16. Dezember 2019

Programm für ein besseres Leben

Parwiz Rajabi ist vor vier Jahren aus Afghanistan in die Schweiz geflüchtet. Nun, da sein Leben gerettet ist, will der junge Mann etwas daraus machen. Er verbringt viel Zeit in der Bibliothek und bildet sich weiter. Und er erhält seine Chance – mit dem Programmierlehrgang von Powercoders.

Parwiz Rajabi vor dem Laptop
Viele Stunden täglich am Laptop: Parwiz Rajabi hat im Lehrgang von Powercoders die Basis des Programmierens gelernt.

Parwiz Rajabi (22) tippt auf der blauen Tastatur seines Notebooks. Seit einigen Monaten ist der viereckige Kasten sein ständiger Begleiter – und der Schlüssel für seine Zukunft. Als einer von 18 Männern und Frauen absolviert er in Zürich einen Informatiklehrgang von Powercoders. Der Verein will mit dem Programm anerkannten Flüchtlingen und vorläufig aufgenommenen Personen den Weg in die Arbeitswelt öffnen. Mehr als 80 Prozent von ihnen sind von der Sozialhilfe abhängig; nach fünf Jahren in der Schweiz sind es immer noch 70 Prozent.

«Wir wollen den geflüchteten Menschen die Unabhängigkeit zurückgeben», sagt Christina Gräni, Sprecherin des Vereins. Gleichzeitig will man die Sozialhilfe entlasten und dem Fachkräftemangel in der IT-Branche entgegenwirken. Vor drei Jahren hat Powercoders den Lehrgang initiiert. In einem dreimonatigen Intensivkurs lernen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer die Basis des Programmierens, anschliessend folgt ein Praktikum (siehe Box).

Wollte er leben, musste er fliehen
Für Parwiz Rajabi ist der Lehrgang «die Chance auf ein besseres Leben», wie er sagt. «Ich kann mein Glück, das anspruchsvolle Aufnahmeverfahren geschafft zu haben, kaum in Worte fassen.» Die Zukunft hat nicht immer so rosig ausgesehen für den jungen Mann aus Afghanistan. Vor fünf Jahren stand er vor dem Nichts. Seine Eltern waren tot, von den Taliban umgebracht, sein ­Bruder und seine Schwester bereits nach Europa geflüchtet. «Ich hatte keine Wahl – aber auch nichts zu verlieren», sagt er. Wenn er leben wollte, musste er fliehen. Die Flucht war indes keine Garantie zu leben.

Nach der Flucht begann das lange Warten
Auf sich selbst gestellt, zog er zu Fuss in den Iran, danach in die Türkei. Dort lebte er mehrere Monate als Bettler, um die Überfahrt nach Griechenland finanzieren zu können. «Weil ich nicht viel Geld hatte, musste ich das Schiff steuern, mit dem wir nach Griechenland gelangen sollten», sagt er. 80 Menschen sassen gedrängt in einem Schlauchboot, das für die Hälfte bestimmt war. «Es war Nacht. Schwache Lichter, weit weg am Horizont, wiesen als Einzige den Weg», erinnert er sich. «Niemand konnte uns helfen, wir konnten nur beten.» Endlich in Griechenland angekommen, seien sie während Stunden einfach nur regungslos dagelegen – überwältigt davon, es überstanden zu haben. «Es war eine grosse Erleichterung, als ich nach Österreich kam – da wusste ich: Jetzt habe ich es geschafft.»

Später, in Konstanz, wurde er verhaftet und im Oktober 2015, nach mehr als einem halben Jahr auf der Flucht, in die Schweiz in ein Bundesasylzentrum verlegt. Damit begann das lange Warten auf den Entscheid, ob er als Flüchtling aufgenommen würde. «Wir haben nur geschlafen, gegessen und gewartet, das hat mich krank gemacht.» Es gab ein Hin und Her um sein Alter. «Gemäss meinen Dokumenten aus Afghanistan war ich damals 16 – die Schweizer Behörden legten mein Alter aufgrund einer Handknochenanalyse aber auf 19 Jahre fest», sagt Rajabi. Mit diesem Entscheid musste er seine Hoffnung begraben, ein zehntes Schuljahr machen zu können.

Unterdessen nach Neftenbach ZH verlegt, ging die Suche nach Sinn und einer erfüllten Zukunft weiter. «Ich habe auf Youtube Vorträge von Motivationstrainern geschaut, um das Warten und Nichts-tun-Dürfen auszuhalten.» Er habe es satt, Rechenschaft darüber abzulegen, wofür er sein Geld ausgebe, und von Fremden hören zu müssen: «Du bekommst Sozialhilfe? – Du hast ja ein cooles Leben.» Also besuchte er Deutschkurse und fing an, in die Bibliothek zu gehen. «Ich verbrachte Montag bis Samstag stets mehrere Stunden dort. Die Bibliothek war meine beste Freundin», sagt er. Dort habe er Romane gelesen, mit Sprachbüchern Deutsch und Englisch gelernt und sich in Sachen Informatik belesen.

Das war das Fach, das ihn am meisten interessierte. «Es war immer schon mein Traum, Informatikspezialist zu werden.» Er habe versucht, eine Praktikums oder Lehrstelle in der Schweiz zu finden, ohne Erfolg. Umso grösser war die Euphorie, als er von der Ausbildung von Powercoders erfuhr. Es brauchte allerdings zwei Anläufe, bis Parwiz Rajabi ins Programm aufgenommen wurde. «Bei der ersten Bewerbung waren meine Programmierkenntnisse noch nicht gut genug.» Er hängte ein Jahr Selbststudium in Java- Script und Python an, lernte noch besser Deutsch und bewarb sich ein weiteres Mal.

Sein eigener Chef sein und anderen helfen
Inzwischen hat er den dreimonatigen Schulteil abgeschlossen und wird bald sein Praktikum bei der UBS beginnen. Wenn alles gut läuft, hat Parwiz Rajabi gute Chancen, eine Lehrstelle im Praktikumsbetrieb zu bekommen. «Ziel ist, dass unsere Absolventen entweder in einer Lehre, einer Festanstellung oder einer Teilzeitanstellung, kombiniert mit einem Informatikstudium, eine lang-fristige Lösung finden», sagt PowercodersSprecherin Christina Gräni.

Parwiz Rajabi hat sehr genaue Vorstellungen von seiner Zukunft. «Ich werde alles geben und hart arbeiten, um meine Ziele zu erreichen», sagt er. Nach einer Informatiklehre will er genügend Geld verdienen, um in einer eigenen Wohnung in Zürich zu leben. Und mit 35 Jahren möchte er sein eigener Chef sein und in seinem IT-Unternehmen Menschen ausbilden und beschäftigen, die wie er heute eine Chance benötigen.

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