12. Februar 2019

Warum Paare besser über Sex als über Geld reden

Was haben Liebe und Geld miteinander zu tun? Für Paarberater Michael Mary sehr viel. Paare, die es schaffen, das Thema offen zu besprechen und Abmachungen dazu zu treffen, sind klar im Vorteil. Denn sie beugen Streit, Missverständnissen und falschen Erwartungen vor.

Paare und Geld
Bild: Getty Images
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Michael Mary, der Untertitel Ihres Buches «Liebes Geld» lautet: «Vom letzten Tabu in Paarbeziehungen». Wird Sexualität in der Beziehung nicht stärker tabuisiert als Geld?

Früher war das so. Aber heute können Paare besser über ihre Sexualität reden als über Geld.

Warum haben Paare so grosse Mühe, offen und entspannt übers Geld zu reden?

Weil ihnen die Worte fehlen. Sie verfügen nur über die beiden Begriffe «Liebe» und «Geld» und haben gelernt, dass beides angeblich nichts miteinander zu tun hat. Folglich sprechen sie nur über die Liebe oder nur übers Geld, aber über beides gleichzeitig geht nicht. Dabei würde der richtige Umgang mit Geld ein Paar zusammenschweissen und stärken, wohingegen der falsche Umgang es auseinanderbringt und seine Beziehung schwächt.

Wie lässt sich dieses Dilemma lösen?

Man braucht differenziertere Begriffe, um gut miteinander reden zu können.

... und genau solche entwickeln Sie in Ihrem Buch «Liebes Geld». Welche sind das?

Ich unterscheide drei Arten von Geld, die ich definieren kann, indem ich die Frage stelle: Wie ist Geld in einer bestimmten Situation gemeint? Ist es als Geschenk gemeint? Dann ist es Liebesgeld. Ist es als persönliche Unterstützung des anderen gedacht im Sinne der Teilhabe, ist es Freundesgeld. Wenn es als Leistungsausgleich gemeint ist, handelt es sich um Partnergeld.

Was meinen Sie konkret mit Leistungsausgleich?

Eine Partnerschaft beruht darauf, dass beide angemessene Leistungen erbringen. Man schliesst mit der Ehe ja auch einen Vertrag ab und einigt sich, wer wann das Geld verdient, wer sich wann um die Kinder kümmert, wie viel für die Altersvorsorge gespart wird und wie teuer die gemeinsame Wohnung sein darf. Um zu dieser Einigung zu kommen, die im besten Fall auf einem fairen, gerechten Leistungsausgleich basiert, müssen Paare verhandeln. Und Geld, über das verhandelt wird, ist Partnergeld.

Wie ist das beim Freundschaftsgeld?

Darüber können Sie nicht verhandeln. Wenn es um Freundschaftsgeld geht, müssen Sie Abmachungen treffen, die im Idealfall beide glücklich machen. Da wird dann kein Leistungsausgleich angestrebt, sondern es geht um Geben und Nehmen. Ich schildere Ihnen ein Beispiel: Er spielt Schach, sie fährt Motorrad; klar, dass ihr Hobby mehr kostet als seins, viel mehr. Da lässt sich beim besten Willen kein Leistungsausgleich schaffen, da besteht der Ausgleich im Geben und Nehmen, was ein Paar mit einer Abmachung besiegelt, die beide glücklich macht.

Wie kann so eine Abmachung aussehen?

Man beschliesst beispielsweise, dass sie jetzt zwei Jahre lang für ihr Motorrad 70 Prozent des Freundschaftsgelds verwenden kann, und nachher steht ihm eine gewisse Zeit ein grösserer Betrag zu.

Das Liebesgeld ist als Geschenk gemeint. Was heisst das genau?

Ein solches Geschenk ist dazu da, meine Liebe auszudrücken. Das ist seine Bestimmung. Deswegen ärgert sich ja auch die Hausfrau, wenn sie einen Mixer geschenkt bekommt, weil sie genau merkt, dass ihr Mann damit nicht seine Liebe zum Ausdruck bringt, sondern auf eine Leistung abzielt. Der Mixer ist nichts Persönliches, was von Herzen kommt. Freuen hingegen würde sich diese Frau, wenn sie eine Reise oder auch nur einen schönen Blumenstrauss von ihm geschenkt bekäme.

