27. August 2018

Puppen und Kerle

Bänz Friedli greift (noch einmal) ein Tabuthema auf. Hier kannst du dich mit ihm oder anderen Leser(inne)n austauschen und die vom Autor selbst gelesene Hörkolumne herunterladen.

Puppe auf dem Boden liegend
Spielen die Buben in der Vorstadt eigentlich auch heute noch nicht mit Puppen?

Es war vor 14 Jahren. In einer Wochenzeitschrift schrieb ich, wie sehr mir der Rückschlag missfalle, den ich bei den Rollenbildern beobachtet hatte:«Emanzipation? Gleichstellung? Vergiss es, Mann. Die jungen Frauen sind wieder anschmiegsame Tussis, die Jungs voll krasse Kerle.» Tage zuvor hatte unser Vierjähriger seine Puppe in die Kinderkrippe mitnehmen wollen. «Kaum sind wir angelangt, umringen ihn fünf Knaben – ein kleiner Türke, zwei Albaner, ein Sizilianer und Adam aus Nigeria, alle blicken finster. Und noch ehe einer von ihnen ihn verhöhnen kann, drückt er mir sein Bäbi, es heisst Monika, wieder in die Hand und sagt kleinlaut: ‹Nimmst du die Monika bitte mit ins Büro?›» Buben spielen nicht mit Puppen bei uns in der Vorstadt.

Und unsere kleine Tochter war betrübt vom Chindsgi heimgekommen. Ihr bester Kamerad, der Abdurrahman, wolle plötzlich nichts mehr von ihr wissen. Dort, wo er herkomme, spielten Knaben nicht mit Mädchen, habe sein Papi gesagt. «Schon mit fünf sind sie ausgewachsene Macker, die kleinen Chilenen, Pakistaner, Montenegriner», folgerte ich. «Wozu haben wir gopferglemmi 30 Jahre lang gegen Rollenklischees angekämpft, wenn Immigrantenknäbchen und, in deren Windschatten, hiesige Burschen auf unseren Pausenplätzen nun wieder den Macho markieren?» Der Text sorgte für Aufruhr.

Ein Podiumsgespräch wurde anberaumt, im Zürcher Stadthaus. Dort wurde ich aufs Schärfste attackiert. Eine SP-Politikerin und heutige Regierungsrätin, damals noch sehr rothaarig, beschimpfte mich als Rassisten, eine andere fand mich «zum Kotzen». Backlash durch Immigration? Das Thema war tabu. Für Linke, weil ihnen blinde Fremdenfreundlichkeit über alles ging. Für rechte Parteien, weil sie selber ein rückständiges Frauenbild pflegten.

Im August 2018 verprügeln junge Männer in Genf fünf Frauen, einfach so. In Zürich werden mehrere Frauen begrapscht, belästigt, geschlagen. Der Genfer Sicherheitsdirektor Pierre Maudet sagt: «Männer aus patriarchalen Kulturen, die schlecht integriert sind, betrachten Frauen als etwas Minderwertiges.» Heute darf man es aussprechen: Das Problem sind Männer aus patriarchalen Kulturen.

An dem Tag, als Abertausende nach Zürich an die Street Parade strömten, verliessen unsere 19-Jährige und ich die Stadt mit der Bahn. Bevor wir einsteigen konnten, platschte eine Horde junger Männer aus dem Zug, angereist aus Richtung St. Gallen, Wil, Winterthur. Sogleich machten sie meine Tochter – es war morgens um elf, und sie waren schon hagelvoll – aufs Übelste an. Reine Belästigung. Vom Dialekt und dem Aussehen her eindeutig junge Schweizer. Vermutlich stammen sie aus einer patriarchalen Kultur.

Die Hörkolumne (MP3-Format)

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