20. Juli 2015

Rätsel lösen im Adventure Room

Für seine Adventure Rooms lassen sich Menschen freiwillig in dunkle Räume einsperren und fesseln. Um wieder freizukommen, müssen sie Rätsel lösen.

Die Adventore Rooms von Gabriel Palacios sind beliebt.
Als Vorlage diente ihm ein Computerspiel aus den 90er-Jahren: Physik- und Spanischlehrer Gabriel Palacios im ­Kellergewölbe seines Adventure Rooms in Bern.

Ketten, Stofftiere, Bücher. Wer das Kellergewölbe unter dem Waisenhausplatz 14 in Bern betritt, stösst zunächst auf diese merkwürdige Kombination von Gegenständen. Es ist zappenduster. Man wird in Handschellen gelegt. Das Abenteuer Adventure Rooms beginnt.

Adventure Rooms sind Lokale, in denen Menschen sich freiwillig einsperren lassen und Rätsel lösen müssen, um wieder freizukommen. Erfunden hat das «Spiel» Gabriel Palacios (37), Physik- und Spanischlehrer am Gymnasium Hofwil in Münchenbuchsee BE. Der jugendliche Typ in Jeans und Turnschuhen ist ein Tüftler, er liebt Adventure-Games wie Monkey Island, das legendäre Computerspiel aus den 90er-Jahren. Um seinen Schülern interessante Lektionen zu bieten, kreierte er vor drei Jahren einen Parcours, der wie sein geliebtes Game aus einer Reihe von banal verpackten Aufgaben besteht: ein Gestell, ein runder Tisch, eine magnetische Tafel mit Buchstaben und Zahlen.

Palacios’ «Gymeler» liebten das Spiel. Sie erzählten ihren Eltern und Freunden davon, und nicht wenige von denen wollten den Parcours sogleich selber absolvieren. Zwei Monate nach der Erstbegehung des Kerkers wollten die ersten Firmen ihre Mitarbeiter zwecks Team­building durch den Parcours schicken. «Bevor ich ausserhalb der Schule von dem Spiel erzählen konnte, berichteten die Zeitungen darüber», sagt Gabriel Palacios und zieht die Augenbrauen hoch. Er kann es selber kaum fassen, was seither alles geschehen ist. Eine Kanadierin besuchte Adventure Rooms und war so begeistert, dass sie Mitte 2013 als erste Franchisenehmerin eine Kopie in Ontario eröffnete. Inzwischen gibt es sechs verschiedene Spiele, 30 Lizenzen sind verkauft: nach Zürich und Zypern, nach Moosseedorf und Moskau, nach Tallinn und Toulouse, die neuste nach Kuwait. Im Generationenhaus beim Bahnhof Bern wurde Anfang Juli die zweite Location der Hauptstadt eröffnet.

Das Ziel: sich in einer Stunde befreien

Ein Zinnbecher, eine Laterne, ein Safe. Die Gruppe, die es dank solch verkappter Hinweise geschafft hat, sich aus den Handschellen zu befreien, findet weitere Gegenstände, sprich weitere Rätsel und weitere Informationen. Palacios überprüft jede neue Installation in jeder Ecke der Welt persönlich und ist dafür zurzeit jedes Wochenende unterwegs. Abends und nachts erledigt er Papierkram und Mails. Nachmittags unterrichtet er, aber statt wie früher im Vollpensum nur noch an zwei Halbtagen, sechs Lektionen pro Woche. Ganz aufs Unterrichten ­verzichten will er auf keinen Fall, auch wenn er inzwischen von seinem Unternehmen leben könnte. Genaue Zahlen kennt er nicht, denn vor anderthalb Jahren hat er seinen Bruder David an Bord geholt, und der kümmert sich um die Finanzen.

Ein Pinguin, ein Ventilator, eine Lampe. Was im Alltag ein normaler Gegenstand ist, kann bei Adventure Rooms ein Rätsel oder dessen Lösung bedeuten – oder auch gar nichts. Das Ziel ist, sich innerhalb einer Stunde aus dem Kerker zu befreien. Zwei Drittel der Kunden schaffen das nicht, was aber dem Spass offenbar keinen Abbruch tut. Palacios erinnert sich an jene Gruppe, die so ins Spiel vertieft war, dass sie zwei ihrer Mitglieder beim Eingang in den Handschellen vergass. Manche Kunden berichten, dass sie im Nachhinein noch tagelang über ihr Abenteuer sprachen. Unvergessen auch die Gruppe, die sich nach Ablauf der Spielzeit weigerte, den Parcours zu verlassen, und die Ausgangstür gewaltsam wieder zu schliessen versuchte.

Jede Woche trifft eine neue Franchiseanfrage aus irgendeiner Ecke der Welt ein. Woher deren Absender von Adventure Rooms wissen, ist oft unklar. «Tripadvisor, Facebook?», mutmasst Palacios. Im Moment vergibt er keine neuen Lizenzen, er will zuerst die laufenden abarbeiten. Auch dann bleibt kaum Zeit für anderes. Seine 3-Zimmer-Blockwohnung in Bern teilt der leidenschaftliche Leser mit Hunderten von unberührten Büchern. «Ich hoffe, ich muss nicht sterben, ohne alles gelesen zu haben.» Palacios lacht. Übrigens wäre er durchaus gern mal selber eine Nacht lang eingesperrt. Aber nicht in einem Adventure Room, lieber in einer Buchhandlung.

Fotograf: Michael Sieber

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