07. November 2016

Pro und Contra zur Atomausstiegsinitiavite

Am 27. November stimmt die Schweiz über einen raschen Atomausstieg ab. Bei einem Ja würden die ersten Atomkraftwerke bereits 2017 vom Netz gehen. Ist das sinnvoll? Die Argumente der Befürworter und der Gegner.

Leibstadt, das jüngste Schweizer Kernkraftwerk
Leibstadt, das jüngste Schweizer Kernkraftwerk, müsste bei einem Ja zur Initiative 2029 vom Netz. (Bild: Ex-Press)

Darüber stimmen wir ab

Am 27. November 2016 entscheiden die Schweizer Stimmbürger über die Volksinitiative Für den geordneten Ausstieg aus der Atomenergie, die als Atomausstiegsinitiative bekannt ist. Der Vorstoss möchte unter anderem, dass der Betrieb von Kernkraftwerken verboten wird. Er fordert, dass die bestehenden Schweizer Kernkraftwerke nach einer maximalen Laufzeit von 45 Jahren ausser Betrieb genommen werden.

Das heisst: Beznau 1, Beznau 2 und Mühleberg müssten 2017 abgeschaltet werden, Gösgen 2024 und Leibstadt 2029.

Die Initiative wurde nach dem Atomunfall in Fukushima 2011 von der Grünen Partei im Verbund mit anderen Organisationen wie Greenpeace lanciert. Ebenfalls für die Initiative sind unter anderem die Fondation Franz Weber, die Grünliberalen, Pro Natura, die SPS, der VCS und der WWF Schweiz.

Gegen die Initiative sind der Bundesrat, CVP, SVP, FDP, BDP, Economiesuisse, Energiesuisse sowie der Verband Schweizerischer Elektrizitätsunternehmen.


Eigentlich braucht es den Neubau von Kernkraftwerken

Horst-Michael Prasser (61)
Horst-Michael Prasser (61) ist ordentlicher Professor für Kernenergiesysteme an der ETH Zürich

CONTRA: Der in Nussbaumen AG wohnhafte deutsche Horst-Michael Prasser (61) ist ordentlicher Professor für Kernenergiesysteme an der ETH Zürich. Von 2008 bis 2011 war er Mitglied des Eidgenössischen Nuklearsicherheitsinspektorats (ENSI).

«Ich bin kein blinder Befürworter der Kernenergie, halte diese aber für absolut unentbehrlich zur Schonung der Umwelt. Heruntergerechnet auf eine produzierte Kilowattstunde, ist sie besser als viele andere Energieerzeugungsarten. In der Schweiz haben wir eine strenge Aufsicht durch das Eidgenössische Nuklearsicherheitsinspektorat. Ich bin überzeugt, dass die Nachrüstungen, die einen Störfall wie den in Fukushima verhindert hätten, in der Schweiz schon längst durchgeführt worden sind. Ich sehe nicht ein, weshalb wir ein Technologieverbot einführen sollten. In meinen Augen ist das eine populistische Aktion zum Nachteil der Umwelt.

Ich befürworte die Kernenergie, weil ich grosse Bedenken habe, dass die Energiewende so funktioniert, wie es sich die Politiker das heute vorstellen. Ich halte es für unmöglich, den gesamten Bedarf mit erneuerbaren Energien zu ersetzen, weil diese nicht ständig verfügbar sind und das Problem der Speicherung von Strom stark unterschätzt wird.

Die Länder der EU verbrauchen täglich rund 10 Terrawattstunden. Nehmen Sie an, diese Energiemenge müsste gespeichert werden, um eine Lücke in der Versorgung aus erneuerbaren Quellen zu überbrücken. Das ist ein Sechstel des Jahresverbrauchs der Schweiz. Dafür gibt es keine Lösung. Nicht einmal die Schweiz könnte diese Energiemenge in ihren Pump­­werken speichern – selbst wenn alle Seen vorher leer wären. Die Kernenergie bleibt als einzige ausbaufähige CO2-freie Quelle übrig, die immer verfügbar ist. Genau darum braucht es eigentlich den Neubau von Kernkraftwerken.»

In Beznau hat man 1000 neue Sicherheitsmängel festgestellt. Das sind 1000 zu viel.

Carla Fust (36)
Carla Fust (36) ist Projektleiterin bei der grössten Schweizer Gewerkschaft Unia und engagiert sich für die politische Umweltorganisation Greenpeace.

PRO: Die in Oberwinterthur wohnhafte Carla Fust (36) ist Projektleiterin bei der grössten Schweizer Gewerkschaft Unia und engagiert sich für die politische Umweltorganisation Greenpeace.

«Beznau ist das dienstälteste Kernkraftwerk der Welt. Noch nie wurde ein Kernkraftwerk so lange betrieben. Für mich ist das wie ein Feldversuch, weil man in diesem Bereich schlicht keine Erfahrungen hat.

Das ist viel zu riskant! Im Bericht der Axpo, der für die Öffentlichkeit nicht zugänglich ist, hat man in der Stahlwand des Druckbehälters von Beznau letztes Jahr fast 1000 neue Sicherheitsmängel festgestellt. Das sind 1000 zu viel. Es ist ein Wahnsinn, so ein Werk weiterlaufen zu lassen. Mir geht es ähnlich wie Besuchern aus dem Ausland, die kaum glauben können, dass wir in der Schweiz noch ein so marodes Kernkraftwerk haben. Als sich die Katastrophe in Tschernobyl (1986) ereignete, war ich sechs Jahre alt. Dann kam Fukushima (2011). Das sind ziemlich viele Super-GAUs in meinen 36 Jahren.

