28. Mai 2018

Prunk? Nein, danke!

Bänz Friedli will nicht ins Schloss. Hier kannst du die vom Autor gelesene Hörkolumne herunterladen und dich mit ihm und anderen Leser(inne)n austauschen.

Illustrierten-Cover
Bänz Friedli wird mit dem (Geld)Adel nicht wirklich warm. Regenbogenpresse hin oder her.

War es beim Coiffeur? Wo ich es gelesen habe, weiss ich nicht mehr. Aber es muss in einem der Heftli gewesen sein, die man, halb verstohlen, nur beim Coiffeur liest. Was man hinterher nie zugeben würde. Du weisst schon, die Heftli, in denen die nicht jünger werdende Heidi Klum mit ihren von Coiffeurbesuch zu Coiffeurbesuch jünger werdenden Beischläfern abgebildet ist. Item. Da wurde «eine Nacht in einem Schloss» verlost, mit allem Drum und Dran. Und ich dachte: Als ob das märchenhaft wäre! Furchteinflössend stelle ich sie mir vor, diese Nacht. Einsam. Gespenstisch. Und: kalt. Ein einziges Mal nächtigte ich in solch uraltem Gemäuer. August wars. Ich fror.

Denn energetisch sind sie, wenn wir ehrlich sind, nicht auf dem neuesten Stand, diese Schlösser. Und was die Einrichtung betrifft: Ich habs lieber modern und schlicht. Kannst du dir vorstellen, dass es in einem Schloss mit seinen viel zu hohen Räumen und dem viel zu wertvollen Interieur kuschelig ist? Nein, verloren fühlt man sich. Und es müffelt. Mir könnte ein Wettbewerb meinetwegen eine «Cabin» am Moosehead Lake versprechen, eine Blockhütte samt Kaminfeuer. Das wäre kuschelig, den Talon würde ich ausfüllen. Prunk aber macht nicht glücklich. Eine einzige Frage stellte sich mir angesichts von Schloss Windsor, das mit seinen tausend Gemächern mehr Festung als Palast ist, während der Übertragung der «Royal Wedding»: Wer soll das alles putzen??!

Okay, dafür gibts vermutlich Personal: Ich war mal – es hatte mit meinem Beruf als Journalist zu tun – bei einer der reichsten Schweizer Familien, an einem noblen Ort im Berner Oberland. Es war ein ständiges Gewusel von Koch, Gouvernante, Fitnesstrainer, Putzequipe und dem Chauffeur, der die Kinder gerade im gepanzerten Wagen von der Schule abgeholt hatte. Ein Butler legte auf dem Salontisch die aktuellen Ausgaben von «NZZ» bis «Wall Street Journal» aus und verriet mir: Das Anstrengende sei, dass das jeden Tag an jedem Wohnsitz besagter Familie zu geschehen habe, also auch in New York, London, am Genfersee und in der Karibik, sollte der Hausherr gerade dort absteigen und Zeitung lesen wollen. Keine Sekunde waren Eltern und Kinder allein, immer platzte noch ein Kellner herein, noch eine Visagistin. Als ich unseren Kindern am Abend davon erzählte, fanden sie: Zum Glück sind wir nicht so reich.

Übrigens hatte eins der Kinder bei der unfassbar reichen Familie nach seinem Geschäft nicht gespült, wie ich auf dem WC feststellte. Es ergeht betuchten Eltern offenbar nicht besser als normalsterblichen. Tröstlich.

Die Hörkolumne herunterladen (MP3)

Bänz Friedli live: 1.6. Wängi TG, 8.6. Heimberg BE

Benutzer-Kommentare

Verwandte Artikel

Bänz Friedli

Lob des Umwegs

Kolumnist Bänz Friedli

Hey, Schiri!

Kolumnist Bänz Friedli

Heiss, aber cool

Blüten auf Körper

Im Mückenstich gelassen

Informationen zum Author