19. Februar 2018

Peter Stamm schreibt Geschichten über das Scheitern

Sein neuer Roman handelt von Doppelgängern und dem Schicksal. Ein Gespräch über Happy Ends, die keine sind, und das Interessante am Scheitern.

Peter Stamm schaut in den Spiegel
Begegnungen mit dem Selbst: das Leitmotiv in Peter Stamms neuestem Roman.
Lesezeit 8 Minuten

Peter Stamm, lesen Ihre Söhne, die 12 und 15 Jahre alt sind, Ihre Bücher?

Sie waren schon bei Lesungen dabei, und der Jüngere hat kürzlich in der Schule eine meiner Geschichten gelesen. Er fand sie okay (lacht). Ich habe dann nachgefragt, ob es nicht peinlich gewesen sei, und er verneinte. Das hat mich gefreut.

Ihr erster Roman «Agnes» ist in manchen Gymnasien in Deutschland Pflichtlektüre. Wie ist das, von vielen gelesen zu werden, auch gelesen werden zu müssen?

Ich mache mir darüber nicht zu viele Gedanken. Es ist schön, weil es den Bücherverkauf fördert. Und ich mag auch die Lesungen in Schulen. Meistens ist es lustig und nett. Aber ich bilde mir darauf nichts ein. Auf die Leseliste schaffen es nicht die besten Bücher der Welt, sondern solche, die gewisse Kriterien erfüllen und sich für die Schule eignen.

Es gibt Interpretationshilfen für Schüler. Sie werden beworben mit dem Slogan: «Alle Antworten, alle Musteraufgaben inklusive Lösungsansätze». Wie finden Sie das?

Die Verlage liefern solche Bücher zum Verständnis von Pflichtstoff, weil sie denken, dass die Schüler sie kaufen. Ich habe mir das auch schon angeschaut und finde es nicht besonders interessant. Mir bringt es nicht viel, da ich das Buch ja relativ gut kenne (lacht). Ich weiss auch nicht, wie viel es den Schülern bringt.

Nachdem Sie Ihr Studium abgebrochen hatten, dauerte es acht Jahre, bis Sie für «Agnes» einen Verlag fanden. Wie hielten Sie sich über Wasser?

Mit sehr viel anderem, darunter Journalismus. Ich habe Reportagen geschrieben für «Das Magazin» und die «Weltwoche», zudem Satiren für den «Nebelspalter». Es war viel los, mir war nie langweilig.

Sie befassen sich in Ihren Büchern oft mit dem Thema Scheitern. Weshalb?

Weil das Scheitern spannender ist als das Gelingen. Gelingt etwas, ist es nicht mehr interessant. Wenn man gewinnt, freut man sich, aber wenn man verliert, muss man ja irgendwie damit umgehen. Ausserdem gibt es viel mehr Menschen, die verlieren, als solche, die gewinnen – nicht nur im Sport. Als Autor muss ich meine Figuren immer wieder in Situationen bringen, in denen sie verunsichert sind, reagieren müssen.

Wann sind Sie selbst gescheitert?

Zu Beginn meiner Karriere dauernd. Ich besitze einen ganzen Ordner mit Absagen von Verlagen, sogar von meinem. Die habe ich kürzlich meinem Lektor gezeigt. Aber die Verleger hatten recht; ich nehme ihnen das nicht übel. Die Texte waren nicht gut.

Bei der Literatur geht es nicht darum, etwas zu machen, sondern etwas zu finden.

Sie sagten einmal, Literatur dürfe irgendwie sein, bloss nicht seelenlos. Wann ist etwas seelenlos?

Wenn es gemacht ist. Sagt man, ich stelle etwas her, zu diesem Zweck, mit dieser Funktion und dieser Struktur, dann ist es ein Produkt ohne Tiefe. Es hat kein Geheimnis, weil alles klar ist. Bei der Literatur geht es nicht darum, etwas zu machen, sondern etwas zu finden. Eine Geschichte muss auch mit einem selbst zu tun haben. Sie muss die Leserschaft ansprechen und zum Denken anregen.

Wie kommen Sie auf die Ideen für Ihre Romane?

Es braucht meistens einen Auslöser. Bei meinem neuen Roman «Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt» war es eine Szene aus «Vogelweide» von Uwe Timm. Ich las darin über ein Paar, das in einem Café sitzt, ein junges Paar sieht und daran denkt, wie es selbst in dem Alter war. Als ich die Szene später suchte, fand ich sie nicht mehr. Ich habe auch Timm danach gefragt, aber er konnte sich nicht an diese Szene erinnern. Geheimnisvoll. Aber so war plötzlich die Idee da, sich selbst zu sehen.

