23. März 2015

Ostfriesisches Wattenmeer

Platt wie eine Flunder ist sie, die ostfriesische Landschaft, und für ein fröhliches «Moin» haben die Ostfriesen allemal Zeit. Wer einmal am Wattenmeer war, wird möglicherweise zum Stammgast. Dazu bieten wir Tipps zu Anreise, Unterkunft, Sightseeing und Restaurants.

Ostfriesisches Wattenmeer
Ostfriesisches Wattenmeer

Peter Zinsli (65) ist als SBB-Lokführer mehr als ein halbes Leben lang kreuz und quer durch die Schweiz gefahren. Nach seiner Frühpensionierung 2006 zog es ihn und seine Frau Brigitta (65) aus Oberrieden ZH ans ostfriesische Wattenmeer.

Der pensionierte Lokführer bei seinem liebsten Hobby: Peter Zinsli wartet historische Lokomotiven im Norder Museum.
Der pensionierte Lokführer bei seinem liebsten Hobby: Peter Zinsli wartet historische Lokomotiven im Norder Museum.

Ihre neue Heimat heisst Norden – das älteste Städtchen in Ostfriesland. Seit Jahrzehnten war dies ihre liebste Gegend für Ferien mit dem Wohnwagen. Als sie dann ein Haus kaufen konnten, war klar: «Wir wandern aus.»

Wahrzeichen mit Starpotenzial: Der Pilsumer Leuchtturm ist ein begehrtes Foto- und Filmobjekt.
Wahrzeichen mit Starpotenzial: Der Pilsumer Leuchtturm ist ein begehrtes Foto- und Filmobjekt.

Die Schweizer Berge vermissen sie nicht. «Hier fühlen wir uns einfach wohl», sagt Peter Zinsli. Das Meer liegt vor der Haustür, das Land ist flach und weit, und oft weht eine steife Brise. Das raue Klima ist gut für Körper und Geist, die Ostfriesen sind zurückhaltend und sympathisch. Und: In Norden stehen auch die historischen Lokomotiven des Vereins Museumseisenbahn Küstenbahn Ostfriesland (MKO).

Die Alte Inselkirche auf Spiekeroog ist die älteste Kappelle auf den ostfriesischen Inseln.
Die Alte Inselkirche auf Spiekeroog ist die älteste Kappelle auf den ostfriesischen Inseln.

Der Zürcher hat hier natürlich umgehend angeheuert. Er fährt die Züge zwar nicht, ist aber für die Instandhaltung der alten Lokomotiven und Motoren zuständig. «Da wird es mir bestimmt nie langweilig», sagt Peter. «Aber es soll ein Hobby bleiben.» Brigitta nickt beipflichtend. Schliesslich braucht er ja noch Zeit für die kleinere Version seines Eisenbahnfiebers: die Modelleisenbahn im Dachstock seines Einfamilienhauses. «Die wird nie fertig werden, denn ich baue immer mal wieder um», meint er schmunzelnd.

Das Paar hat sich in der ostfriesischen Kleinstadt gut eingelebt. Peter spricht sogar fliessend Plattdeutsch. Wenn er im lokalen Dialekt drauflospalavert, sorgt er bei seinen Kollegen der MKO mit seinem Schweizer Akzent oft für Gelächter.

Teatime auf Ostfriesisch

Und natürlich mögen die beiden den Ostfriesentee. Sie trinken ihn wie die Einheimischen: Zuerst den Kandiszucker in die Tasse geben, dann mit Tee auffüllen. Mit einem speziellen Löffelchen fügt man Rahm dazu, der im Tee Wolken bildet. Und das Wichtigste: nicht umrühren! Beim ersten Schluck ist der Tee herb, wird aber mit jedem Schluck rahmiger und süsser. Will man nicht mehr nachgeschenkt bekommen, stellt man den Teelöffel in die Tasse. Bei den Ostfriesen ist Tee beliebter als Kaffee, sie nennen ihn auch Nationalgetränk. In Norden hat es gar ein Teemuseum. Hier erfährt man alles über Kluntjes (Kandiszucker), Sahnewölkchen und die ganze Teezeremonie.

Einen Stopp wert ist das legendäre Norder «Café ten Cate» mit seiner reichen Auswahl an Hefegebäck, Torten, Schokoladen und Marzipan. Die beliebtesten Süssigkeiten sind der Marzipan-Seehund und das Praliné namens Deichgraf, welche der Autor Klaus-Peter Wolf in einem seiner Ostseekrimis verewigt hat. «Es wäre geradezu eine Sünde, sich den Seehund und den Deichgraf entgehen zu lassen», schreibt dieser. Seine Krimis sind die idealen Reisebegleiter: Die authentisch wiedergegebenen Schauplätze und Figuren lassen den Alltag Ostfrieslands aufleben.

