19. August 2019

Shit happens

Bänz Friedli (54) kennt sich aus mit Fettnäpfchen. Hier kannst du dich mit dem Kolumnisten und seinen Leser*innen austauschen und findest die vom Autor gelesene Hörkolumne.

Bänz Freidli kennt sich aus mit Fettnäpfchen.

«Hören Sie! Das sind unsere Plätze!» Ich wurde laut, obgleich der Film bereits lief. Im Geflacker der Kinobilder hatten wir uns an den Sitzenden vorbeigedrückt und gedrängt. Ein Murmeln hier, ein Murren dort. Der Saal war voll. Aber wir hatten ja unsere Karten: Reihe sieben. Doch in der Mitte hatten wir feststellen müssen, dass keine Plätze frei waren. Wir beharrten darauf, dass das unsere Plätze seien: 18 und 19. Verwirrung, Gezänk, gezückte Tickets im Schein des Handylichts. Und was stellt sich heraus? Dass wir zwar Reihe sieben gebucht haben. Aber in einem anderen Saal.

Wir waren im falschen Film. Sie kennen das: wenn man am liebsten im Boden versänke. Meine peinlichsten Momente? Als ich eine Bekannte angesichts ihrer Leibesfülle fragte, wann denn das Kind komme, und sie kleinlaut erwiderte: «Es kam vor fünf Wochen zur Welt.» Als ich an einem Mitarbeiterfest den italienischen Kollegen, der mit einer ältlichen Dame erschienen war, fragte: «Tua mamma?» Aber es war nicht die Mutter, es war seine Ehefrau. Und als meine Liebste und ich nach der Trennung eines befreundeten Paars alle beide trösteten – ihn mit der Bemerkung: «Sei froh, bist du diese Schnepfe los!»; sie mit dem Kommentar, der sei doch ein Langweiler. Kurz darauf waren sie wieder ein Paar. Und wir haben uns nie mehr getraut, uns mit ihnen zu verabreden.

Dann war da noch die Sache mit Radiohead. Mindy, meine Englischlehrerin, hatte mich gewarnt: «Pass auf, es gibt Wörter, die damned ähnlich klingen, auf Englisch aber etwas total anderes bedeuten.» Das Problem mit der fröhlichen Mindy war ja, dass wir über allen Mist plauderten, nur leider Berndeutsch (ich) und Berndeutsch mit Brooklyner Akzent (sie) – weshalb ich nichts lernte. Ausser dass ich «a cup of coffee» noch im Schlaf im Brooklyner Slang ausspreche: «Akoappa Kuaafi.»

Ohnehin ein Hohn, I know, dass man Englisch-Privatstunden nehmen muss. Well, am Gymi hatte ich brav Altgriechisch gebüffelt. Weil ich dann aber nicht wie geplant Pfarrer wurde, sondern Journalist, musste Mindy ran. Anyway, nach einigen Monaten fühlte ich mich bereit für ein Interview mit der Rockband Radiohead. Sie hatte gerade ihr grandioses Album «The Bends» herausgegeben; ich platzierte lässig mein «Akoappa Kuaafi», aber die Herren Briten tranken Tee und blieben reserviert. Dann geschah es. «Einige eurer Songs», wollte ich aufs Hymnische anspielen, «klingen sehr pathetisch.» Und ich sagte «pathetic». Was auf Englisch «jämmerlich» bedeutet. Thom Yorke, der Sänger, nippte an seiner Tasse Tee und schwieg betreten. Bis der nette Gitarrist, Ed O’Brien, mich rettete: «Pathetic? Right!», sagte er. «Das hat was.»

Die Hörkolumne (MP3)

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