26. Juni 2019

Patrick Burgermeister will den Tod abschaffen

Patrick Burgermeister ist ein Verfechter der Kryonik. Der Molekularbiologe engagiert sich dafür, dass die Menschen nach ihrem Ableben tiefgekühlt und dereinst wiederbelebt werden können.

Patrick Burgermeister

Patrick Burgermeister, Sie sind Präsident des Vereins Cryosuisse. Man könnte auch sagen: Ihr Hobby ist der Tod. Was fasziniert Sie so an diesem Thema, dass Sie sich derart intensiv damit befassen?
Ich bin Molekularbiologe und habe als Forscher festgestellt, dass wir immer mehr Krankheiten behandeln, ja, heilen können. Mit ein bisschen, vielleicht auch ziemlich viel Fantasie komme ich zum Schluss, dass die Medizin eines Tages alle Krankheiten wird therapieren können. Da wäre es doch schade, mich heute mit einer Lebensspanne zu begnügen, die künftig als lächerlich kurz angesehen wird. So landet man unweigerlich bei der Kryonik: Es geht um eine Art Zeitmaschine, die mich durch Einfrieren in eine Zukunft bringen kann, in der die Krankheit heilbar ist, die mich das Leben gekostet hat.

Streben Sie denn nach dem ewigen Leben? Im Prinzip schon, wobei ich lieber von «unlimitiertem Leben» spreche.
Sie wollen also den Tod weder akzeptieren noch verdrängen.
Ich will den Tod bekämpfen.

Der Tod gehört doch zum Leben, er ist Teil unserer menschlichen Natur. Sie pfuschen ihr ins Handwerk.
«Der Tod ist Teil des Lebens», «Der Tod macht Sinn», «Wir müssen Platz schaffen für Neues» – in meinen Augen sind das alles Rationalisierungen des Menschen, weil er sich mit der eigenen Vergänglichkeit abfinden muss. Dass wir sterben müssen, ist einer der brutalsten Gedanken überhaupt. Zu wissen, dass eines Tages Schluss ist – und zwar für immer –, lässt die einen Zuflucht in der Religion suchen und die anderen die Tatsache einfach verdrängen. Als Natur­wissenschaftler kann ich mit beiden «Lösungen» nichts anfangen. Und mit einem Satz wie «Da kann man sowieso nichts machen» erst recht nichts.

Mit dem Tod haben Sie sich einen gewaltigen Gegner ausgesucht. Was gibt Ihnen die Gewissheit, einen seriösen Plan zu verfolgen und keiner Fantasterei nachzuhängen?
Ein konkretes Beispiel: Die Schwedin Anna Bagenholm hatte vor über zehn Jahren einen Skiunfall; sie geriet unter eine Eisplatte. Sie war über 90 Minuten lang tot, hatte weder Herzschlag noch Hirnströme. Und trotzdem konnte sie wiederbelebt werden. Ihre Körpertemperatur betrug 13,7 Grad Celsius, das ist der tiefste Wert, der je bei einem Menschen gemessen wurde. Der Fall zeigt, wie gross der Nutzen der Hypothermie, also der therapeutischen Anwendung sehr tiefer Temperaturen, sein kann. Inzwischen ist die Kühltechnologie eine anerkannte Methode, die etwa bei Herzoperationen, aber auch bei schweren Ver­letzungen nach Unfällen eingesetzt wird. Die Kälte dämmt den Blutverlust ein und verlangsamt alle anderen biologischen Prozesse – man gewinnt Zeit. Diese Möglichkeit macht sich auch die Kryonik zunutze.

Nach diesem Prinzip funktioniert ja auch das Social Freezing: Junge Frauen lassen ihre Eizellen einfrieren, um eine allfällige Mutterschaft auf später zu vertagen.
Bei diesem Vergleich wird auch das Hauptproblem der Kryonik sichtbar: die Grösse des menschlichen Körpers. Während Eizellen, Spermien und Blutzellen sich relativ einfach einfrieren und irgendwann auftauen lassen, gestalten sich beide Vorgänge beim Mensch sehr schwierig. Der Prozess des Auftauens stellt das grösste Problem dar: Wie kann er gelingen, ohne irreparable Schäden an lebenswichtigen Organen zu verursachen? Darüber wissen wir noch sehr wenig.

Es sollen bereits zwei oder drei Schweizer tiefgefroren worden sein und in den USA lagern. Welche Vorkehrungen mussten diese Menschen treffen?
Interessierte unterschreiben einen Vertrag bei einer Kryonik-Organisation – da kommen heute vor allem zwei grosse amerikanische Anbieter infrage. Sie zahlen bescheidene Mitgliederbeiträge und schliessen eine Lebensversicherung ab, beispielsweise bei Swiss Life. Sie kommt für die Kosten des kryonischen Prozesses auf – das können bis zu 200 000 Franken sein.

