17. Februar 2020

Podcasts: Wir sind ganz Ohr

Podcasts liegen im Trend. Nicht nur Medienhäuser erreichen mit ihren Themen ein Publikum, auch Private gehen erfolgreich auf Sendung – wie Jenni Herren, Nadine Sommerhalder, und Sereina Tanner mit ihrem «ehrlichsten Mama-Podcast der Schweiz».

Podcast-Mütter
Wenn sich Sereina Tanner, Jenni Herren und Nadine Sommerhalder (von links) übers Elternsein unterhalten, sind die Mikrofone eingeschaltet. Mitten drin: Baby Juno
Lesezeit 4 Minuten

Alle drei hatten genaue Vorstellungen von ihrer ersten Geburt. Bei allen kam es anders. Sereina Tanner (35) malte sich eine möglichst natürliche Geburt aus. Doch dann brauchte sie in den 36 Stunden alles an Chemie, was das Spital zu bieten hatte. Jenni Herren (36) wollte eigentlich im Geburtshaus gebären. Doch dann musste sie während der Geburt notfallmässig ins Spital gebracht werden. Man empfahl ihr eine Periduralanästhesie (PDA), und schliesslich kam ihr Baby mit Saugglocke zur Welt. Nadine Sommerhalder (34) wollte ihr Kind, wie im Yoga geübt, schön aus sich herausatmen. Doch ihr Sohn lag in einer ungünstigen Position, und wilde Wehen liessen sie das ganze Spital zusammenschreien.

Mit dem Moment, der die drei Freundinnen zu Müttern gemacht hat, beginnt auch ihr Podcast «It’s a mom’s world». Hört man den drei Frauen dabei zu, wie sie ihre Geburten verarbeiten, hat man das Gefühl, man lausche einer intimen Frauenrunde. Sässe man mit ihnen am Küchentisch, man würde auch auspacken.Tatsächlich erleben die drei immer wieder, dass wildfremde Frauen sehr persönliche Erlebnisse mit ihnen teilen. Und sich für den ungeschminkten Einblick in ihren Familienalltag bedanken. Das freut sie sehr. Denn sie wünschen sich, dass ihr Podcast anderen Müttern dabei hilft, sich offener und ehrlicher auszutauschen. In ihrer Bubble sei es ganz normal, über schlaflose Nächte, wunde Nippel und eine sterbende Libido zu sprechen. Aber sie seien da wohl nicht ganz repräsentativ.

«Von uns modernen Frauen wird erwartet, dass wir im Job Gas geben, unsere Beziehung und Freundschaften pflegen und in der Rolle als Mutter aufgehen», sagt Nadine. «Das ist ein bisschen viel aufs Mal», ergänzt Jenni. Die drei lachen. Ob man Babys stille, sich eine längere Elternzeit leiste oder Kinder in der Kita betreuen lasse – jeder dieser sehr persönlichen Entscheide werde ständig von anderen bewertet. Ein Like, kein Like. Befinde man sich gerade in einer sensiblen Phase, habe man schnell das Gefühl: «Ich mache alles falsch», so Sereina.

Sereina Tanner, Jenni Herren und Nadine Sommerhalder haben sich bei Radio 24 kennengelernt. Auf Anhieb verstanden sie sich gut. Dass sie gleichzeitig ins Abenteuer Familie eingestiegen sind, hat sie zusammengeschweisst. Jede Woche treffen sie sich mit ihren Kindern Jari (3), Nilo (2), Joko (2), Nikka (2) und Juno (2 Monate) privat. Einmal im Monat nehmen die Väter die Kinder und die Frauen realisieren zwei neue Podcast-Folgen.


