09. März 2018

Oprah Winfrey fühlt sich nicht zur Präsidentin berufen

Ihre Rede bei den Golden Globes machte Oprah Winfrey über Nacht zur Präsidentschaftskandidatin – jedenfalls im Internet. Die US-Entertainerin sieht ihre Zukunft jedoch nicht in der Politik. In ihrem neuen Film «A Wrinkle in Time» spielt sie eine Fee. Die Milliardärin über Macht, wahre Berufung und warum sie niemandem mehr etwas beweisen muss.

Oprah Winfrey
Beliebt, reich und ziemlich mächtig: US-Entertainerin Oprah Winfrey. (Bild: Getty Images)

Immer fürsorglich und verständnisvoll schaut sie in die Seele ihrer Mitbürger: Oprah Winfrey ist so etwas wie die Mutter der amerikanischen Nation. Während 25 Jahren konnten sich ihr sowohl Normalbürger wie Stars in ihrer Talkshow anvertrauen.

Als die 64-Jährige Anfang Januar bei den Golden Globes mit einem Preis für ihr Lebenswerk ausgezeichnet wurde, hielt sie eine fulminante Rede, die unter anderem Gleichstellung, Gerechtigkeit, Pressefreiheit und die #TimesUp-Bewegung abdeckte. Umgehend begannen online die Gerüchte, sie werde 2020 als Präsidentschaftskandidatin antreten. Doch Oprah, die wie Madonna von allen nur beim Vornamen genannt wird, hört nur auf den Marschbefehl ihrer inneren Stimme, die gemäss eigener Aussage von einer göttlichen Instanz geleitet wird. Jetzt trägt sie ihre «Lebe dein bestes Leben»-Philosophie auf ihrem eigenen TV-Sender und in diversen Entertainment- und Lifestylebeiträgen in die Welt – demnächst auch im Fantasyfilm «A Wrinkle in Time».

Oprah Winfrey, Sie wurden bei den Golden Globes für Ihr Lebenswerk ausgezeichnet und haben eine leidenschaftliche Rede gehalten, die Sie in den Augen vieler zur Präsidentschaftskandidatin gemacht hat ...

… und trotzdem werde ich nicht kandidieren.

Wieso nicht?

Ich fühle mich nicht qualifiziert.

Auch nach fast eineinhalb Jahren Donald Trump nicht?

Auch jetzt nicht, nein. Ich fühle mich nicht qualifiziert, die Verantwortung für die Welt zu übernehmen. Ich hätte auch die Energie nicht, die es dazu braucht. Es ist nicht meine Berufung.

Ihre Rede liess das Gegenteil vermuten. Wie ist sie zustande gekommen?

Ich habe mir lange überlegt, was ich sagen und wie ich den #TimesUp-Moment nutzen soll. Natürlich wollte ich denen danken, die mich über die Jahre unterstützt haben, aber auch Zuversicht verbreiten, dass bessere Tage kommen – besonders für Frauen. Man hatte mich noch bei der Probe gefragt, ob ich die Rede bitte kürzen könnte. In jedem normalen Jahr wäre das okay gewesen, aber diesmal gab es so viel zu sagen. Ich hatte mich bis dahin noch nicht zu #TimesUp geäussert. Und ich war zuvor auch nicht auf dem roten Teppich gewesen, also wollte ich zumindest auf der Bühne alles sagen, was ich der Welt zu sagen hatte.

Waren Sie ein bisschen nervös?

Schon ein wenig, es sind ja viele Leute in diesem Raum, die man all die Jahre bewundert hat. Aber ich fühlte mich gut danach. Wir erleben jetzt einen historischen Moment. Veränderungen sind nicht nur nah, sondern bereits da. Über die Jahre und nach Tausenden von Interviews habe ich gelernt: Wenn sich etwas wirklich Negatives zusammenbraut, entsteht daraus meist auch eine gegenteilige Reaktion. Als die Missbrauchsanschuldigungen gegen Harvey Weinstein einen Stein ins Rollen brachten, dachte ich schon bald, dass sich dadurch nun Türen öffnen, dass wir aufhören werden, weiterhin in der Opferrolle zu verharren.

Wie geht es also jetzt weiter?

