23. Mai 2019

Psychologie des Aufregens

Woher kommt Wut und was bewirkt sie? Psychotherapeutin Beatrix Ott erklärt, wie wir diese Basisemotion als Motor für positive Veränderungen nutzen können.

Wutanfall
Die vier Phasen des klassischen Wutanfalls.

Einige Menschen ärgern sich dauernd und intensiv, andere gehen viel gelassener mit den Unannehmlichkeiten des Alltags um. Was entscheidet, wer wie reagiert?

Wut zählt zu unseren Basisemotionen, alle Menschen verspüren sie ab und zu. Sie gehört zu uns wie Freude, Ekel oder Überraschung. Ein Stück weit ist unsere Emotionalität genetisch vorbestimmt. Natürlich spielen auch unsere Kindheitserfahrungen eine grosse Rolle. So wird man stark davon geprägt, wie in der eigenen Familie mit Frustrationen, Stress und Konflikten umgegangen wurde. Wenn die Eltern bei jeder Kleinigkeit ausrasten, erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass das Kind dieses Verhaltensmuster übernimmt.

Gibt es noch weitere Faktoren?

Auch die Kultur, in der wir leben, und die aktuelle Lebenssituation haben selbstverständlich einen Einfluss. Wenn wir häufig gestresst sind, reagieren wir eher verärgert.

Kann man lernen, gelassener zu werden?

Absolut. Es gibt viele Arten, mit Zorn umzugehen. In jedem Fall setzt er ungeheure Energie frei. Einige schlagen mit der Faust gegen die Wand, andere zerschlagen Geschirr oder verprügeln ihren Partner. Besser wäre es, das Gefühl zum Beispiel durch Bewegung abzubauen: Sport treiben, einmal um den Block gehen – so kann man all das Adrenalin wieder abbauen, das durch die Wut ausgeschüttet wird. Ein anderer Weg ist Entspannung oder Kreativität: die Wut aufschreiben, darüber reden, bis zehn zählen, bewusst durchatmen, die Wut malend oder musikalisch ausdrücken. Auch die Wohnung oder das Auto putzen kann ein Ventil sein. Zu lernen, mit Wut auf gesunde Weise umzugehen, ist ein grosser Schritt. Das Ziel ist letztlich, mit dem Zorn weder sich selbst noch anderen zu schaden.

Noch wichtiger wäre es aber, gar nicht erst so oft wütend zu werden, oder?

Auch daran kann man arbeiten. Es gilt, unser Denken und unsere Bewertungen zu hinterfragen. Bei den meisten Menschen gibt es klare Auslöser von Wut, sogenannte Triggerpunkte. Die muss man identifizieren, um etwas verändern zu können. Ein Beispiel: Jemand, der das Gefühl hat, von anderen kleingemacht zu werden, kann aggressiv darauf reagieren – oder sich damit auseinandersetzen, um einen anderen Umgang damit zu erlernen und die Wut zu reduzieren.

Beatrix Ott , Psychotherapeutin FSP
«So genannte Wutbürger fühlen sich oft nicht gehört und nicht ernst genommen, daraus entstehen Frust und Wut, die sich auf diese Weise entladen», sagt Beatrix Ott (42), Psychotherapeutin FSP bei Medbase St. Gallen. (Bild: Daniel M. Frei)

Ist es gesünder, Wut rauszulassen, als sie in sich hineinzufressen?

Alles, was wir im Extrem tun, ist schädlich. Es ist ebenso ungesund, alles in sich hineinzufressen, wie die Wut unkontrolliert herauszulassen. Beides setzt einen unter Druck und erhöht den Stress. Bei Ausrastern sagt und tut man oft Dinge, die einem hinterher leidtun; man fühlt sich schuldig und schämt sich. Unterdrückt man dagegen die Wut, kann das sogar zu Depressionen führen. Oder man greift zu Alkohol und anderen Drogen, um sich mit diesen Themen nicht auseinandersetzen zu müssen.

Kann es auch physische Folgen haben?

Oh ja! Wut als Dauerzustand ist vergleichbar mit Dauerstress: Blutdruck, Puls, Atemfrequenz und Muskelspannung steigen, ebenso das Risiko, einen Herzinfarkt oder Schlaganfall zu erleiden. Chronische Schmerzen, Verdauungs- und Schlafstörungen können weitere Folgen sein.

Wut ist also ziemlich ungesund.

Aber nicht nur. Eigentlich ist sie eine natürliche, häufig angemessene Reaktion, die in Situationen entsteht, in denen wir uns verletzt, bedroht oder nicht wahrgenommen fühlen, in denen unsere Grenzen überschritten oder Bedürfnisse nicht erfüllt werden. Sie zeigt uns, dass etwas nicht so ist, wie wir es uns vorstellen, und ist damit auch ein wichtiger Motor für Veränderungen.

Und doch kommen Leute damit zu Ihnen in die Therapie.

Ja, ich helfe diesen Menschen, ein positiveres Verhältnis zu ihrer Wut zu finden. Erst wenn man sich eingestehen kann, dass man wütend ist, kann man sich mit den Gründen auseinandersetzen – oft steckt etwas Schmerzvolles dahinter. Das Erlernen von Entspannungstechniken hilft, die körperlichen Stresssymptome zu senken und gelassener zu werden. Möglicherweise muss diese destruktive Wut künftig dann gar nicht mehr entstehen.

Wie würden Sie den klassischen Wutbürger therapieren, der unflätige Onlinekommentare oder E-Mails verfasst?

Ich würde mit ihm nach den Ursachen für seine Gefühle suchen. Oft sind es Ängste, Enttäuschungen, Selbstüberschätzung oder Langeweile. Daran kann man arbeiten. Viele dieser Menschen fühlen sich nicht gehört und nicht ernst genommen, daraus entstehen Frust und Wut, die sich auf diese Weise entladen – was umso leichter fällt, wenn es anonym möglich ist. Manchmal hat es auch damit zu tun, dass man mit seinem eigenen Leben unzufrieden ist und dafür einen Schuldigen sucht. Man lenkt die Wut nach aussen, statt sich damit auseinanderzusetzen, wie man sein Leben verändern müsste, um zufriedener zu werden. Ziel der Therapie ist es dann, dass die betroffene Person Verantwortung für sich und ihr Leben übernimmt.

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