30. September 2019

Raketenmann Yves Rossy ist ein ängstlicher Kerl

Schon als kleiner Junge träumte Yves Rossy vom Fliegen. Heute schiesst er mit seinen Düsenflügeln wie eine Rakete durch den Himmel – bis zu 350 Kilometer pro Stunde schnell. Ein Gespräch über Loopings, den freien Fall und die Suche nach Identität.

Rund 1500 Flüge hat der Abenteurer inzwischen absolviert – und noch immer optimiert er sein Gerät. Yves Rossy lebt mit seiner Partnerin in Chambly VD.
Rund 1500 Flüge hat der Abenteurer inzwischen absolviert – und noch immer optimiert er sein Gerät. Yves Rossy lebt mit seiner Partnerin in Chambly VD.

Wie sollen wir Sie nennen: Rocketman oder Jetman?

Einfach nur Yves Rossy. Offiziell bin und bleibe ich der erste Jetman. Aber heute verwende ich lieber meinen Namen.

Warum machen Sie kein Paragliding wie alle anderen Flieger?

Paragliding ist grossartig, aber seit ich die starren Flügel ausprobiert habe, bin ich süchtig danach. Sie bieten sehr viel mehr Freiheit. Der Gleitschirm ist ein fliegendes Segel, das man steuert. Als Jetman bin ich selbst das Fluggerät, mit einer aerodynamischen Vorrichtung, die mich in der Luft hält.

Wann begann bei Ihnen diese Sehnsucht zu fliegen?

Mit 13 Jahren bei einer Flugshow in Greyerz FR. Ich war total gefesselt von der Patrouille Suisse und ihren beeindruckenden Jets. Aber ich war ein Junge vom Land. Ich fuhr Traktor und dachte, ich werde später mal Bauer wie mein Onkel. Meine Helden waren Tarzan und Thierry la Fronde (eine Art französischer Robin Hood, Anmerkung der Redaktion), und ich spielte zu Hause in Penthalaz VD über dem Fluss Venoge mit Lianen. Schon damals liebte ich es, hoch oben in der Luft zu sein. Ich kletterte auf Bäume, einmal sogar so hoch, dass die Feuerwehr mich runterholen musste, weil ich mich nicht mehr runter traute.

Yves Rossy auf dem Flugplatz in Bex VD: Senkrecht hochsteigen, die Wolken streifen – früher als Militärpilot in einer Mirage, heute hat er dafür nur seine Flügel auf dem Rücken.
Yves Rossy auf dem Flugplatz in Bex VD: Senkrecht hochsteigen, die Wolken streifen – früher als Militärpilot in einer Mirage, heute hat er dafür nur seine Flügel auf dem Rücken.

Später wurden Sie Pilot. Was hat Sie dazu gebracht, das Cockpit zu verlassen?

Mit einem Linien- oder Jagdflugzeug hat man zwar Bewegungsfreiheit, ist aber im Inneren einer fliegenden Büchse eingesperrt. Erst als ich mit 30 Jahren den freien Fall kennenlernte, realisierte ich, was es bedeutet, wirklich zu fliegen. Aber wenn man aus 4000 Metern Höhe aus einem Flugzeug springt, kann man nur ­fallen wie ein Stein. So entstand meine Idee, es zu machen wie die Vögel, die mit ihrem eigenen Körper durch die Luft gleiten. Ich wollte keine Maschine mehr steuern, sondern selbst das Ding sein, das fliegt und in der Luft bleibt.

Wie gingen Sie dabei vor?

Ich begann mit dem Skysurfen, aber es fühlte sich nicht richtig an, zum Fliegen aufrecht auf einem Brett zu stehen. Also habe ich ein abwerfbares Gurtsystem entwickelt, an dem ich erst kleine Flügel anbrachte, dann grössere. Anschliessend habe ich Triebwerke hinzugefügt und die Aerodynamik verbessert.

Stellen Sie uns Ihren Fluggleiter doch einmal vor.

