04. April 2019

Quo vadis, katholische Kirche?

Die Zahl der gläubigen Katholiken steigt zwar weltweit, doch die Kirche gerät immer wieder in die Negativschlagzeilen – und zunehmend unter Druck. Stimmen zur Lage der Glaubensgemeinschaft aus katholischer, reformierter und freidenkerischer Sicht.

Der katholischen Kirche in der Schweiz laufen immer mehr Schäfchen davon
Der katholischen Kirche in der Schweiz laufen immer mehr Schäfchen davon. (Illustrationen: Stephan Schmitz)
Lesezeit 7 Minuten

Ich bin immer noch Christin

Monika Stocker

«Ich bin gemeinsam mit anderen Frauen im November 2018 aus der katholischen Kirche ausgetreten, weil ich die Hoffnung verloren habe, dass sich je etwas in die richtige Richtung bewegen wird. Die Aussage von Papst Franziskus, dass Abtreibung vorsätzlicher Mord sei, hat das Fass zum Überlaufen gebracht. Ich habe aber schon länger mit mir gerungen, weil die Gleichstellung von Frauen für mich schon immer
ein Kernthema war. Und im Grunde ist die Diskriminierung der Frau Teil des Geschäftsmodells dieser Kirche. Es gibt auch keinerlei Anzeichen, dass sich daran etwas ändern wird.

«Letztlich geht es schlicht um Macht, die die Herren in Rom nicht abgeben wollen», sagt Monika Stocker (71), ehemalige Zürcher  Stadträtin der Grünen.
«Letztlich geht es schlicht um Macht, die die Herren in Rom nicht abgeben wollen», sagt Monika Stocker (71), ehemalige Zürcher Stadträtin der Grünen. (Bild: Sophie Stieger)

Die Herren in Rom stammen aus einer anderen Zeit und zeigen keinerlei Lernbereitschaft. Entsprechend festgefahren ist die Kirche in ihrer patriarchialen Haltung. Aber im 21. Jahrhundert geht das einfach nicht mehr. Junge Menschen können sich mit all dem überhaupt nicht identifizieren. Eigentlich wären Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung die Kernbotschaften der Kirche. Doch davon ist vor lauter Debatten um Herrschaft nichts mehr zu spüren. Letztlich geht es schlicht um Macht, die diese Herren nicht abgeben wollen.

Zwar bin ich nun nicht mehr katholisch, aber immer noch Christin. Und so geht es sicherlich einigen, die ausgetreten sind. Die vielen Konfessionslosen heute sind keine befreiende Entwicklung, sondern eher eine Notlösung. Viele sind weiterhin auf der Suche nach Sinn und Halt, können sich aber in den bestehenden Institutionen nicht wiederfinden.»

Die christliche Perspektive ist weiter relevant

Kurt Koch

«Die Lage für die Kirche ist je nach Kontinent unterschiedlich. In Europa und in der Schweiz befindet sich das Christentum insgesamt in keiner einfachen Situation. Anders als früher ist Religion kein so öffentliches Thema mehr; sie gilt als Privatsache. So, wie man heute die meisten Lebensbereiche individuell gestaltet, so hält man es auch mit dem Glauben. Zugleich ist man gegenüber Institutionen skeptischer geworden – wenn man aus dem Staat austreten könnte, würden das vermutlich viele tun. Natürlich bereiten mir die zahlreichen Kirchenaustritte Sorgen, aber im Vordergrund steht bei uns trotz allem die Seelsorge, nicht die ‹Zählsorge›.

Die Kirche muss sich angesichts der gesellschaftlichen Herausforderungen immer wieder neu positionieren, um ihre Kernbotschaft glaubwürdig verkünden zu können: Gott ist in unserem Leben gegenwärtig. Wenn sie das nicht tut, besteht die Gefahr, dass diese Botschaft nicht mehr gehört wird. Die Kirche sollte sich deshalb auch in aktuelle Debatten einbringen, ihre Position – etwa zu Migration, Armut, Terrorismus und Klimawandel – deutlich machen und zeigen, dass die christliche Perspektive weiterhin relevant ist.

Es besteht die Gefahr, dass die Botschaft der Kirche nicht mehr gehört wird», sagt Kurt Koch (69), ehemals Bischof von Basel, seit 2010 Kardinal in Rom
«Es besteht die Gefahr, dass die Botschaft der Kirche nicht mehr gehört wird», sagt Kurt Koch (69), ehemals Bischof von Basel, seit 2010 Kardinal in Rom.

Daneben geht das Ringen um Lösungen in den anderen umstrittenen Fragen weiter. Im Zusammenhang mit den sexuellen Missbräuchen hoffe ich auf Folgendes: 1. Absolute Priorität der Opfer; auf sie muss man hören, ihnen muss man helfen. 2. Null Toleranz gegenüber den Tätern 3. Aktive Präventionsarbeit, um weitere Missbräuche zu verhindern. Allerdings erschwert die globale Präsenz der Kirche die Lösung solcher Probleme, weil die kulturellen Sensibilitäten so unterschiedlich sind. Und der Anspruch lautet stets, Antworten zu finden, die für alle gelten.

