von Achtsamkeit. Zudem sind uns Kalifornien und das Silicon Valley da weit voraus, dort zeigen auch bereits angewandte Achtsamkeitsprogramme sehr gute Wirkungen.

Ist Achtsamkeit also ein Wundermittel gegen Burn-out?

Nein, Wundermittel gibt es nicht. Wenn man aber bereit ist, innezuhalten, und regelmässig Achtsamkeitsübungen macht – unbedingt auch am Arbeitsplatz – verändern sich gewisse Hirnareale langfristig sehr positiv.

Wird man dadurch besser im Job?

Ja. Indem wir achtsam sind, lernen wir unsere Stärken und Schwächen besser kennen, wir werden leistungsfähiger, resilienter.

Bei Achtsamkeit geht es darum, alle Gefühle zunächst einmal anzunehmen.

Sie unterrichten anhand des Search-Inside-Yourself-Programms von Google. Was ist das?

Es ist ein Programm, bei dem Achtsamkeit, Neurowissenschaft und emotionale Intelligenz verbunden werden. Studien zeigen, dass wir Menschen zwar kognitive Intelligenz brauchen, um einen ersten Job zu finden. Danach ist für die weitere Karriere aber die emotionale Intelligenz sehr viel entscheidender. Die trainieren wir im SIY-Programm. Und was viele Skeptiker überzeugt: Die Übungen, die wir machen, sind businesstauglich. Man kann sie im Büro machen, am eigenen Schreibtisch zum Beispiel, ohne, dass jemand etwas davon mitbekommt.

Gibt es keinen Widerstand in den Firmen, in denen sie das Achtsamkeitstraining machen?

Doch, es gibt viele Skeptiker. Und wenn die Manager in einer Übung ihre Gefühle wahrnehmen sollen, spüren viele erst mal nichts, weil sie sich einen dicken Panzer zugelegt haben. Wenn sie sich dann auf die Übungen einlassen, geht es einigen Menschen zuerst einmal schlecht; weil sie seit langer Zeit wieder einmal etwas fühlen, eben auch das Unangenehme. Das ist aber ein erster, wichtiger Schritt, denn bei Achtsamkeit geht es darum, alle Gefühle zunächst einmal anzunehmen. Also auch Pech und Versagen. Denn auch das gehört zum Leben. Wenn man die Gefühle bewusst fühlt, ohne sich mit ihnen völlig zu identifizieren, ist man weniger schnell auf der Palme und kann sich nach einem Ausraster auch schneller wieder davon lösen. Wir sagen nicht, Achtsamkeit macht happy, sondern sie bringt uns bei, mit Unglück und unangenehmen Gefühlen besser umzugehen. So wird man ausgeglichener und am Ende auch glücklicher, auch die Skeptiker. Und das hört sich jetzt an wie ein totales Klischee, aber viele sagen tatsächlich, dass das Training eine Life Changing Experience war.

Wer profitiert am meisten vom Achtsamkeitstraining?

Profitieren tut, wer bereit ist, innezuhalten und sich selbst anzugucken. Und es profitiert der, der die Disziplin aufbringt für die tägliche Praxis der Achtsamkeitsübungen.

Welche Unternehmen melden sich für den Workshop an?

Viele IT-Firmen, weil das Programm von Google entwickelt wurde, das macht es für sie interessant, Beratungsfirmen, die Presse und Krankenkassen

Welche Achtsamkeitsübungen empfehlen Sie?

Wenn man aus dem Autopiloten aussteigen und den Moment bewusst wahrnehmen will, eignet sich die Übung ALI: Atmen – Lächeln – Innehalten. Das macht man ein paar Atemzüge lang und fragt sich am Ende, was jetzt in diesem Moment wichtig ist. Bei noch weniger Zeit reicht bloss ein einziger bewusster Atemzug, um den Autopiloten zu unterbrechen. Am Anfang plant man sich am besten mehrere kleine Inseln ein im Kalender. Oder man macht Wenn-dann-Routinen: Immer wenn das Telefon klingelt, mache ich einen bewussten Atemzug, ehe ich den Hörer abnehme. Oder wenn ich einen Kaffee hole, setze ich mich an den Schreibtisch und halte kurz inne.

Mehr Infos zu Mindfulness und zu Search Inside Yourself


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