Er heisst Bella, hat eine Spannweite von zwei Metern und einen aerodynamischen Deltaflügel. Es gibt keinerlei Steuerung, nur das Gurtsystem, an dem mein Körper befestigt ist. Zwei Winglets verbessern die Stabilität, genau wie bei Flugzeugen. Ich habe 28 Liter Kerosin dabei, die vier Hightech-Triebwerke mit einer Leistung von 1000 PS versorgen. Das ist so, als hätte ich einen Bugatti Veyron auf dem Rücken! Die Höchstgeschwindigkeit beträgt 350 Kilometer pro Stunde. Ich könnte sogar noch schneller fliegen, aber das wird dann schmerzhaft. Und ich habe eine Reichweite von ungefähr acht Minuten. Für eine Atlantiküberquerung reicht das nicht …

Und wie steuern Sie?

Mit meinem Körper, ganz intuitiv. Wenn ich aus dem Helikopter springe, falle ich erst mal wie ein Stein. Doch dann erzeugt die Luft bei der hohen Geschwindigkeit einen Auftrieb, und ich stabilisiere mich. Wenn ich dann nach unten fliegen will, beuge ich mich nach vorne, wenn ich mich drehen will, bewege ich die Schulter. Im Grunde ist das wie dreidimensionales Skifahren. Ich kann auch eine Loopingkurve machen. Die dritte Dimension ist so schön als würde man im Ozean tauchen. Ich bin ein bisschen wie das autonome Tauchgerät von Jacques Cousteau, das völlig frei vierzig Meter in die Tiefe tauchen kann. Es ist einfach genial, mit seinem kleinen Körper durch die Luft zu fliegen, umgeben nur von Wolken oder Felsen. Eine Welt für sich.

Fliegt die Angst niemals mit?

Bestimmte Fehler können tatsächlich fatal sein. Wenn etwa ein Triebwerk blockiert, laufe ich Gefahr, ins Trudeln zu geraten. In meinen Anfängen musste ich etwa 15-mal den Flügel ausklinken, weil ich unfreiwillige Rollen machte. Wenn das passiert, trenne ich mich vom Flügel, der sich automatisch deaktiviert und mit einem eigenen Fallschirm landet. Ich befinde mich derweil im freien Fall, bis ich meinen Fallschirm öffne. Tatsächlich habe ich immer zwei auf dem Rücken – ich hänge am Leben und habe immer einen Plan B! Deshalb bin ich heute noch da, während die meisten «fliegenden Männer» der 1950er-Jahre trotz ihrer Fallschirme ums Leben kamen.

Im Vollkaracho über Dubai: Drei Jahre lang trieb Yves Rossy sein «Jetman»-Projekt im Emirat voran.
Im Vollkaracho über Dubai: Drei Jahre lang trieb Yves Rossy sein «Jetman»-Projekt im Emirat voran.

Sie sind also im Grunde überhaupt kein Draufgänger.

Nein, ich bin eher ein ängstlicher Kerl. Erst wenn ich keinerlei Bedenken mehr habe, stürze ich mich in die Tiefe. Ausserdem habe ich ein ganzes Team um mich herum, Experten für Fallschirmspringen, Elektrotechnik, Steuerung, Aerodynamik und Bionik. Wir diskutieren viel, verbessern, denken nach, räumen Zweifel aus.

2016 sind Sie mit Ihrem «Jetman»-Projekt nach Dubai gegangen – offenbar eine schwierige Erfahrung?

Ja. Ich machte den Fehler, meinen Auftraggebern zu vertrauen. Ich verkaufte ihnen das ganze «Jetman»-Projekt mit der Idee, in Dubai Schüler auszubilden, eine Schule zu eröffnen und bis 2020 eine ganze Staffel aufzubauen. Ich habe drei Jahre dort gelebt, aber sie hatten keinerlei Flugkultur, wollten das Projekt auf ihre eigene Art leiten, sodass es sofort rentabel wird. Mein Kopf war voll mit Managementfragen, ich war nicht richtig bei der Sache und wäre vergangenes Jahr fast ums Leben gekommen. Das hat mir schliesslich die Augen geöffnet. Ich habe gekündigt und bin nach Hause zurückgekehrt.