Podcasts boomen, weil sie dem Zeitgeist entsprechen
Dass die drei Freundinnen sich ausgerechnet das Format Podcast ausgesucht haben, liegt für sie auf der Hand. Zum einen sind die erfahrenen Radiomacherinnen Profis, wenn es darum geht, spannende Gespräche zu führen. Zum anderen passt kein anderes Medium besser in ihre aktuelle Lebensphase. «Als Mutter fehlen dir immer ein paar Hände», sagt Jenni. In der Zeitung lesen? Über das Smartphone wischen? In einem Buch blättern?mFehlanzeige. Aber das Ohr, das ist noch frei.

Podcasts haben weltweit eine wachsende Fangemeinde. Wer zuhört, hat die Hände frei und lässt die bildschirmgestressten Augen für einmal ruhen. Podcast-Begeisterte können auf iTunes inzwischen aus 750 000 Podcast-Titeln auswählen. Täglich werden es mehr. Promitalks, Hörspiele, Dokumentationen, Ratgeber. Es geht um medizinische Sensationen und sensationelle Erfindungen, schwere Verbrechen oder leichte Küche. Es gibt Erstaunliches, Ungaubliches, aber auch erschreckend Banales, und natürlich zahllose Tipps – für smartes Leben, guten Sex, grandioses Versagen oder stilvolles Trauern.

In den USA kann man mit Podcasts bereits Geld verdienen, und der Streamingdienst Spotify tüftelt an personalisierter Werbung. Sommerhalder, Tanner und Herren betreiben ihren Podcast privat und verdienen dabei nichts. Pro Folge verzeichnen sie 1000 Downloads, was für einen privaten Podcast in der Schweiz, der nicht monetär betrieben ist, viel ist. Sollte ein idealer Partner auftauchen, könnten sie sich eine Zusammenarbeit vorstellen – sofern sie inhaltlich unabhängig bleiben.

Eigentlich kann jeder mit einem Smartphone einen Podcast erstellen und ausstrahlen. Für ein gutes Hörerlebnis empfehlen Expertinnen und Experten allerdings die Aufnahme in einem Studio und eine sorgfältige Bearbeitung. Hier kommt den Radiofrauen ihre Berufserfahrung zugute. Und auch eine weitere Voraussetzung für Erfolg erfüllen sie: Sie sind authentisch und ihre Zuhörerinnen und Zuhörer nahe dran. Sehr nahe sogar.


Wenn das Baby mit der Ambulanz ins Spital gefahren werden muss
Als Jenni Herren nach der Geburt ihrer zweiten Tochter ganz alleine im Geburtshaus lag, weil das Baby mit der Ambulanz in die Neonatologie gefahren werden musste, war Sereina Tanner bei ihr. Über die bangen Stunden ohne ihr Baby haben sie einige Tage später im Spital gesprochen. Jenni Herren überlegte lange, ob sie das aufgenommene Gespräch auch im Podcast senden lassen wollte. Schliesslich entschied sie sich gemeinsam mit ihrem Mann dafür.

Die Partner der Podcasterinnen finden das Projekt toll. Jennis Mann Marius äussert sich als Gast in der Folge «Sexy Time» zur Erotik in ihrer Beziehung, seit Kinder dazugekommen sind. Und Sereinas Partner hat sich die erste Folge «Plötzlich bist du Mama» bereits fünf Mal angehört – um diesem einschneidenden Moment nachzuspüren. So ist der Podcast für die Macherinnen und ihre Männer nebst einem Herzensprojekt auch ein ganz persönliches Zeitdokument. 


Podcast «It’s a mom’s world»: auf Spotify, iTunes und itsamomsworld.ch


Den Güsel-Podcast würde ich mir anhören

Nico Leuenberger

Ein Interview mit dem Gründer der Podcast-Schmiede Winterthur

Der Podcast süchtige Nico Leuenberger kennt das hippe Sendeformat von der Pike auf. Als Gründer der Podcast-Schmiede weiss er ganz genau, wer unbedingt einen Podcast haben muss und wie man die Hörer bei der Stange hält.