Die Romanfigur Christoph begegnet ihrem jüngeren Selbst. Wie finden Sie die Vorstellung, dass jemand anderes Ihr Leben bereits gelebt hat und Sie Ihrem Schicksal nicht entkommen können?

Schon eher unheimlich. Ich glaube aber, dass ich einen freien Willen habe und immer auch anders entscheiden könnte.

Der Erfolgsautor
Der Erfolgsautor über seine Anfänge: «Ich habe einen Ordner voller Absagen von Verlagen.»

Was würden Sie Ihrem jüngeren Selbst raten, wenn Sie könnten?

Da gäbe es schon ein paar Tipps (lacht). Ich hätte meine Texte früher anderen zeigen sollen. Ich habe relativ lange einfach vor mich hin gearbeitet, das hat vieles verzögert. Man hätte mir viel früher sagen können, dass ich auf dem Holzweg war. Aber vielleicht brauchte ich diese Zeit. Ich unterrichte immer wieder kreatives Schreiben und merke, dass junge Autoren meine Anregungen ignorieren. Sie müssen wohl ihre eigenen Fehler machen, das scheint Teil des Lernprozesses zu sein. Ich bin Optimist und sage mir immer: Es muss so sein, wie es gekommen ist.

Die erfolgreiche Netflix-Serie «Dark» handelt auch von Doppelgängern und davon, wie die Geschichte sich wiederholt. Warum fasziniert dieses Thema gerade jetzt?

In der Romantik waren Doppelgänger ein zentrales Thema. Es gab angesichts der Industrialisierung eine Sehnsucht, in eine Märchenwelt zu flüchten. Die heutige Situation ist vielleicht ähnlich: Womöglich ist es heute auch das Irreale, das die Menschen fasziniert. Die Digitalisierung beunruhigt; man weiss nicht mehr so recht, was passiert. Es war kein bewusster Entscheid, das Thema aufzugreifen. Aber beim Schreiben realisiert man plötzlich, dass man sich für etwas interessiert, was vorher kein Thema war.

Wenn die Idee da ist, haben Sie dann schon die ganze Geschichte im Kopf?

Nein. Ich habe nur gewusst, dass Christoph seinem Doppelgänger begegnen würde. Und dann habe ich ins Blaue geschrieben und geschaut, was passiert. Ich glaube nicht an Konstruktionen, der Schreibprozess muss mich auch überraschen können.

Sie hatten bisher fast 1400 Lesungen. Wie gefällt es Ihnen auf der Bühne?

Ich halte zum Glück gern Lesungen. Ich kenne Autoren, die das nur ungern tun – für die ist es hart. Sie müssen es tun, weil sie natürlich auch davon leben. Ich bin zwar keine Rampensau, aber eine Lesung ist nicht das Gleiche, wie auf einer Bühne zu stehen. Weil dabei der Text im Zentrum steht.

Ich finde nicht, dass wir Schriftsteller nicht politisch sein sollten, aber alle sollten politisch sein.

Wie reagieren Sie, wenn Leserinnen und Leser Klarheit über Textstellen wollen, die Sie bewusst vage gelassen haben?

Ich verweigere die Antwort. Wenn im Buch etwas offen ist, soll es auch offen bleiben.

Kommt es vor, dass Menschen Ihre Bücher ganz anders wahrnehmen, als Sie sich das gedacht haben?

Ich denke nicht, dass man ein Buch auf eine bestimmte Art wahrnehmen muss. Bücher sind wie Welten – die Leser tauchen in diese Welten ein und erleben sie unterschiedlich, je nachdem, wo sie im Leben stehen. und was sie erlebt haben. Ein Buch sollte keine eindeutige Absicht oder Aussage haben.

Sie haben das literarische Schreiben verteidigt in der Debatte, ob sich Autoren politisch äussern sollten. Sie fanden, Literatur solle ein Raum für sich sein.

Das sind völlig andere Prozesse. Literatur ist eben nicht intellektuell, sondern künstlerisch. Darum hat die Kunst auch eine eigene Qualität. Kaum jemand liest noch Essays von vor 50 Jahren. Aber Literatur kann man auch nach 100 Jahren noch lesen. Da fragt man sich schon, warum das so ist. Weshalb kann ich Tschechow nach 150 Jahren lesen, und es ist immer noch so lebendig, als wäre es heute geschrieben worden? Hätte er ein Buch über den Zustand der Bourgeoisie in der russischen Provinz geschrieben, würde das heute kein Mensch mehr lesen.

Können Sie den Anspruch nachvollziehen, dass Kulturschaffende sich in Bezug auf wichtige Themen positionieren sollten?