Ist die Schweiz erfinderfreundlicher?

Ja, um einiges. Die Grundlagen dieses Landes sind das Wissen, die Präzision und die Kreativität. Wir haben wenig natürliche Ressourcen, aber dafür viel Natur und ein günstiges Klima. Ich bin über meine Rückkehr und das Wiedersehen mit meinem Team sehr froh. Unsere Philosophie ist es, die Menschen in den Mittelpunkt des Projekts zu stellen – nicht das Geld.

Sie arbeiten im Team, aber fliegen tun nur Sie allein – ist das nicht etwas egoistisch?

Anfangs ja, absolut, da war das ein Egotrip. Ich denke, bevor man mit anderen gut auskommen kann, muss man sich erst mit sich selber wohlfühlen. Das ist eine Suche nach Identität und Anerkennung, die wohl jeder Mensch in irgendeiner Form erlebt. Im Lauf der Zeit merkt man dann, dass das Wichtigste nicht das Ziel ist, sondern der Weg. Und dass es erfüllender ist zu teilen. Ich hoffe, dass ich eines Tages das Vergnügen haben werde, mit anderen zu fliegen.

Sie verwenden Kerosin als Treibstoff, das ist nicht gerade ökologisch.

Ich verhalte mich inkorrekt und stehe dazu. Aber derzeit funktioniert nur das. Ich habe es mit Biotreibstoff versucht, aber da trocknen alle Dichtungen aus, und es tropft überall. Und bei einem Elektromotor bräuchte ich einen Propeller, aber dann haben meine Beine keinen Platz mehr. Vielleicht wird es irgendwann eine andere Lösung geben, aber egoistisch, wie ich bin, werde ich noch einige Liter Kerosin verbrauchen, während ich auf eine saubere Technologie warte. Oder aber Sie besorgen mir die Rüstung von Ironman! (lacht)

In Vollmontur - Yves Rossy bereitet sich auf einen Flug vor.
In Vollmontur - Yves Rossy bereitet sich auf einen Flug vor.

Sie sind nicht der Einzige, der den Traum vom Fliegen träumt. Sind Sie neidisch auf den Erfolg des Franzosen Franky Zapata, der mit seinem Flyboard Air den Ärmelkanal überquert hat?

Nein, es ist grossartig, dass er es geschafft hat! Zapata ist ein guter Kumpel. Und ein kreativer Kopf, kein Angeber. Victor Hugo hat geschrieben: «Nichts ist mächtiger als eine Idee, deren Zeit gekommen ist.» Die Idee, mit dem eigenen Körper zu fliegen, ist da – und sie verwirklicht sich gerade.

Woran denkt man beim Fliegen?

In den zwei heiklen Phasen, dem Start und der Landung, ist man ganz konzentriert auf das, was man tut. Ansonsten erwische ich mich manchmal dabei, dass ich mich selbst ungläubig kneife. Ich bin dann ganz bei mir und schreie in meinem Helm, so schön ist es – besser als ein Traum! Einen 500-Meter-grossen Looping drehen, die Wolken streifen, senkrecht hochsteigen, die Schichten durchdringen … Ich habe das schon in einer Mirage gemacht, aber jetzt bin ich quasi nackt, nur mit Flügeln auf dem Rücken. Das ist schlicht grossartig!

Für wann ist der nächste Meilenstein geplant?

Derzeit arbeite ich an einem neu designten Flügel mit steuerbaren Düsen, einem elektronischen Stabilisierungssystem und neuen, leistungsfähigeren Triebwerken. Mein Ziel ist ein Fluggerät, das autonom startet und landet, und zwar vertikal. Wenn alles gut geht, ist es vielleicht nächstes Jahr so weit. Wir werden sehen. Und ansonsten träume ich davon, eines Tages das Matterhorn zu umfliegen.

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