Die Leitung der Universalkirche ist natürlich mit vielen Spannungen verbunden. Ich sehe den Papst diesbezüglich wie einen Bergführer: Mal muss er vorausgehen und den Weg zeigen, ein anderes Mal geht er ganz hinten, um zu schauen, dass niemand zurückbleibt, und manchmal muss er in der Mitte bei allen sein. Eine schwierige Aufgabe, um die ihn niemand beneidet.»

Die katholische Kirche steht unter hohem Druck, sich zu verändern.

Mein Rat: Nehmt es lockerer

Michel Müller

«Einerseits beeindruckt mich, wie gut sich die katholische Kirche hält, andererseits staune ich, dass sie sich noch immer mit Fragen rumschlägt, die wir Reformierten längst geklärt haben. Erschwerend kommt hinzu, dass sie als männerdominierte Institution dabei über Dinge diskutiert, von denen ihre Exponenten eigentlich keine Ahnung haben. Damit verliert sie in der Gesellschaft viel Glaubwürdigkeit, die sie bei Themen wie sozialer Ungerechtigkeit durchaus hat. Immerhin steht sie in der Schweiz bezüglich der Missbrauchsfälle besser da als in vielen anderen Ländern. Das hat sicherlich auch mit den hiesigen demokratischen Strukturen zu tun, von denen auch wir Reformierten profitieren.

Aber während wir bereit sind, die Dinge immer wieder neu zu betrachten, schleppen die Katholiken eine 2000 Jahre alte Tradition mit sich herum und tun sich schwer mit Anpassungen. Mein Rat wäre: Nehmt es lockerer, kümmert euch um die ganze Schöpfung und nicht so sehr um das, was einzelne alte Männer offenbar verdrängen.

«Der Glaube nimmt nicht per se ab, er ist bloss vielfältiger geworden», sagt Michel Müller (55), Kirchenratspräsident der reformierten Kirche des Kantons Zürich
«Der Glaube nimmt nicht per se ab, er ist bloss vielfältiger geworden», sagt Michel Müller (55), Kirchenratspräsident der reformierten Kirche des Kantons Zürich.

Als Vater eines schwulen Sohns bin ich dankbar, dass die Reformierten in dieser Frage anders ticken. Ich möchte an einen Jesus glauben, der für die Freiheit und das Wohl aller Menschen einritt. Aus meiner Sicht liegt der Schlüssel bei den Frauen: Wenn sie auch in der katholischen Kirche Leitungspositionen einnehmen dürften, würden sich die umstrittenen Themen in die richtige Richtung bewegen.

Was Kirchenaustritte betrifft, scheinen mir die Katholiken bisher im Vorteil; ihre Bindungskraft für die Gläubigen ist stärker als bei uns. Der Glaube in der Gesellschaft nimmt auch nicht per se ab, er ist bloss vielfältiger geworden; immer mehr Leute glauben ausserhalb der Institutionen. Als Verantwortlicher für Tausende von Angestellten beunruhigt mich diese Entwicklung natürlich, aber vielleicht verschiebt sich der gesellschaftliche Fokus von individueller Freiheit später wieder in Richtung Gemeinschaft.»

Man braucht Religion immer weniger, um die Welt zu verstehen

Andreas Kyriacou

«In Europa muss die katholische Kirche einen immer grösseren Spagat vollbringen zwischen der reinen Lehre des konservativen Klerus und einer zunehmend liberalen Basis – anderswo wird sie von den noch konservativeren Evangelikalen bedrängt. Kurz: Als Wirtschaftsunternehmen ist sie noch immer sehr erfolgreich, bezüglich Kundenbindung hat sie jedoch einen schweren Stand. Umso mehr, als sie die Missbrauchsskandale nach wie vor kleinredet und auch gesellschaftspolitische Debatten nicht gerade meisterhaft handhabt.

«Der Spagat zwischen Klerus und Basis wird immer grösser», sagt Andreas Kyriacou (52), Präsident der Freidenker Schweiz.
«Der Spagat zwischen Klerus und Basis wird immer grösser», sagt Andreas Kyriacou (52), Präsident der Freidenker Schweiz. (Bild: Bruce Yim)

Nicht nur werden die eigentlichen Kernbotschaften dadurch kaum mehr gehört, indem sie derart viel unethisches Verhalten in den eigenen Reihen duldet, verwirkt die katholische Kirche auch ihren Anspruch, moralisch hochwertiger zu sein als alle anderen. Zudem ist der Vatikan eine absolute Monarchie wie Saudi-Arabien – da ist es schon ein ziemlicher Hohn, wenn der Papst sich hinstellt und über Menschenrechte referiert.

