09. November 2017

Petra Sprechers Stunts in die Traumfabrik

Petra Sprecher hat den akrobatischen Sprung in die Traumfabrik geschafft: Mit ihren halsbrecherischen Acts zählt die Baslerin zu den gefragtesten Stuntfrauen im Filmbusiness.

Petra Sprecher in Aktion
Hat es als Stuntfrau nach oben geschafft: Petra Sprecher stand schon mit Stars wie Charlize Theron und Will Smith vor der Kamera. (Bild: David Zentz)
Lesezeit 4 Minuten

Sie stürzt über Geländer, prallt gegen Wände, fliegt durch Glasscheiben – oder mit Brad Pitt durchs All. Letzteres ist zumindest ein wahrscheinliches Szenario: Gemäss der Online-Filmdatenbank «imdb» ist Petra Sprecher (44) als Stuntdouble von Pitts Schauspielkollegin Kimberly Elise im Astronautenthriller «Ad Astra» aufgeführt.
Doch bevor der Film ins Kino kommt, darf die Baslerin, die seit 16 Jahren als Stuntfrau in Hollywood arbeitet, lediglich ihr Mitwirken bestätigen. «Bei grossen Filmen ist es üblich, eine Geheimhaltungsvereinbarung zu unterschreiben», erklärt sie beim Lunch in einem Strandcafé in Santa Monica.

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Nebst Verschwiegenheit wird von Petra Sprecher voller Körpereinsatz verlangt. «Schmerzen und Schrammen sind unvermeidlich», sagt sie mit einem herzlichen Lachen, mit dem sie oft auch das Berufsrisiko wegsteckt. Konzentration und Wachsamkeit sind jedoch ihr oberstes Gebot bei der Arbeit. Und es sind nicht immer die Knochen, die am meisten gefährdet sind. Ein «Souvenir» hat Petra Sprecher von der TV-Serie «Charmed», in der sie eine Dämonin spielte. «Ich musste eigens dafür gelbe Kontaktlinsen anpassen lassen», sagt sie. «Im letzten Moment wurden sie aber durch nicht abgestimmte orangefarbene Linsen ausgetauscht. Nach einer Stunde konnte ich meine Augen nicht mehr öffnen, und schliesslich musste ich ins Spital. Seither habe ich eine verkratzte Hornhaut und reagiere allergisch auf Sandböen und Klimaanlagen.»

Alles in allem ist Petra Sprecher jedoch von schlimmen Verletzungen verschont geblieben. Dafür trainiert sie auch hart: An sechs Tagen pro Woche Joggen, Krafttraining, Boxen und Kampfchoreografie gehören zum Standardprogramm, ebenso Meditation und Yoga. Und sie achte auf die Ernährung, sagt die Athletin, die sich gerade einen Salatteller mit Fisch bestellt hat. «Ich erlaube mir schon ab und zu ein Stück Kuchen, aber beim Essen muss ich sehr aufpassen. Die Schauspielerinnen, die ich double, sind sehr schlank. Sie
haben Kleidergrössen, die ich nicht mal als Kind hatte!»

Comart, Cirque, Cruise und Co.

Den Weg nach Hollywood fand Petra Sprecher über den Zirkus. Als Siebenjährige bestaunte sie im Jugendzirkus Basilisk die Luftakrobaten, und im
Nu trainierte sie mit. Im Gymnasium hatte sie endgültig genug davon, stundenlang auf einem Stuhl zu sitzen. Sie entschied sich für eine Ausbildung an der Bewegungstheaterschule Comart in Zürich: «Ich war damals aber noch nicht bereit, Emotionen zu spielen. Was mir gefiel, war die Akrobatik. Da ging mir ein Licht auf: Ich musste wieder zum Zirkus!»

Dank einer filmisch dokumentierten Trapeznummer im selbstgefertigten Schweinekostüm schaffte sie die Aufnahme in die renommierte École Nationale de Cirque in Montreal. Sie entwickelte eine Soloschwungseilnummer, gewann damit einen Preis an einem internationalen Zirkus-wettbewerb in China und erhielt den «Traumjob für jeden Zirkusartisten»: ein Engagement beim Cirque du Soleil.

Drei Jahre lang tourte Petra Sprecher mit dem Programm «Quidam» durch die USA, obwohl sie eigentlich nie von einem Leben in Amerika
geträumt hatte. Bis sie unterwegs über einen Artikel über schwarze Stuntfrauen in Los Angeles stolperte.

Start bei Spielberg

Eine offiziell anerkannte Berufsausbildung gibt es aber nicht: «Man muss die Kontakte selbst herstellen und hoffen, dass man unter die Fittiche genommen wird und so ins Metier hineinwächst.» Dank ihrer Akrobatikerfahrung vollbrachte sie ihren ersten Stunt am Stahlkabel gleich unter der Regie von Steven Spielberg. «Der Stuntkoordinator rief an und fragte, wie gross und wie schwer ich sei. Und irgendwann hiess es, ich solle am nächsten Tag um sieben Uhr antraben.» Um welchen Film es ging, wurde ihr nicht mitgeteilt.

Prompt stand sie an jenem Morgen mit Tom Cruise für den Actionstreifen «Minority Report» vor der Kamera: «Je weniger Information man bekommt, desto grösser ist der Film.» Das hat die gefragte Stuntfrau inzwischen gelernt. «Tom war super, er liebt Stuntleute. Zwischen den Set-ups standen wir auf einem kleinen Balkon zusammen und unterhielten uns über alles Mögliche.»

Seither hat Petra Sprecher in Blockbustern wie «Pirates of the Caribbean» und «Independence Day: Resurgence» mitgewirkt, mit Charlize Theron («Aeon Flux») und Will Smith («Hancock») gedreht, Leona Lewis, Rosario Dawson, Rihanna und Mariah Carey gedoubelt. Die Szene mit Carey wurde allerdings aus der Komödie «The House» herausgeschnitten – und somit auch Petra Sprecher: «Auch damit muss man leben, aber vielleicht schaffe ich es am Schluss auf die DVD und kriege trotzdem Tantiemen», sagt sie und lacht, packt ihre Sporttasche unter den Arm und macht sich auf zum Training am Strand.

YOUTUBE-VIDEOS: Petra Sprecher im Element

Der Autounfall in «Feed the Beast»:

Der spektakuläre Sturz in «Leona Lewis – Thunder»
Sprung-Übungen für «Eagle Eye»
Kampfszene in der «Castle»-Episode «XY»

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