29. Juni 2019

Raue, sinnliche Nordsee

Kühles Meer, raue Winde: Die Nordseeinseln Amrum und Föhr sind nichts für Zartbesaitete. Doch wer einmal hier war, kommt meist wieder. Wegen der weiten Strände, der idyllischen Dörfer und der wilden Natur.

Bei Ebbe gibt das Salzwasser den Boden des Wattenmeers frei und damit jede Menge wunderliche und fantastische Meeresbewohner.
Bei Ebbe gibt das Salzwasser den Boden des Wattenmeers frei und damit jede Menge wunderliche und fantastische Meeresbewohner.

Und dann kommt der Priel. Gerade ist die Wandergruppe noch fröhlich über nassen Sand getappt, da und dort hat warmes Meerwasser die Füsse bis zu den Knöcheln umschmeichelt. Doch nun gehts quer durch den Priel, eine natürliche Vertiefung im Meeresboden, wie Wattführer Dark Blome erklärt. Die Männer, Frauen und Kinder, die wattwandernd zwischen den Inseln Amrum und Föhr unterwegs sind, packen Kameras und Handys in die Rucksäcke und krempeln die Hosenbeine hoch. Gut Informierte tragen darunter bereits Badehosen. Einen nassen Hosenboden und kalte Füsse bekommen sie alle. Das Wasser im Priel ist kühl und je nach Körpergrösse oberschenkel- bis hüfttief.

auf dem Wattmeer

Eine Wattwanderung zählt zu den naturnahesten Erlebnissen im Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer. Das Gebiet erstreckt sich vor der Westküste von Norddeutschland, von der Elbmündung bei Cuxhaven bis Sylt. Bei Ebbe von einer Insel zur anderen zu gehen, ist eine sinnliche Sache: zuerst weicher Schlamm, der zwischen den Zehen Würstchen bildet, dann seidiger Sandboden, Muscheln in Zartviolett, zu hellem Schaum geschlagenes Algen-Eiweiss, grünes Seegras und über allem der babyblaue Himmel der Nordsee.

«Moin Moin» verrät den Touristen


Natur lässt sich aber auch auf den Inseln selbst erleben. Amrum etwa ist die vogelreichste aller Nordseeinseln. Alles Wissenswerte dazu erfährt man in der Vogelbeobachtungsstation an der Nordspitze der Insel. Hier erklären im Sommer Naturkundige des Seevogelschutzvereins Jordsand den Besuchern die Vogelwelt. Vor der Hütte wird jeden Tag der handzahme Fasan Schüchti gefüttert. Dahinter baden gefiederte Jungtiere in einem Teich, Silber- und Heringsmöwen sowie Eiderenten brüten in den geschützten Wiesen.

Die Amrum Odde ist ein Naturschutzgebiet, in dem zahlreiche Seevögel brüten.
Die Amrum Odde ist ein Naturschutzgebiet, in dem zahlreiche Seevögel brüten. Das Vogelwärterhaus (rechts) ist Treffpunkt für Naturfreunde.

Eine eigene heile Welt, so wie ganz Amrum. Hier kennen und duzen sich beinahe alle Bewohner, niemand schliesst die Haustüre ab. Man grüsst sich ohne Handschlag, mit einem «Moin!». Wer «Moin Moin!» ruft, verrät sich als Tourist. Verabschieden tut man sich mit «Erst ma». Das heisst so viel wie «Das wärs für den Moment» – man sieht sich ja bald wieder. Gleichnamige Freunde unterscheidet man anhand der Berufe. «Sven, die Dusche» nennt man den Sanitärfachmann, «Holger, das Gelenk» den Physiotherapeuten.