Ich bin ja auch bei den Grünen und stehe auf der Liste für den Stadtrat. Ich finde nicht, dass wir Schriftsteller nicht politisch sein sollten, aber alle sollten politisch sein. Es ist auch billig zu erwarten, dass die Kunstschaffenden das machen. Selbst wenn jemand berühmt ist, bezweifle ich, dass er deshalb andere von seiner Meinung überzeugt. Würde Roger Federer sagen, er wähle die Grünen, würden dann mehr Menschen die Grünen wählen? Die meisten Schweizer sind doch mündig, selbst zu entscheiden.

Stamm stellt die Politik nicht ins Zentrum
«Wer als Autor die Politik ins Zentrum stellt, nimmt das Schreiben nicht ernst», sagt Peter Stamm

Politisch Stellung zu beziehen, hat nichts mit Ihrer Rolle als Autor zu tun?

Genau. Wer als Autor die Politik ins Zentrum stellt, nimmt das Schreiben nicht ernst. Er denkt, Schreiben allein reiche nicht, man müsse sich immer auch politisch äussern. Ich glaube nicht, dass man mehr Bücher verkauft, wenn man dauernd in der Presse erwähnt wird oder in Talkshows sitzt. Man bekommt einen bekannten Kopf. Aber warum sollte ich als Schriftsteller kompetenter sein als andere, wenn es um Nationalstrassen, AKW oder Kampfjets geht?

Wenn Sie im Alltag durch Winterthur spazieren, erkennt man Sie dann?

Winterthur ist klein. Wenn ich in der Stadt unterwegs bin, treffe ich viele, die mich kennen, aber ich kenne sie auch. Ich komme aus einem Dorf, da kannte man jeden. Aber ich möchte keine öffentliche Person sein.

Wie handhaben Sie die neuen Medien? Sind Sie ein News-Junkie, oder können Sie sich gut abgrenzen?

Junkie nicht gerade. Aber abgrenzen kann ich mich auch nicht wirklich. Ich probiere es, aber man lebt halt damit. Ich wollte nie der Schriftsteller sein, der seine Texte mit Stahlfeder auf Büttenpapier schreibt. Man lebt ja in der Gegenwart. Ich betrachte es als meine Aufgabe, unsere Zeit zu beschreiben und nicht einen Roman über das Mittelalter oder den Zweiten Weltkrieg zu verfassen.

Wie viel Persönliches fliesst in Ihre Bücher?

Seit ich Vater bin, haben meine Figuren auch Kinder. Das sind nicht meine Kinder, aber das Thema beschäftigt mich. Andererseits nutze ich Material aus meinem Repertoire. Im neuen Buch ist es das Dorf Weinfelden, wo ich aufgewachsen bin. Es geht mir nicht darum, etwas über mich zu erzählen. Ich habe nie Geschichten aus meinem Leben erzählt. Aber was ich in meinem Fundus habe, muss ich nicht recherchieren.

Stamm mit Spiegelbild
«Am Ende meiner Geschichten geht es jeder Figur besser als am Anfang.»

Wie attraktiv finden Sie die Idee, sich einfach davonzumachen, wie das Thomas in «Weit über das Land» tut? Hatten Sie auch schon das Bedürfnis wegzugehen?

Früher eher. Heute nicht, weil ich ohnehin sehr oft weg bin: Ich muss nicht flüchten, weil ich dauernd unterwegs bin.

Die Beziehungen in Ihren Büchern scheitern oft. Halten Sie funktionierende Beziehungen für unmöglich?

Ich behaupte, am Ende meiner Geschichten geht es jeder Figur besser als am Anfang. Beziehungen sind nicht unmöglich, aber sie sind halt immer kompliziert. Das macht sie spannend. Ein Paar, das 70 Jahre lang zusammenlebt und nie einen Konflikt hat, ist natürlich schön – aber für ein Buch nicht sehr ergiebig. Ich finde es spannender, wie Menschen mit Schwierigkeiten umgehen und ihren Weg finden.

Sie sagen, am Ende gehe es den Figuren besser. Hat das auch damit zu tun, dass Sie Ihre Figuren im Verlauf der Geschichte liebgewinnen?

Ich mag meine Figuren von Anfang an, sonst würde ich nicht über sie schreiben. Es geht um die Bewältigung von Problemen, und ich wäre natürlich enttäuscht, wenn sie es nicht schaffen würden. Würde sich am Ende der Geschichte einer umbringen, weil er keinen anderen Ausweg mehr sieht, wäre für mich die Geschichte gescheitert. Obwohl es ja nur um eine fiktive Figur geht. Ich will schon, dass die Menschen mit ihren Problemen umgehen können.

Im neuen Buch geht es aber nicht wirklich gut aus – es gibt kein Happy End.

Nein. Aber es ist auch nicht unhappy.

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