Was passiert im Todesfall?
Wenn der Tod naht, kommt ein Stand-By-Team zum Einsatz. Im besten Fall beginnt es mit dem Kühlprozess, sobald der letzte Atemzug getan ist. Vorgängig muss allerdings ein Arzt einen Totenschein ausgefüllt haben. Nach und nach wird dann das Blut durch eine glyzerinhaltige Frostschutzlösung ersetzt und der Körper runtergekühlt, zuerst mit Eis auf null Grad, später mit flüssigem Stickstoff auf minus 196 Grad. Dann wird der Körper in einem Sarg in die USA geflogen und in einer der Lagerstätten, die um die 250 Plätze umfassen, in einem Tank aufbewahrt.

Wie offen erleben Sie die Schweiz in Bezug auf Kryonik, verglichen mit anderen Ländern?
Die Amerikaner sind wie immer die Vorreiter. Als unser Verein ein juristisches Gutachten in Auftrag gab, um die rechtliche Grundlage hierzulande auszuloten, erfuhren wir, dass Kryonik auch in der Schweiz gesetzlich möglich ist: Es braucht eine Patientenverfügung und ein Testament; wenn der oder die Ablebende wünscht, tiefgefroren zu werden, hat dieser Wunsch Vorrang.

Wie reagieren die Leute, wenn sie hören, dass Sie Kryoniker sind?
Typisch schweizerisch: Man redet nicht gross darüber, sondern wechselt relativ schnell das Thema – sei es aus Desinteresse, sei es aus Unbehagen. Über den Tod sprechen? Was für ein Partykiller! Das eigene Ableben betrachtet man als ausgesprochen privates Thema.

Hat Ihnen noch keiner gesagt, dass Sie spinnen?
Nein, so direkt hat mir das noch nie jemand ins Gesicht gesagt.

Davor schützt Sie vielleicht Ihr Status als Akademiker. Da fällt es einem Gesprächspartner schwerer, Sie als ...
... durchgeknallt zu bezeichnen? (lacht ­schallend) Leuten, deren Skepsis gross ist, sage ich gern und mit einer gewissen Überheblichkeit: Je intensiver man sich mit dem Thema befasst, umso glaubwürdiger wird es. Laien haben ja auch wenig Ahnung, wozu die Medizin heute schon in der Lage ist. Ich habe den Businessplan einer britischen Firma auf dem Pult: Sie behauptet, über eine Technologie zu verfügen, mit der sich alle Krebsarten bekämpfen lassen. Und das Beste: Die Ausführungen klingen vernünftig.

Welches Anliegen ist Cryosuisse am ­wichtigsten?
Unser Ziel Nummer eins ist es, auf Schweizer Boden eine Lagerstätte für eingefrorene Körper zu errichten. Wir haben bereits potenzielle Standorte inspiziert, darunter ausgemusterte Militäranlagen. Sobald wir fündig geworden sind, werde auch ich meinen persönlichen Vertrag unterschreiben, um mich auf die Zukunft vorzubereiten.

Finden Sie die Vorstellung nicht grauenhaft, nach 100 Jahren im Kühltank in einer Welt weiterleben zu müssen, die Ihnen komplett fremd ist?
Natürlich kann ich mir Schreckensszenarien ausmalen, wie es dann sein wird. Aber genau weiss ich es nicht. Optimistisch gestimmt, kann ich mir doch auch vorstellen, dass eine Welt, die Menschen auftaut, wohlmeinend, gar fürsorglich ist. Für mich ist die Vorstellung, für immer tot zu bleiben, schlimmer als alle anderen Horrorvisionen. Es gibt ja den schönen Kryonikerwitz: Kryonik ist das Zweitschlimmste, das einem passieren kann.

Für wie gross halten Sie die Wahrscheinlichkeit, dass die Kryonik eines Tages funktionieren wird?
Sie ist grösser als null. Wer «null» sagt, nimmt eine wissenschaftlich unkorrekte Einschätzung eines Ereignisses vor, das in der Zukunft liegt und keine definitive Aussage erlaubt. Ich bin mir durchaus bewusst, dass die Wahrscheinlichkeit gering ist, aber selbst dann ist es immer noch besser als die Aussicht auf Kremierung oder Erdbestattung – denn damit bin ich endgültig bei null angelangt.

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