Der Schweizer Surflehrer und die Nordsee-Kapitänstochter

Und dann gibt es noch den «Schweizer Oli». Gemeint ist Oliver Ziegler (46), er stammt aus Tann-Rüti ZH. 1996 war er als Surflehrer auf Amrum und verliebte sich in die Kapitänstochter Tatje Tadsen. Die beiden zogen im März 2000 auf der Insel zusammen, im Oktober heirateten sie. «Auf Amrum vermisse ich nur die Familie und das Skifahren», sagt Oli, der Schweizer, lächelnd. Er arbeitet bei den Wasserwerken, ist Kommandant der Freiwilligen Feuerwehr und vermietet zusammen mit Tatje (49) und deren Mutter in Nebel in der Inselmitte ein Ferienhaus.

Tatje und Oliver Ziegler-Tadsen leben auf Amrum
Tatje und Oliver Ziegler-Tadsen leben auf Amrum. Dort haben sich die ­Kapitänstochter und der Schweizer Surflehrer auch kennengelernt.

Tochter Laura (17) und Sohn Tim (14) sind hier geboren. Die Grosse lebt seit Kurzem unter der Woche in Flensburg. Alle jungen Amrumer müssen nach der 10. Klasse die Insel verlassen und für eine Lehre oder weiterführende Schule aufs Festland. Was den Eltern zuweilen Wehmut und vielleicht auch Geldsorgen bereitet, ist für viele Inselteenager das Sprungbrett in die weite Welt. Immerhin gibt es inzwischen ein Stipendium, um das Leben der Jungen ausserhalb der Insel zu finanzieren. Und: Die Hälfte von ihnen kehrt nach der Ausbildung wieder nach Amrum zurück.

Für kurze Strecken packt man Kind und Krempel in den Bollerwagen
Ob auf Amrum oder auf Föhr: Für kurze Strecken packt man Kind und Krempel in den Bollerwagen. Die Gefährte gibt es praktisch an jeder Ecke zu mieten (Bild: Ralf Brunner/laif/Keystone)

Viele Rückkehrer sind auch unter den 10 000 Touristen, die jeden Sommer gleichzeitig das idyllische Eiland fluten: Zumindest geben 80 Prozent davon an, dass sie wiederkommen wollen. Auf jeden Fall sind die Touristen ganz schön viele, im Verhältnis zu den 2300 Einwohnern. Die Insel misst auch nur 20 Quadratkilometer, an der schmalsten Stelle ist sie 100 Meter breit: im Osten das Wattenmeer, im Westen der feinsandige weisse Strand. Dieser zählt zu den flächenmässig grössten Europas und wurde kürzlich von Trip Advisor zum schönsten Strand Deutschlands gekürt. Unerschrockene baden im Meer, das selbst im Hochsommer kaum wärmer als 18 Grad wird. Dennoch, im Juli und im August ist jedes Bett belegt, und man warnt davor, ohne Reservation anzureisen. In der kalten Jahreszeit sind eher Unterkünfte verfügbar, aber mittlerweile gibt es auch dann immer mehr Urlauber. Sie wollen am leeren Strand spazieren, den Kopf lüften und vielleicht ein paar Kegelrobben beobachten. Diese werfen im Winter, und mit etwas Glück bekommt man Robbenbabys zu sehen.

Die Seele lüften fern vom Touristentrubel
Die Seele lüften fern vom Touristentrubel: Auch im Sommer findet man auf Amrum ruhige Ecken.

Abseits vom Strand führen Bohlenwege kreuz und quer in sanftem Auf und Ab über Dünen und durch die Heide. Gut möglich, dass man man dabei mehr Kaninchen als Menschen begegnet. Die Bewegung im Reizklima ist gesund, macht müde und hungrig. Dann passt eine Friesenwaffel ganz gut. Die Inselspezialität besteht aus Mürbeteigkeksen, garniert mit Pflaumenmus und Schlagrahm. Eine besonders zünftige Version wird im Friesencafé in Nebel serviert. Es ist genauso herausgeputzt wie die Dörfer Amrums insgesamt: gepflegte, robuste Häuser mit Reetdach, akkurat kultivierte Vorgärten mit weissen Zäunen und bunten Blumen.

