11. April 2019

Peter Dinklage über das Ende von «Game of Thrones»

Die letzte Staffel der Kult-Serie «Game of Thrones» ist angelaufen, und Tyrion Lannister ist immer noch im Rennen um den Iron Throne. Der kleinwüchsige Darsteller Peter Dinklage lässt sich nicht schubladisieren und freut sich bereits auf das nächste Kapitel seiner Karriere. Dennoch hofft er, wieder ein bisschen Anonymität zurück zu gewinnen.

Peter Dinklage
Peter Dinklage wurde mit «Game of Thrones» zum Star. Er spielt den cleveren und gutherzigen Tyrion Lannister, der bisher alle Schlachten und Intrigen überlebt hat. Ob dies auch für die achte und letzte Staffel gilt, wird sich in den nächsten sechs Wochen weisen. (Bild: The New York Times / Redux / laif)

Wann wurde Ihnen bewusst, dass Sie mit «Game of Thrones» in einer echten Kult-Serie gelandet waren?

Das war wohl in New York auf einem Spaziergang mit meinem Hund. Er schnupperte an einem anderen Hund herum, also machte ich ein bisschen Small Talk mit der Besitzerin. Ich fragte, wie ihr Hund denn heisse – und dann kam erst mal lange keine Antwort. Schliesslich sagte sie: «Tyrion». Da wusste ich, diese Show ist einmalig.

Die Fans der Serie sind sehr engagiert. Was haben Sie schon so alles erlebt?

Alle paar Jahre gehe ich an die Comic-Con-Messe in San Diego. Die Fans sind ja sehr nett, aber tausend Menschen, die auf einen zukommen, sind immer noch tausend Menschen. Das fühlt sich schon etwas beengend an. Einmal traf ich da eine Frau, die ihre Töchter Arya und Sansa nannte – nach den Schwestern von House Stark in der Serie. Die armen Mädchen werden wohl ein Leben lang ausgelacht werden. Das ist schon extrem. Es gibt auch Fans, die eine Tätowierung von Tyrion auf ihrem Gesicht ­haben. Ganz schön krass.

Wie waren die Dreharbeiten zur achten und letzten Staffel? Es hiess, es gab Tränen beim gemeinsamen Lesen der Drehbücher im Studio…

Stimmt, Kit [Harington alias Jon Snow, Anm. d. Red.] heulte. Ich hatte sonst bei jeder Staffel jeweils zuerst die letzte Seite der zehnten Folge gelesen und arbeitete mich zurück: Man will ja sehen, ob man überlebt. Aber dieses Mal machte ich das nicht. Es ging mir schon etwas ans Herz, dass jetzt alles zu Ende ist. Denn es war ja nicht nur eine grossartige Rolle und eine tolle Show, es war neun Jahre lang unser Leben: Leute lernten sich kennen, heirateten, trennten sich wieder, Babys kamen zur Welt … Meine Kinder gingen in Nordirland zur Schule. Ich werde meine Filmfamilie vermissen. Aber andererseits wussten auch alle, dass es Zeit ist, jetzt abzuschliessen und uns Neuem zu widmen.

Werden Sie miteinander in Kontakt bleiben?

Klar, wir haben ein Gruppen-E-Mail, wo alle drauf sind. Ich verstehe nicht viel von Technik, aber ich kann mich da einloggen, wenn ich Entzugserscheinungen kriege.

Warum ist die Serie derart populär?

Niemand konnte ahnen, wie sehr die Serie den Zeitgeist treffen würde. Letztlich ist die Geschichte aber wohl einfach grossartig erzählt. Man kann alle Drachen der Welt in einer Serie haben: Das nützt alles nichts, wenn die Figuren und die Geschichten nichts taugen. Aber ich habe auch Freunde und Familienmitglieder, die «Game of Thrones» nicht schauen. Und das ist gut so. Viele von ihnen sind nicht im Showbusiness und sorgen dafür, dass mir der Erfolg nicht zu Kopf steigt.

Die letzten Episoden sollen je 15 Millionen Dollar gekostet haben. Wie nahmen Sie die monumentale Produktion wahr?