Wir sollten uns zudem bewusst sein, dass wir in der Schweiz kein Endlager für radioaktive Abfälle haben. Wie können wir das gegenüber der nächsten Generation verantworten? Dank der Initiative gibt es für den dreckigen Atomstrom in der Schweiz ein konkretes Ablaufdatum. Das ist das Jahr 2029.

Wir hatten noch nie ein Problem mit der Versorgung, dennoch wird stets argumentiert, ohne Atomstrom komme es zu Blackouts und Stromknappheit. Und in der Pipeline befinden sich unzählige alternative Stromprojekte aus den Bereichen Solar, Wind, Wasser, Holz und Erdwärme. Die Schweiz hat das Thema verschlafen. Für Umweltanliegen muss man kämpfen, sonst regieren die Konzerne, die mit Atomstrom Geld verdienen.»

Ich bin grün, deshalb bin ich für die Kernenergie.

Irene Aegerter (76) ist promovierte Physikerin
Irene Aegerter (76) ist promovierte Physikerin und Präsidentin von Energiesuisse.net.

CONTRA: Die in Wollerau SZ wohnhafte Irene Aegerter (76) ist promovierte Physikerin und Präsidentin von Energiesuisse.net, einer Dachorganisation von 13 Vereinen, darunter der von ihr gegründete Verein «Frauen für Energie».

«Nach dem Atomunglück von Tschernobyl 1986 sammelte ich zusammen mit ‹Frauen für Energie› 21'000 Unterschriften für eine Petition an die eidgenössischen Räte, damit der Atomstrom auch für künftige Generationen erhalten bleibt. Und jetzt steht wieder eine Initiative an, die man unbedingt ablehnen muss. Man kann den Ausstieg aus der Kernenergie so leichthin fordern, aber die fehlenden 35 Prozent Strom lassen sich weder mit Stromsparen noch mit alternativen Energien einfach ersetzen. Und Kohle als Alternative ist die grösste CO2-Schleuder und Klimabedrohung.

Ich setze mich deshalb für Kernenergie ein, weil ich möchte, dass auch meine drei Enkel und meine Enkelin ein Leben mit genügend sauberem Strom haben. Strom ist wichtig für unsere Arbeitsplätze und den Erhalt unseres Wohlstands. Entscheidend ist CO2-freier und damit sauberer Strom. Ich bin grün, deshalb bin ich für Kernenergie. In unserem Minergie-Haus mit Doppelschalen-Mauerwerk und dreifach verglasten Fenstern brennt übrigens seit zehn Jahren keine einzige Glühbirne mehr. Wir haben mit Erdwärme gespeiste Wärmepumpen, kein Öl und auch kein Gas.

Wirklich genügend Bandstrom während 24 Stunden und 365 Tagen produzieren nur Kernkraftwerke, die übrigens privat finanziert wurden. Die Kernenergie entwickelt sich zudem permanent weiter. Die Reaktoren, die heute eingesetzt werden, sind dieselben wie in nuklearen U-Booten. Die entstehenden Abfälle sind die geringsten pro Kilowattstunde.

Wir brauchen eine Kreislaufwirtschaft. Und Atomstrom ist eine nachhaltige Stromproduktionsart, denn die Abfälle der Kernkraftwerke sind zum grössten Teil Ressourcen, die man als Brennstoffe wieder einsetzen kann.»

Die einzige sichere Atomkraft bleibt unsere Sonne.

Thomas Cerny (64)
Thomas Cerny (64) ist Präsident der Krebsforschung Schweiz (KFS)

PRO: Der in St. Gallen wohnhafte Berner Thomas Cerny (64) ist Präsident der Krebsforschung Schweiz (KFS) und Chefarzt Onkologie am Kantonsspital St. Gallen.

«Ich äussere mich hier als Privatperson, als besorgter Stimmbürger, Vater und Grossvater. Nach dem Atomunglück im japanischen Fukushima sagten Bundesrat und Parlament klar, dass die Schweiz nun aus der Atomenergie aussteigen wird. Jetzt haben die Politiker unter dem Druck der Wirtschaft ihren Mut verloren, vertrödeln den Ausstieg und gefährden damit unsere Gesundheit und unseren Wohlstand.

Wir betreiben in der Schweiz den ältesten Atomkraftwerkpark der Welt und sind nun im teuren und hochgefährlichen Reparaturmodus. Wir haben bereits 1450 Tonnen hochradioaktives Material, das in der Schweiz ein nicht vorhandenes Endlager benötigt. Niemand hat eine sichere Lösung zur ewigen Aufbewahrung der abgebrannten Brennstäbe. Auch die Rückbaukosten der Atomkraftwerke werden monströs teuer. Kommt dazu, dass wir eine grosse Bevölkerungsdichte haben. Wenn es in Mühleberg einen Unfall gäbe, müsste man die Stadt Bern evakuieren und umsiedeln.

Als Mediziner habe ich mich mit dem Unglück von Tschernobyl auseinandergesetzt. Nach dem Unfall sind Menschen wegen akuter Verstrahlung elend ums Leben gekommen. Menschen und Maschinen sind auch bei uns nie unfehlbar, wie wir nach dem Atomunfall von Lucens VD (1969) bestens wissen, und auch in Zeiten von Terrorismus müssen wir unsere existenziellen Risiken reduzieren. Deshalb ist es Zeit für ein vernünftiges Ausstiegsszenario, denn es gibt saubere Alternativen.

Die einzige sichere Atomkraft bleibt unsere Sonne, und sie ist auch eine enorme Chance: Hocheffiziente Anlagen haben einen gigantischen globalen Markt. Wir alle müssen jetzt handeln und für den klar terminierten Atomausstieg stimmen, bevor auch noch die Urenkel zur Kasse gebeten werden.» 

Bilder: Jorma Müller

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