Reetdachhäuser in Nieblum  auf Amrum
Reetdachhäuser in Nieblum auf Amrum

An den Hauptstrassen Norddorfs und Nebels reihen sich Hotels und Cafés aneinander, dazwischen bieten Boutiquen klassische Nordsee-Souvenirs in nordisch-kühlen Tönen feil, dazu Bikinis und Friesennerze – so nennt man die gelbe Öljacke, die man angesichts des launischen Wetters immer dabei haben sollte.

Touren und Törns auf Föhr

Etwas quirliger als das gemächliche, raue Amrum ist die Insel Föhr, eine Fährenstunde entfernt. Wer mit dem Schiff in der Hauptstadt Wyk anlegt, gelangt innert weniger Minuten ins lebendige Zentrum.

Die Hauptstrasse von Wyk auf Föhr ist eine klassische Café- und Shoppingmeile
Die Hauptstrasse von Wyk auf Föhr ist eine klassische Café- und Shoppingmeile. Abstecher in die Seiten­gassen lohnen sich.

Die Hauptstrasse ist gesäumt von den obligaten Cafés und Filialen von Billigketten. In den Seitengassen aber: kleine, mondäne Shops, winzige Kunstgalerien und originelle Lokale. Aber auch Föhr hat seine wilden Seiten. Auf dem 82 Quadratkilometer grossen Eiland ist man überall schnell an der Küste. Im Hafen von Wyk etwa liegt das Segelschiff «Ronja» von Skipper John von Eitzen. Er und die Biologin Katja Wendt stechen hier mit Touristen in See und fahren wenn möglich zwecks Robbengucken bis vor die Halligen – flache Inseln, die bei Hochwasser oft überschwemmt werden. «Heute nicht», entscheidet von Eitzen mit nordischer Trockenheit. Nachdem vor einer halben Stunde noch die Sonne schien, herrscht nun Windstärke 8, Regen kommt hinzu, der Törn fällt kurz und nass aus. Inselwetter eben. Es wechselt oft im Viertelstundentakt und verlangt Flexibilität und wasserfeste Kleidung, ganz besonders auf den hier so beliebten Velotouren.

Skipper John von Eitzen (links oben) befördert Besucher zu den Halligen: flache Inselchen, wo man Robben beobachten kann.
Skipper John von Eitzen befördert Besucher zu den Halligen: flache Inselchen, wo man Robben beobachten kann.

Auf 200 flachen Kilometern lässt sich Föhr gemütlich erradeln, vorbei an Kuhweiden und Windrädern, entlang schmaler Kanäle, durch kopfsteingepflasterte Dörfer. Wer es anschliessend noch zum Strand bei Utersum im Südwesten der Insel schafft, erlebt vielleicht einen Sonnenuntergang – in Farben, so zart wie jene des Watts.

Hier haben es die Wanderer nach zehn Minuten durch den Priel geschafft und stehen wieder auf festem Boden. Wattführer Dark Blome erklärt die Nordsee, mit Tempo und Leidenschaft. Zeichnet Skizzen in den nassen Sand, zieht Würmer aus dem Grund und streckt den Wanderern Krabben unter die Nase – und schenkt ihnen sogleich wieder die Freiheit, denn das Gebiet ist geschützt. Meist dauert eine Wanderung zwei Stunden, mit Blome dreieinhalb. Genau so lang gibt das Meer den nackten Boden frei. Als die Wanderer das Festland betreten, bedeckt bereits wieder Salzwasser das Watt.

Diese Reise erfolgte auf Einladung von Amrum Touristik und Föhr Tourismus .

Benutzer-Kommentare

Verwandte Artikel

Frey Schokolade für die Swiss

17 Millionen Stück süsse Heimat

Informationen zum Author

Roberto Zanetti und Karin Supersaxo Freiburghaus

Die Newcomerin und der Alte Hase

Bucht Hotel Helia

Abenteuer in Albanien

Grosse Beute: Autorin Yvonne Samaritani sucht mit ihrer Familie im Wald regelmässig Pilze.

Goldstücke im Wald