Wäre ich an seiner Stelle und müsste Veränderungen anstreben ohne die Kirche gleich ganz aufzulösen, würde ich als Erstes veranlassen, das die Kirche sich in jedem Land vollumfänglich dem Rechtsstaat unterstellt. Ich würde Frauen die gleichen Rechte geben und demokratische Kontrollmechanismen einführen. Aus säkularer Sicht müsste der Vatikan die vielen unter dubiosen Umständen erworbenen Güter zurückgeben und in eine echte gemeinnützige Organisation umgewandelt werden.

Der klare Trend zur Konfessionslosigkeit in der Schweiz überrascht nicht: Man braucht die Religion immer weniger, um die Welt zu verstehen, dafür gibt es heute die Wissenschaft. Und viele wollen sich nicht mehr von einer Kirche vorschreiben lassen, wie sie zu leben haben. Das sind grundsätzlich sehr erfreuliche Entwicklungen. Klar, einige stellen sich einfach ein eigenes Potpurri von Welterklärungen zusammen. Aber Untersuchungen zeigen auch, dass die Mehrheit der Konfessionslosen in vielem ähnlich tickt: Sie glaubt nicht an ein Leben nach dem Tod und vertraut der Evolutionstheorie, um zu verstehen, wie unsere Spezies entstanden ist – und nicht Schöpfungsmythen.»

Die Missbrauchsvorfälle durch den Klerus belasten die Kirche sehr.

Ernüchternd, wie wenig sich bisher bewegt hat

Franziska Driessen

«Auf den ersten Blick geht es der katholischen Kirche weltweit wunderbar, sie wächst und gedeiht. Was wir aus Rom oder von der Bistumsleitung in Chur zu hören bekommen, ist aber nicht immer so positiv. Und die vielen Missbrauchsfälle belasten die Kirche sehr – auch mich persönlich. Solange wir nichts an den Machtverhältnissen im System ändern, wird es solche Fälle geben. So gesehen bin ich dankbar für alles, was ans Tageslicht kommt und die Menschen aufrüttelt.

‹Liebe deinen Nächsten wie dich selbst› ist für mich die Kernbotschaft der Kirche. Ich glaube auch, dass sie beim Einzelnen immer noch ankommt. Aber es ist schon ernüchternd, wie wenig sich in gesellschaftlichen Fragen getan hat. Dass letztes Jahr sechs prominente Frauen ausgetreten sind, weil sie die Hoffnung auf positive Veränderungen verloren haben, kann ich durchaus verstehen. Wenn wir in zehn Jahren noch immer nicht weiter sind, werden wir ernsthafte Probleme bekommen. Immerhin können wir lokal Zeichen setzen. Wir unterstützen zum Beispiel seit Jahren den Gottesdienst an der ‹Zurich Pride›.

«Ich wünsche mir, dass kritische Stimmen mehr gehört werden», sagt Franziska Driessen (49), erste Synodalratspräsidentin der katholischen Kirche im Kanton Zürich.
«Ich wünsche mir, dass kritische Stimmen mehr gehört werden», sagt Franziska Driessen (49), erste Synodalratspräsidentin der katholischen Kirche im Kanton Zürich. (Bild: Christoph Wider)

Ich wünsche mir, dass kritische Stimmen mehr gehört und autoritäre Machtstrukturen aufgebrochen werden, dass Frauen mehr Verantwortung bekommen und Homosexuelle und Transmenschen besser akzeptiert werden. Klar, damit würden wir uns den Reformierten annähern, aber das finde ich kein Problem, wir können dabei nur gewinnen. Bestimmt würden dann auch weniger Menschen aus der Kirche austreten.

Viele, die das tun, bleiben aber spirituell aktiv. Und es gibt auch weiterhin Kirchen, die sonntags voll sind, unsere Migrantenseelsorgen, die ihre Religiosität im Kanton Zürich in 22 Sprachen sehr aktiv pflegen, die Herz Jesu Kirche in Zürich oder auch das Grossmünster. Aber das ändert nichts daran, dass wir in unseren reichen Gesellschaften ganz andere Sorgen haben als früher – und dadurch weniger nach spirituellen Inhalten suchen. Da tut es dann vielleicht auch eine Meditation oder eine Sitzung beim Psychiater. Ich selbst schätze die Gemeinschaft in unserer Pfarrei und den regen Austausch mit Menschen. Deshalb suche ich auch keine Alternativen.»

Benutzer-Kommentare

Mehr zum Thema

Arnd Bünker
Heiliger Eifer

Verwandte Artikel

Arnd Bünker

Ein Wertezerfall ist nicht in Sicht

Sarah Heiligtag

Der Hof, auf dem Tiere in Frieden leben dürfen

Reife Banane

Gegen Food Waste

Philosoph Philipp Hübl

Klares Denken entlarvt jedes Geschwurbel