#TimesUp hat eine Rechtshilfe ins Leben gerufen, um Täter zur Rechenschaft zu ziehen. Es war uns allen wichtig, dass dies eine Anlaufstelle für alle Frauen wird – nicht nur für Frauen in Hollywood, die ohnehin oft privilegierter sind. Denn es gibt keine Kultur, keine Rasse, keine Religion, keine Partei, kein Berufssegment, wo Missbrauch nicht vorkommt. Wir vereinen uns nun zu einer Stimme, auch für all diejenigen, die vor uns kamen und nie eine hatten.

Die USA sind derzeit bei vielen Themen ein sehr gespaltenes Land. Wie gehen Sie mit dem immer stärker polarisierten Klima um?

Ich habe aufgehört, mir die Nachrichten anzusehen – es wurde mir echt zu viel. Zuvor schaute ich sie auf dem Hometrainer, aber es machte mich krank, wie die sogenannten Experten einfach laberten und laberten, ohne eine Ahnung zu haben, wovon sie eigentlich sprachen. Ich habe jetzt eine News-App; bei der schaue ich morgens auf die fünf Dinge, die man wissen muss, um informiert zu sein, und wähle dann aus, was ich wirklich lesen will oder bei welchem Video ich den Ton anschalte. Sonst ist es einfach zu viel. Die Nachrichtensender machen einen nur depressiv.

Sie sind eine der mächtigsten Frauen in den USA, und dennoch fühlen Sie sich machtlos?

Letztlich gibt es nur eine Art von Macht, die wirklich zählt: die authentische Macht. Ohne sie gibt es keine reale Macht. Wenn die Persönlichkeit der Energie der Seele dient, dann ist das authentische Macht. So definiert es Gary Zukav in seinem Buch «The Seat of the Soul». Wenn man nicht das tut, wozu man hier auf Erden ist, spielt es keine Rolle, was man im Leben alles erreicht. Der Swimmingpool, die Autos, die Villa – das wird einem alles nichts bedeuten, wenn man nicht im Einklang mit sich ist. Ich habe viele Menschen interviewt, die angeblich alles haben, aber in Wirklichkeit todunglücklich sind, weil sie ihre wahre Power nicht gefunden haben.

Und Sie waren sich dieser authentischen Macht immer bewusst?

Ja, aber ich konnte es lange nicht richtig artikulieren. All die Jahre in meiner Oprah- Show wusste ich jeden Tag, dass ich genau da hingehörte. Es gab viele Talkshows, aber niemand machte sie so wie ich – weil nur ich dafür bestimmt war, sie genau so zu machen. Die Schauspielerei hingegen ist eigentlich ziemlich schwierig für mich.

Wieso das denn?

Ich weiss oft nicht, wie ich mich mit der Rolle in Einklang bringe, dafür brauche ich die Hilfe der Regisseure. Reese Witherspoon, mit der ich in «A Wrinkle in Time» spiele, kann sich nicht erinnern, wie viele Filme sie schon gedreht hat. Bei mir sind es gerade mal fünf. Wenn ich es richtig verstehe, muss man sich als Schauspielerin leer machen, damit die Energie der Rolle durch einen fliessen kann. Aber wie macht man das, damit es wahrhaft ist? Die wirklich guten Darsteller können das, es ist ihre authentische Macht. Ich hingegen bin dann ausserhalb meines Elements und entsprechend nie nervöser, als wenn ich vor einer Filmkamera stehe.

Spielen Sie deshalb nicht mehr Rollen?

Deshalb und weil ich im Fernsehen über lange Zeit 200 Shows pro Jahr ausstrahlte. Da blieb einfach keine Zeit. Die Show bestimmte mein Leben. Ich wollte zwar Schauspielerin werden, aber mein Vater Vernon wollte das nicht. Er sagte: «Keine meiner Töchter legt sich auf irgendeine Casting Couch!» Daran kann ich mich noch sehr gut erinnern. Wie also sollte mich diese «Ermunterung» zum Erfolg führen? Ich dachte, ich könnte vielleicht Schauspiel unterrichten. Also studierte ich Sprechkunde und Drama und kam dann schon während der Schule via Radio zum Fernsehen. Dieses hat dann meinen Weg bestimmt. Und heute kann ich wirklich interessante Rollen auswählen, wenn ich Lust habe – und das alles garantiert ohne Casting Couch!