Am Anfang der Serie hatten wir keine kompletten Sets, es wurde einfach etwas an ein existierendes Gebäude oder an ein Schloss angebaut, und man merkte nicht, was tausend Jahre alt und was fake war. Die Ausstattung und Kostüme waren von Anfang an unglaublich detailliert, was mir als Schauspieler sehr hilft, mich in die Rolle einzufühlen. Bei den Kostümen gibt es beispielsweise keine Klettverschlüsse: Es dauert eine Stunde bis man angezogen ist, bei den Frauen noch länger. Man braucht Hilfe dabei. Und dann zünden sie die Kostüme auch noch an… Uups, jetzt hätte ich fast etwas verraten! Sorry, mehr darf ich nicht sagen.

Schade! In der Unterhaltungsindustrie ist die Diversität derzeit ein grosses Thema. Spüren auch Sie eine Verbesserung in diese Richtung?

Wenn man wirklich Veränderung will, muss man ganz oben anfangen, damit es nach unten sickert. Etwa mit einer Präsidentin und mit weiblichen Studiobossen, oder Nichtweissen in diesen Positionen, erst dann wird sich etwas verändern. Aber ich bin wie die meisten Leute oft enttäuscht von der Welt. Wir haben das Gefühl, wir seien in einem gesellschaftlichen Umbruch, aber man muss nur schauen, wen wir als Präsidenten haben und wie Nationalismen aller Art wieder an die Oberfläche kommen. Oh, oder meinten Sie Veränderungen für Leute meiner Körpergrösse?

Ja, genau.

Wer sagt denn, dass ich jemanden meiner Grösse spielen soll? Wenn man schon auf der ersten Seite eines Drehbuchs liest, eine Figur sei kleinwüchsig, wird das auf jeder folgenden Seite weiter so eingeschränkt, das limitiert die Möglichkeiten. Solche Geschichten interessieren mich nicht. Ich versuche, diese Konventionen zu durchbrechen und Rollen zu wählen, die nicht unbedingt auf eine Person meiner Grösse zugeschnitten sind.

Mir tun Leute leid, die sich daneben benehmen, nur weil jemand anders aussieht als sie.

Haben Sie dank «Game of Thrones» eine grössere Auswahl an solchen Rollen?

Es geht so. Nach wie vor hat es mir bei vielen Rollen einfach zu wenig Fleisch am Knochen. Oft sind sie im Fantasy-Genre angesiedelt, und naja, nach «Game of Thrones» wird man da anspruchsvoll. Ich brauche einfach komplexe Rollen. Es gibt momentan jedoch allgemein mehr Arbeit, weil all die Streaming-Anbieter so viele Serien und Filme produzieren. Es tönt schrecklich, aber wer derzeit als Schauspieler keinen Job findet, sollte sich vielleicht nach einem anderen Beruf umsehen. Die Auswahl ist also gross, aber Quantität ist halt nicht gleich bedeutend mit Qualität.

Eine dieser komplexen Rollen spielen Sie in «My Dinner With Hervé» , wo Sie den kleinwüchsigen französischen Schauspieler Hervé Villechaize verkörpern, der in den 1970er-Jahren im Bond-Film «The Man With the Golden Gun» und der TV-Serie «Fantasy Island» berühmt wurde. Der Film zeigt auch, wie respektlos Leute gegenüber Kleinwüchsigen sein können. Wie gehen Sie persönlich damit um?

Mir tun Leute leid, die sich daneben benehmen, nur weil jemand anders aussieht als sie. Sie tun das aus einer grossen, inneren Unsicherheit heraus. Und wollen sich besser fühlen. Man erinnert jemanden daran, dass er kleiner ist, damit man sich grösser fühlen kann. Mehr steckt da eigentlich nicht dahinter. Aber Hervé war ein sehr stolzer Mann und versteckte sich nicht. Er trug ein T-Shirt mit der Aufschrift «bionischer Zwerg» und liess sich in einen Koffer stecken. Das käme für mich nicht in Frage.

Er hatte auch eine andere Einstellung zum Rampenlicht als Sie, oder nicht?

Ja, er suchte es. Ich versuche eher, mich davor zu verstecken. Aber damals war es auch noch anders. Man musste quasi in Restaurants gehen, von denen man wusste, dass dort Paparazzi vor der Tür rumhängen. Heute kann man dem ganzen Rummel nirgends mehr entfliehen – Leute verfolgen mich auf der Strasse mit ihren Handys. Aber ich will jetzt nicht darüber klagen, dass ich berühmt bin. Es hat ja auch seine Vorteile.