Lassen Sie uns ein paar Szenarien durchspielen, die man in Partnerschaften antreffen kann. Er studiert, sie verdient bereits und bestreitet das Einkommen für beide. Was raten Sie einem solchen Paar, damit es unbeschadet durch diese nicht ganz unproblematische Phase kommt?

Es muss darüber verhandeln, wie er das später wiedergutmachen kann.

Reicht es nicht, wenn sie ihm erklärt, das sei alles kein Problem, sie mache das aus Liebe?

Nein, das reicht nicht. Garantiert wird es später mal eine umgekehrte Situation geben, in der sie sich darauf beruft, dass sie ja damals auch alles bezahlt hat. Und dann könnte er zu Recht sagen: «Nichts da! Du hast mir das Geld seinerzeit geschenkt und mich damit von jeder Verpflichtung befreit.» Um nicht in diese Falle zu geraten, könnte sie zum Beispiel folgende Lösung vorschlagen: «Dein Studium dauert jetzt noch mindestens drei Jahre, und ich bin bereit, in dieser Zeit die Kosten zu übernehmen. Dafür erwarte ich aber von dir eine Gegenleistung, wenn ich später mal ein Sabbatical nehmen möchte.»

Zweites Szenario: Er ist zu 100 Prozent erwerbstätig, sie ist mehrheitlich für die Kinder und den Haushalt zuständig und verdient mit einem 20-Prozent-Pensum nur einen kleinen Zustupf. Welche Abmachungen sollten in dieser Konstellation getroffen werden, damit sich keine unguten Gefühle einschleichen?

Dieses Paar muss seine Beziehung vom Ende her denken und sich fragen: Was passiert, wenn wir eines Tages auseinandergehen sollten? Dann hat er seine Karriere gemacht, sie aber ihre nicht. Also sollte sie einen Ausgleich erhalten, worüber die beiden unbedingt verhandeln müssen. Sie hat im Rahmen der Familie ja auch gearbeitet und ihre Leistung erbracht. Wenn sich dieses Paar nicht früh einigt, wie man hier eine faire Lösung schaffen kann, fehlt der Leistungsausgleich.

In der Liebe neigen Frauen dazu, das Thema Geld zu romantisieren: ‹Er wird schon fair sein, er liebt mich ja.› Aber wenn die Liebe aus ist, geht schnell der Rosenkrieg los.

Eine Beziehung vom Ende her denken? Ein Paar schwebt im siebten Himmel und soll sich in diesem Moment mit dem möglichen Scheitern seiner Beziehung beschäftigen, um davon ausgehend seine Finanzen zu regeln? Das ist doch total unromantisch.

Nein, das ist es überhaupt nicht. Das machen Paare doch ständig. Wenn zwei sich innig lieben und beschliessen, ein Haus zu kaufen, wird doch auch besprochen, was passiert, wenn einer von beiden einen Autounfall hat und der andere plötzlich mit den ganzen Schulden allein dasteht. Also schliesst man eine Versicherung ab. Und Versicherungen sind immer vom Ende her gedacht. In dem Sinne müsste man als verantwortungsbewusstes Paar auch eine Trennungsversicherung abschliessen. Und ich sage Ihnen: Paare, bei denen gegenseitiges Vertrauen besteht, werden durch solche Gespräche gestärkt und keineswegs beeinträchtigt. Ist eine Beziehung allerdings wackelig, wird sich genau das in solchen Gesprächen zeigen, und es ist wohl besser, wenn man gar nicht erst zusammen ein Haus kauft.

Wie könnte der Leistungsausgleich zugunsten der Frau aussehen, die für die Familie auf ihre Karriere verzichtet hat?

Ich hatte in meiner Praxis eine Frau, der nach der Trennung 100 000 Euro zustanden. Diesen Betrag hatte das Paar in einem Vertrag festgelegt – eine Massnahme, die ich sehr empfehlen würde. Warum leben denn so viele alleinerziehende Frauen an der Armutsgrenze? Weil sie keine solchen Verträge abgeschlossen haben. Da hat er seine Karriere gemacht, verdient jetzt gutes Geld, Trennung, Scheidung, und nach ein paar Jahren zahlt er keinen Unterhalt mehr, und sie steht mit leeren Händen da.

Frauen haben offenbar ein besonders schwieriges Verhältnis zu Geld. Viele trauen sich nicht einmal, eine angemessene Lohnerhöhung zu verlangen.