Nico Leuenberger
Nico Leuenberger (36) hat im Januar 2019 die Podcast-Schmiede in Winterthur eröffnet. Dort berät er Podcaster und produziert eigene Podcasts.

Nico Leuenberger, täuscht der Eindruck, oder bietet im Moment jeder einen Podcast an, der irgendwie mit Kommunikation zu tun hat?

Es ist tatsächlich ein Hype. Das Angebot wächst rasant, die Hörerschaft auch. Das Gute daran: Es hat auch entsprechend häufiger gutes Material dabei.

Podcasts gibt es seit 2003. Woher kommt jetzt der Hype?

Sprachassistenten haben ihnen einen gehörigen Schub verliehen: Um einen Podcast zu konsumieren, muss man heute nicht mal mehr die Hände freihaben. Ich kann Brotteig kneten und Siri sagen, mir «Echo der Zeit» ­abzuspielen. Es ist auch Ausdruck einer Gegenbewegung: weg von den Bildschirmen, hin zu Hörerlebnissen. Nicht zuletzt hat der sensationelle amerika­nische Podcast Serial für unzählige Nachahmer gesorgt.

Wer hört sich denn all das Material an?

Studien haben die häufigsten Podcast-Hörer als 25- bis 45-jährig definiert. Sie sind überdurchschnittlich gebildet und haben ein ebensolches Einkommen. Sie sind gut informiert und breit interessiert. Das ergibt eine recht grosse Masse.

Wer kommt nicht mehr ohne eigenen Podcast aus?

Von einem Start-up wird heute einfach erwartet, dass es einen Podcast hat. Medienhäuser springen natürlich auch auf, das macht Sinn. Coaches und Berater können über dieses Format Kunden gewinnen. Auch immer mehr Verbände kommen auf den Geschmack. Gerade produziere ich einen Podcast für den Wirtschaftsdachverband Economiesuisse.

Bei wem funktioniert ein Podcast bestimmt nicht? Kann etwa die Müllabfuhr oder eine kantonale Verwaltung darauf verzichten?

Also den Güsel-Podcast würde ich mir auf jeden Fall anhören, wenn er gut gemacht ist. Die Fragen hinter jedem Podcast sind immer: Was hat man zu sagen? Und was will man damit erreichen? Übrigens kann man auch mal einfach eine kleine Serie erstellen, nicht jeder Podcast muss unendlich viele Folgen haben. Wie «Zündstoff» von der «Republik»: Nach fünf Folgen war Schluss, die Geschichte war erzählt. 

Kann man mit Podcasts Geld verdienen?

Das ist immer noch schwierig. Um einen Sponsor zu finden, braucht man eine grosse Reichweite, dafür ist der Markt in der Schweiz noch zu klein. Hier ist ein privater Podcast mit einigen 100 Hörern schon erfolgreich, ein kommerzieller mit mehreren 1000. Indirekt verdient man Geld mit Podcasts, wenn man Produkte anpreist und deren Umsatz steigern kann. Am besten betreibt man einen Podcast als Hobby oder Kommunikationsmittel.

Wo brauchen die Kunden ihrer Podcast-Schmiede am meisten Unterstützung?

Das Thema ist immer: Wie schaffen wirs, gehört zu werden? Wie finden wir Hörer, und wie wächst das Publikum?

Und wie gelingt das?

Ohne Konzept geht es nicht. Hinter einem guten Podcast steht viel mehr Planung, als beim ­Hören zu spüren ist. Dann braucht es gute Geschichten und eine möglichst charismatische Persönlichkeit, die sie erzählt. Sehr wichtig ist die Authentizität – der Hörer spürt, ob etwas ernst gemeint ist oder nicht. Ein guter Podcast-Macher weiss auch, wie lange seine Hörer Zeit haben, um ihm zuzuhören. Er muss aufhören können, bevor das Publikum abhängt.

Mehr Infos zur Podcast-Schmiede.

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