Nämlich?

Wenn ein Restaurant ausgebucht ist, hat es für mich plötzlich doch noch einen freien Tisch. Wobei: Ich benutze meinen Namen nicht gern. Es ist normalerweise meine Frau, die sagt, ich soll mich nicht so anstellen, zurückrufen und sagen, für wen der Tisch sei. Man muss auch darauf vorbereitet sein, wie es sein wird, wenn das alles vorbei ist. Dann ist es gut, wenn man eine Struktur und ein unterstützendes Umfeld hat – und sich daran erinnert, wer man war, bevor man berühmt wurde. Ich erinnere mich daran, wie es ist, kein Geld zu haben. Und ich bin auch froh, wurde ich erst später im Leben bekannt. Das wäre sonst wohl nicht gut gekommen.

Weshalb nicht?

Ich war ziemlich durcheinander und verkorkst in meinen jungen Jahren. Heute bin ich geerdeter und kann meine Dämonen in Schach halten. Irgendwann muss man akzeptieren, wer man ist und dass man andere Leute nicht ändern kann. Meine Frau ist der wichtigste Mensch in meinem Leben und hilft mir, die Bodenhaftung nicht zu verlieren. Vielleicht braucht es nicht mehr als Liebe – dann kann einen der Rest der Welt am Allerwertesten…

Was heisst, Sie waren in Ihren jungen Jahren verkorkst?

Als Teenager war ich ziemlich mürrisch und wütend. Ich liebte das grobe Zeugs von Charles Bukowski und die Stücke von Sam Shepard, obwohl ich als Junge aus New Jersey nichts mit seiner Cowboy-Welt zu tun hatte.

Peter Dinklage als Tyrion Lannister vor Gericht in King's Landing («A Trial for Tyrion», Episode 6, Season 4).

Wollten Sie schon in diesen schwierigen jungen Jahren Schauspieler werden?

Ja, mich interessierte das schon früh, und meine Eltern unterstützten mich darin auch immer. Die Karriere eines Schauspielers bewegt sich immer zwei Schritte nach vorn und einen zurück. Ich hatte Glück: Mein erster Job war der Indie-Film «Living in Oblivion». Das war zwar ein gutes Gefühl, aber deswegen hatte ich es als Schauspieler noch längst nicht geschafft. Und dank «Game of Thrones» habe ich jetzt den Luxus, auch mal Nein sagen zu können.

Und wozu wollen Sie künftig Ja sagen?

Ich möchte wieder wie früher mit den Autoren Geschichten entwickeln und passende Regisseure finden. Das finde ich inspirierend, und bei der Arbeit inspiriert zu bleiben, halte ich für sehr wichtig. Viele Entscheide werden nämlich gefällt, bevor ein Schauspieler seinen ersten Arbeitstag hat. «My Dinner with Hervé» beispielsweise habe ich mit dem Filmemacher und Journalisten Sacha Gervasi über viele Jahre entwickelt. Ich weiss noch: Die ersten Videos, die er mir von Hervé zeigte, waren noch auf VHS.

Wollen Sie künftig auch Regie führen?

Ja, definitiv, das wird das nächste Kapitel im Buch meines Lebens. Aber es ist blöd, darüber zu sprechen. Man muss es einfach machen.

Sie haben vorhin gesagt, Sie seien oft enttäuscht von der Welt. Bereitet Ihnen die Zukunft Sorgen?

Da ich Kinder habe, würde ich es schon gut finden, wenn sie auch noch eine Erde hätten, auf der man leben kann. Wir müssen uns an die Zukunft anpassen, ob wir wollen oder nicht. Schon jetzt komme ich mir manchmal vor wie die Generation meines Vaters, wenn ich irgendwo nicht mehr mitkomme: Unlängst erklärte mir ein junger Mensch zum Beispiel, er sei weder ein «he» (dt. «er») noch eine «she» («sie») und man solle stattdessen den Plural «they» («sie») verwenden. Das ist zwar gramma­tikalisch falsch, aber so ist es nun mal. Es wird es immer Änderungen geben. Und das ist auch gut so.

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