12. November 2017

Perfekte Küchen

Perfekt eingerichtete Küchen sind nicht nur seelenlos, sondern werden oft auch wenig genutzt.

Nicht ganz aufgeräumt: alltagstaugliche Küche
Lesezeit 2 Minuten

«Wow, eine tolle Küche», höre ich mich sagen und lasse den Blick in einer neuen, vom Kücheneinrichter bis auf den letzten Millimeter geplanten Küche umherschweifen. Hier ist alles vorhanden, was einen Profikoch glücklich macht: Induktionsmulde für den Wok, Tepan, ein Backofen auf Augenhöhe mit Teleskopauszügen und die Kochmesser sorgsam aufgereiht. In der Spüle hat ein ganzes Backblech Platz und bei Bedarf wird der Wasserhahn zum beweglichen Duschkopf.

Perfekt. Oder doch nicht? Der Besitzer bzw. Financier der Küche reagiert etwas emotionslos: «Für die Tiefkühlpizza hätte auch eine Mikrowelle gereicht.» Davon einmal abgesehen, dass Tiefkühlpizza in der Mikrowelle nicht gelingt, offenbart der Satz vor allem eines: Hier wird wahrscheinlich kaum gekocht. Das ist kein Einzelfall.

Ebenso wie bestimmte Ernährungsformen mittlerweile ein Lifestyle-Statement sind, zeigen perfekt eingerichtete Küchen: Achtung, hier kocht jemand, dem das Essen am Herzen liegt. Oder zumindest jemand, der gern kochen würde. Ähnlich wie die vielen Kochsendungen im Fernsehen kaum mehr Leute hinter den Herd bringen, sondern eher das Couch-Potatoe-Dasein mit ernährungstechnisch ungünstigen Snacks fördern, scheint eine gut bestückte Küche ein Ersatz für selbst gekochte Mahlzeiten zu sein.

Keine Frage, es gibt Hobbyköche, die ihre Küche ausgiebig nutzen und stolz sind, wenn sie sich dieses oder jenes Gerät leisten. Aus Gesprächen mit Störköchen hörte ich aber nicht nur ein Mal die Aussage: «Ich treffe häufig komplett neue Küchen an. Da wurde scheinbar noch nicht einmal das teure Messer benutzt.» Traurig, aber wahr. Zeigt aber auch, dass wir immer weniger übers Kochen wissen und viele nicht unbekümmert und selbstverständlich zum Kochlöffel greifen.

Eine perfekte Küche ist also nicht Voraussetzung. Was es braucht, ist – für die, die kaum selbst kochen – etwas Mut und Selbstvertrauen. Anders kann man sich auch nicht erklären, dass Kochautomaten in den letzten Jahren einen regelrechten Boom erlebt haben. Diese multifunktionalen Geräte nehmen die Verantwortung ab und suggerieren: Mit mir wirst du ein besserer Koch. Das erinnert mich an einen Küchenbauer, der mir vor rund zwölf Jahren einen Backofen andrehen wollte, der mit Programmen funktionierte. Er erklärte: «Da wählen Sie nur noch das Programm 'Apfelkuchen', und der Ofen weiss, wann der Kuchen fertig ist.» Er schaute mich beifallheischend an. Meine Begeisterung hielt sich in Grenzen. Ich fragte den Herrn, woher der Ofen denn wisse, wie ich die Äpfel geschnitten habe und ob der Kuchen gedeckt, als Tarte gar in einer Guglhopfform gebacken wird. Woher kennt der Ofen die Grösse und das Material der Form? Woher weiss der Backofen, welchen Bräunungsgrad ich am liebsten habe? Der Herr verwies auf das Rezeptbüchlein mit den «perfekten» Rezepten für den Ofen. Der Backofen wurde nicht meiner. Ich verlasse mich auf mein Gefühl. Und bislang hat das auch niemand wie in Loriots Sketch «Das Ei ist hart» angezweifelt.

Also: keine Angst vor der Küche! Selbst die besten Köche haben Küchenkatastrophen mehrmals durchlebt. Das trainiert. Es braucht keine teuren Geräte, sondern nur Mut – auch zur Katastrophe.

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