Ich glaube, dass viele Frauen es noch nicht so gewohnt sind, über Geld zu reden, geschweige denn Geldforderungen zu stellen. In der Liebe neigen sie dazu, das Thema zu romantisieren: «Er wird schon fair sein, er liebt mich ja.» Aber wenn die Liebe aus ist, geht schnell der Rosenkrieg los.

Noch ein drittes Szenario: Er hat 50 000 Franken geerbt und schlägt vor, sie sollten sich mit dem Geld eine dreimonatige Weltreise leisten. Kann sie das annehmen, oder steht sie nachher zu stark in seiner Schuld?

Sie sollte vorher klären, wie er das genau meint: Als Geschenk? Oder will er das Geld irgendwann wiederhaben, was man in einer Abmachung festhalten sollte? Oder erwartet er dafür einen Leistungsausgleich? Dass sie beispielsweise die nächsten zehn Jahre den Garten macht? Vielleicht sagt er: «Nein, das ist ein Geschenk. Es ist mir eine Herzensangelegenheit, mit dir zusammen zu verreisen.» Logisch kann er dann später nicht plötzlich verlangen, dass sie ihm etwas zurückzahlt. Da hätte sie jedes Recht zu sagen: «Geschenkt ist geschenkt!»

Wenn man angeblich Geschenke macht, dafür aber in Wirklichkeit Leistungen erwartet, kann Geld eine Beziehung unrettbar vergiften. Zum Beispiel: Er schenkt ihr eine Brustoperation, will dann aber Sex dafür.

Was raten Sie Paaren, die in etwa gleich viel verdienen und nach einem Modell suchen, mit dessen Hilfe sie ihre Finanzen möglichst unkompliziert organisieren können?

Es gibt nichts Schlaueres, als sich zusammenzusetzen und das Thema gründlich zu besprechen. Vielleicht entscheidet man sich für getrennte Kassen oder wirft alles in einen Topf. Das ist ganz individuell. Kürzlich hatte ich es mit einem Paar zu tun, da sammelt er sehr teure japanische Kalligrafien, mit denen sie nichts anfangen kann. Sie pochte auf getrennte Kassen, weil sie sich an diesen Kosten nicht beteiligen möchte. Cleverer Entscheid.

Macht Geldknappheit eine Ehe anfälliger für Streit?

Das kann so sein, muss aber nicht. Paare, die es gut miteinander haben, können unter diesen Umständen auch mehr Nähe erleben. Sie müssen zusammenrücken und sich etwas einfallen lassen, wie sie mit wenig Geld über die Runden kommen. In vielen Partnerschaften gibt es ja zumindest Phasen, in denen man weniger Geld zur Verfügung hat. Dies muss Mann und Frau keineswegs auseinanderbringen, es sei denn, einer von beiden hat völlig unrealistische Ansprüche, was beim anderen natürlich Ärger auslöst.

Kann Geld eine Beziehung unrettbar vergiften?

Geld an sich nicht, aber der falsche Umgang damit: Wenn man angeblich Geschenke macht, dafür aber in Wirklichkeit Leistungen erwartet. Er «schenkt» ihr eine Brustoperation, will dann aber Sex dafür. Sie «schenkt» ihm ein Auto, rechnet aber damit, dass er künftig regelmässig mit ihr ins Theater geht. Das ist ein schiefer Umgang mit Geld, der Probleme bereitet. Wer transparent mit dem Thema umgeht, wird immer eine Regelung finden. Immerhin ist Geld stark mit Macht verbunden; der Volksmund weiss: Wer zahlt, befiehlt. Da ist es nicht so einfach, immer transparent zu diskutieren. In Beziehungen verleiht mir mein Geld nur dann Macht, wenn der andere unheimlich scharf darauf ist. Wenn meinem Partner mein Geld egal ist, kann ich daraus überhaupt keine Macht ableiten. Nichts, null, gar nichts.

Untertreiben Sie da nicht etwas? Geld hält unser Leben doch am Laufen.

Dass es so viele Scheidungen gibt, obwohl ein Partner dadurch in finanzielle Nöte geraten kann, zeigt, dass die Erpressbarkeit über Geld heute sehr begrenzt ist. Bei uns verhungert niemand mehr. 

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