22. Oktober 2018

Politiker unter Verdacht

Wer für ein politisches Amt kandidiert, muss sich warm anziehen: Jeder Schritt wird medial dokumentiert und nicht selten skandalisiert.

Pierre Maudet im Fokus
Im Visier der Medien: Politiker wie FDP-Staatsrat Pierre Maudet stehen unter Beobachtung.
Lesezeit 3 Minuten

Das politische Parkett ist hell erleuchtet. Wer sich auf diese Bühne wagt, braucht eine dicke Haut – besser: ein dickes Fell. Denn die Medien stürzen sich auf jeden vermeintlichen Skandal, auch wenn er eigentlich nur ein Skandälchen ist.

Das war nicht immer so: Einst galten Politiker, Pfarrer und Ärzte als unantastbar. «Man liess sie gewähren und schaute selbst bei offensichtlichen Fehlern weg», sagt der Berner Politologe Mark Balsiger (51).

Die Medien schauten erstmals genauer hin, als gegen den Mann von Elisabeth Kopp, der ersten Bundesrätin, ermittelt wurde. Sie investierten viel Zeit und Geld in die Recherche – am Ende musste Kopp 1989 zurücktreten.

So richtig in Fahrt kamen die Medien aber erst bei Bruno Zuppiger. 2011 wurde der SVP-
Politiker Bundesratskandidat – und kurz darauf eine Persona non grata: Die «Weltwoche» enthüllte, dass er das Erbe einer verstorbenen Mitarbeiterin veruntreut hatte.

«Die Medien sind heute investigativer», sagt Balsiger. Das sei einerseits positiv, weil sie damit ihre Funktion als «Watchdog», als Wachhund der Nation, erfüllten. «Deshalb finde ich es richtig, dass der ‹Walliser Bote› bei Viola Amherd genau hinsieht – egal, ob der Vorfall für die CVP-Bundesratskandidatur relevant ist oder nicht.»

Parteien unter Druck

Andererseits werde aber häufig skandalisiert, oft auch vorverurteilt. Wenn die Geschichte sich am Ende als haltlos erweise, sei der Schaden schon angerichtet. «Zudem sind wir in den vergangenen 20 Jahren Moralisten geworden», meint der Politologe. Dabei spielten auch die sozialen Medien eine zentrale Rolle.

Diese neuen Sensibilitäten erhöhen den Druck auf die Politiker, aber auch auf Parteien. Dennoch hält etwa die FDP bis jetzt an Pierre Maudet fest. Der Genfer Staatsrat, im letzten Jahr noch Bunderatskandidat und FDP-Shootingstar hatte über eine Luxusreise nach Abu Dhabi gelogen (siehe Box).

Um wenigstens bei Bundesratskandidaturen Skandalpotenzial rechtzeitig zu erkennen, haben die Parteien inzwischen Gremien eingesetzt, die Politiker vor der offiziellen Kandidatur durchleuchten. Die CVP, derzeit auf Kandidatensuche für den 5. Dezember, greift dabei als einzige Partei auf externe Experten zurück.

Man wünsche sich natürlich absolut integre Kandidierende, sagt Manuel Ackermann (44), Mediensprecher der CVP. Aber man wolle sie auch schützen: «Sie sollen wissen, welche Aspekte ihres Lebens Fragen aufwerfen könnten.» Denn sie selbst seien vielleicht nicht immer in der Lage, heikle Geschichten als solche zu identifizieren.

Allerdings gebe es einen grossen Graubereich vermeintlich unbedenklicher Themen,
die Öffentlichkeit und Medien kritisch aufnehmen, sagt Ackermann. «Bundesratskandidaten sollten aber mindestens keine strafrechtlichen Fälle in ihrem Dossier haben.»

Glaubwürdigkeit statt Perfektion

Ziel des Gremiums sei nicht, eine Empfehlung abzugeben; den Entscheid für oder gegen eine Kandidatur fällt die Findungskommission, anschliessend die Bundeshausfraktion. Dieses Vorgehen findet Mark Balsiger richtig. Denn je höher das Amt, desto stärker die Kritik, der man ausgesetzt sei, oft auch ungerechtfertigterweise. «Das hinterlässt dauerhaft Spuren.»

Und schnell könne es auch in die andere Richtung kippen: Die aktuelle FDP-Bundesratskandidatin Karin Keller-Sutter werde in den Medien als zu perfekt dargestellt, weil man ihr keine Fehltritte nachweisen könne. «Das kann rasch unnahbar wirken.»

Zwar würden Frauen in der Politik noch heute anders beurteilt als Männer. «Doch letztlich will man in der Schweiz eben gerade keine Perfektion», sagt Balsiger. «Politiker sollen bodenständig, berührbar und bescheiden sein – das führt zu Glaubwürdigkeit und am ehesten zu politischem Erfolg.»

Benutzer-Kommentare