30. Juli 2012

Patente Paten

Beat Urech (57) ist Bereichsleiter Pädagogik der reformierten Landeskirche Aargau. Er hat die Broschüre «Auf dem Weg begleiten – Das Patenamt» verfasst. Im Interview erklärt er, was einen guten Paten ausmacht.

Beat Urech
Beat Urech (57) ist Bereichsleiter Pädagogik der reformierten Landeskirche Aargau. (Bild: zVg.)

Die Patenschaft hat kirchliche Wurzeln. Doch obwohl immer weniger Leute einer Kirche angehören, haben die meisten Kinder eine Gotte, einen Götti. Ein Widerspruch?

Das kirchliche Patenamt definiert sich durch die Taufzeugenschaft und das damit verbundene Amt, das Patenkind auf seinem religiösen Weg zu begleiten. Es ist aber auch klar, dass viele Menschen das heute so nicht mehr bringen können oder wollen. Obwohl ich da als Kirchenvertreter zugegebenermassen schon ein bisschen im Clinch bin, sehe ich es darum als Gewinn, wenn auch nicht getaufte Kinder Paten haben können. Sowieso glaube ich, dass das Wesentliche im Leben in Beziehungen geschieht, und zwar das göttliche wie auch das menschliche. Und auch deshalb ist eine Patenschaft eine wertvolle Sache.

Sie sind mehrfacher Götti von inzwischen erwachsenen Mädchen. Wie haben Sie Ihren Job gemacht?

Von gut bis mässig, ich decke da wohl die gesamte mögliche Palette ab (lacht).Bei meinem ersten Göttimeitli war ich erst 19 Jahre alt und im Nachhinein betrachtet wohl eher zu jung. Dazu kam, dass sie als junge Frau nach Barcelona gezogen ist. Wir haben noch ab und zu Kontakt, aber selten. Mit meinem weiteren Göttikind, der Tochter meines Bruders, verbindet mich auch heute noch eine ganz spezielle Beziehung. Bei ihr wars zugegebenermassen aber auch am Einfachsten, da sie in der Nähe gewohnt hat.

Was macht einen guten Götti aus?

Das Schöne ist ja, dass Götti und Gotte eigentlich nur dürfen: Sie dürfen ganz spezielle Bezugspersonen sein, ohne einen Erziehungsauftrag zu haben. Sie dürfen ihre Patenkinder begleiten auf ihrem Weg, sie dürfen Anteil nehmen an ihrem Leben, sie dürfen sie beschenken, verwöhnen, sie dürfen sie einladen, Dinge unternehmen, für die die Eltern vielleicht keine Zeit haben. Wenn Sie mich heute fragen, was ich meinen Göttikindern geschenkt habe, dann kommt mir nur noch wenig in den Sinn. Aber was wir miteinander unternommen, miteinander erlebt haben, das bleibt, z.B. das Erlebnis Konfirmandenlager.

Sie sagen, die Paten dürfen eigentlich nur. Es gibt doch aber auch Pflichten?

Rechtlich gesehen nein. Paten müssen weder Geschenke machen noch als Babysitter amten. Und schon gar nicht müssen sie einspringen, wenn den Eltern ihres Patenkindes etwas zustösst, wie immer wieder kolportiert wird. Das war vielleicht früher einmal so. Heute bestellt die Vormundschaftsbehörde am Wohnort des Kindes einen Vormund. Das kann, muss aber nicht ein Pate sein.

Was verlangt die Kirche von Gotte und Götti?

Als Zeugen der Taufe übernehmen diese die Verantwortung, den Täufling in seiner religiösen Entwicklung und im Gebet zu begleiten. Da würde ich schon erwarten, dass sie beispielsweise an den speziellen Feiern, die auf diesem Weg liegen wie die Einführung ins Abendmahl, die Konfirmation, die Tauferinnerungsfeier Anteil nehmen und ihr Patenkind begleiten. Kirche ist aber grundsätzlich freiwillig. In der Kirchenordnung ist einzig festgelegt, dass mindestens einer der Taufzeugen einer christlichen Kirche angehören muss.

Meine beste Freundin bittet mich Gotti von ihrer Tochter zu werden. Was nun?

Natürlich ist es erst einmal schön und eine Ehre, gefragt zu werden. Dennoch sollte man sich gut überlegen, ob man wirklich in der Lage und gewillt ist, sich entsprechend Zeit für ein Kind zu nehmen. Sowieso empfehle ich potenziellen Paten und Eltern, sich zusammenzusetzen und über ihre Erwartungen zu reden. Alles, was nicht ausgesprochen und diskutiert ist, kann später zu Enttäuschungen führen. Wichtig ist auch, sich als Angefragter zu überlegen, ob die Beziehung zu den Eltern tragfähig genug ist. Kann ich mit ihnen eine Lösung finden, wenn ich beispielsweise merke, dass ich der Patenrolle nicht gerecht werden kann, oder zu wenig Zeit habe. Die Eltern wiederum sollten das Amt nicht der Einfachheit halber im Verwandtenkreis oder an eine aktuelle Freundin vergeben. Sie sollten sich jemanden aussuchen, von dem sie glauben, dass er fähig ist, an der Entwicklung des Kindes in den nächsten paar Jahren aktiv Anteil zu nehmen und für das Kind da zu sein.

Warum sind für Kinder die Paten so wichtig?

Jedes Kind möchte jemanden, der nur für es da ist. Vater und Mutter müssen sie in der Familie teilen. Hingegen sagen zu können, das ist mein Götti, meine Gotte, das gibt dieser Beziehung in der Familienkonstellation einen ganz speziellen Stellenwert.

Auch für Patenschaften gibt es keine Gelinggarantie. Was kann man tun, um allfällige Klippen zu umschiffen?

Paten und Eltern sollten sich auch später ab und zu zusammensetzen und sich fragen: Wie geht es uns in unseren Rollen? Gibt es unerfüllte Erwartungen, die auf den Tisch müssen? Häufig ist es ja auch so, dass es das Verhältnis zwischen Eltern und Paten ist, das die Patenschaft belastet und nicht etwa das zwischen Patenkind und Pate. Zieht sich ein Pate, eine Patin zurück, löst das immer auch was beim Kind aus: Hat mich diese Person nicht mehr gern? Habe ich etwas falsch gemacht? Es gibt aber auch Gründe, warum die Beziehung einschläft, die ein Kind verstehen kann. Und dort ist es dann unter Umständen gescheiter zu sagen, wir lösen die Patenschaft auf. Und die Eltern wählen jemanden, der ihnen vielleicht unterdessen näher steht. Die Kirche streicht übrigens niemanden aus dem Taufregister, Ergänzungen sind aber immer möglich. Und, was viele auch nicht wissen: Die Kirche verlangt nicht zwingend einen Taufpaten und eine Taufpatin, es dürfen auch mehrere sein. Meine Frau und ich haben beispielsweise damals für unsere Tochter zwei Gotten und einen Götti und für den Sohn zwei Göttis und eine Gotti gewählt. Das sogenannte Berner Modell stammt noch aus Gotthelfs Zeiten und hat sich in unserem Fall aber ausgezeichnet bewährt.

Wann erlöscht eine Patenschaft?

Früher war das Verständnis so, dass das Patenamt mit der Konfirmation beendet war. Heute gilt die Patenschaft auch über die kirchliche Sozialisation hinaus als eine ganz spezielle Beziehung, eine Beziehung, die bestenfalls ein ganzes Leben hält.

Die Broschüre «Auf dem Weg begleiten – Das Patenamt» kann unter
www.ph-aargau.ch bestellt respektive downgeloadet werden.

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