Zu Besuch bei den Fellnasen

Ein weiteres Must für jeden Reisenden ist das Walomuseum. Hier kann man nicht nur ein 15 Meter langes Skelett eines Pottwals bestaunen, der Ort ist auch die erste Auffangstation für Seehundejungen, auch Heuler genannt. Das sind verwaiste Jungtiere, die tagelang nicht mehr gesäugt und am Strand aufgefunden worden sind. Ihren Namen tragen sie aufgrund der eindringlichen Laute, die sie ausstossen. Die unterernährten Tiere werden in der Seehundestation aufgepäppelt und danach so rasch wie möglich wieder ausgewildert.

Seit 2009 zählt das NiedersächsischeWattenmeer zum Unesco-Weltnaturerbe. Einen Grossteil davon macht das ostfriesische Wattgebiet aus, das im Rhythmus der Gezeiten vom Meer überflutet wird.

Die Ebbe machts möglich: Zu Fuss gehts über den schlickigen Grund 
mit Muscheln, Austern und Wattwürmern.
Die Ebbe machts möglich: Zu Fuss gehts über den schlickigen Grund mit Muscheln, Austern und Wattwürmern.

Bei Ebbe liegt es trocken – der ideale Moment, um die seichten Seegebiete zu Fuss zu begehen. Eine besonders schöne Wattwandertour lässt sich von der autofreien Insel Spiekeroog aus unternehmen. Sie ist eine der sieben bewohnten ostfriesischen Inseln und nur per Fähre erreichbar. Ein ehemaliger Fischkutter bringt die Besucher vom Hafen in tieferes Gewässer. Dort lässt Tourenführer Carsten ein kleines Schleppnetz kurz ins Wasser und demonstriert, was sich hier alles tummelt: Krebse, Krabben, Plattfische, Seenadeln und kleine Aale flutschen auf Deck aus dem Netz in einen grossen Behälter mit Meerwasser.

Im schlammigen Grund ist das richtige Schuhwerk gefragt.
Im schlammigen Grund ist das richtige Schuhwerk gefragt.

An einer Muschelbank am Rand des Watts hält der Kapitän an und lässt die Passagiere über eine Leiter in den schlammigen Grund hinab. Nun ist das richtige Schuhwerk angesagt. Im Schlick stecken Austern, Mies- und andere Muscheln mit scharfen Kanten – teilweise senkrecht. Sie können tiefe Schnittwunden verursachen. Und der Untergrund ist streckenweise so nachgiebig, dass man bis weit über die Knöchel einsinkt.

Ist die erste «schmatzende» Schlickstrecke einmal überwunden, sticht unser Tourenführer mit seiner Gartengabel in den Sand und fördert Wattwürmer zutage. Wie Muscheln sind auch sie Filteranlagen. Sie fressen den Sand und filtern die organischen Stoffe heraus, die sie anschliessend verwerten. Übrig bleiben spaghettiartige Sandhäufchen. Ein einziger Wattwurm filtert pro Jahr 25 Kilogramm Sand. Auf einem Quadratmeter leben etwa 40 Wattwürmer, alle zusammen filtern den gesamten Sand des Watts bis auf eine Tiefe von 20 Zentimeter.

In der Seehundstation in Norden finden verwaiste Robbenjunge 
ein vorübergehendes Zuhause.
In der Seehundstation in Norden finden verwaiste Robbenjunge 
ein vorübergehendes Zuhause.

Zum Abschluss nimmt der Kutter Kurs auf die Sandbänke mit den Seehunden. Die Tiere recken ihre Köpfe und scheinen uns Fremde aus der Ferne zu begutachten. Respektvoll hält der Kutter Abstand, die Tiere sollen nicht gestört werden. Wir schauen zurück und freuen uns, dass auch die Jungtiere hier zufrieden leben. Wohlgenährt liegen sie, ohne zu heulen, bei ihren Eltern am Strand.

Ein Anblick, der auch Peter und Brigitta Zinsli immer wieder aufs Neue begeistert. Und mit ein Grund, weshalb sie von Ostfriesland nicht mehr wegwollen.

Diese Reportage wurde von der Deutschen Zentrale für Tourismus sowie von den Tourismusbüros Norden-Norddeich und Spiekeroog unterstützt.

Bilder: Inge Jucker

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