Sie sind Vorbild für eine ganze Fernsehgeneration. Was denken Sie, haben Sie dem TV-Publikum letztlich hinterlassen?

Das Grösste, was man einem Menschen geben kann, ist, dass man ihn wirklich wahrnimmt. Wenn jemand spürt, dass er wirklich gesehen wird, ist das gewaltig. Egal, wen ich interviewte, ob einen Mann, der seine Zwillinge umgebracht hatte, ob George W. Bush oder Beyoncé – nach der Show fragten alle, wie es war, ob sie es gut gemacht hätten. Ob sie richtig gehört worden seien. Deshalb kann ich mit allen Leuten sprechen. Ich habe ein gewisses Mitgefühl und Verständnis für alle, denn tief im Herzen sind wir alle gleich. Wir wollen alle gehört werden.

Wer hat Sie zuerst gehört?

Meine Grossmutter. Ich habe meine ersten sechs Jahre bei ihr verbracht. Da formt sich die Persönlichkeit. Sie hatte einen grossen Einfluss auf mich, was das Lesen, den Auftritt vor Leuten und mein Selbstvertrauen betrifft. Sie ist quasi in der Kirche aufgewachsen, und das waren die Dinge, die sie kannte. Sie selber konnte zwar kaum lesen, denn sie besuchte die Schule nur bis zur 3. Klasse. Aber meine Grossmutter glaubte fest daran, dass dank ihrer Werte aus mir zumindest ein anständiges Dienstmädchen werden würde. Sie hätte sich das Leben, das ich heute führe, nicht im Traum vorstellen können.

Wie sieht dieses Leben aus?

Fantastisch! Ich führe im Grunde ein einfaches Leben – einfach auf grossem Fuss. Und ich habe nichts mehr zu beweisen. Wer mit über 60 noch immer etwas zu beweisen hat, hat wohl irgendwann mal die falsche Abzweigung genommen. Jetzt geht es darum, die Früchte dieser aufgebauten Karriere zu geniessen und sich darauf zu konzentrieren, wie man sich wirklich ausdrücken will. Mit 15 schrieb ich in mein Tagebuch, dass ich hoffe, einmal so viel Geld zu haben, dass ich mich mit schönen Dingen umgeben kann. Und so ist es nun.

Was haben Sie sich Schönes geleistet?

Ich habe einmal Parfümflaschen gesammelt, aber das wurden so viele, dass ich sie wieder verschenkte. Ich wusste nicht, was ich mit ihnen eigentlich machen wollte. Die einzige wirkliche Sammlung, die ich noch habe, sind alle Erstausgaben der Bücher, die mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurden. Zum Schönen gehört für mich auch die Natur. Deshalb ist es das Tollste für mich, wenn ich mit meinen fünf Hunden unterwegs sein kann. Ausserdem liebe ich es, im Wald spazieren zu gehen, Zeit mit Freunden zu verbringen und zu lesen, lesen und noch mehr zu lesen. Manchmal bin ich mit Freunden auf einer grossen Jacht. Das macht auch Spass, passiert aber eher selten.

Wer inspiriert Sie?

Im Moment ist Ava DuVernay meine Inspiration. Sie ist eine visionäre Regisseurin. Und natürlich nach wie vor die Schriftstellerin und Bürgerrechtlerin Maya Angelou. Sie sagte einmal zu mir: «Wenn dir die Leute zeigen, wer sie wirklich sind, glaub es schon beim ersten Mal.» Denn oft glaubt man es ja zuerst nicht. Dabei kommt diese Lektion immer wieder in neuer Gestalt. Wie verhalten sich die Leute, nicht nur mir gegenüber, sondern überhaupt? Wenn sie über andere tratschen, tratschen sie auch über mich. Sowohl in geschäftlichen wie privaten Beziehungen hat sich diese Lektion immer bewährt.

Sie haben mit Ava DuVernay den Jugendfilm «A Wrinkle in Time» gedreht. Was ist jetzt anders als vor vier Jahren, als sie für die Regisseurin «Selma» produzierten?

Wir hatten diesmal das Geld und die Produktionsmaschine von Disney hinter uns und mussten nicht die ganze Zeit überlegen, was wir uns leisten konnten und was nicht. Ava in dieser Position zu sehen, ist sehr inspirierend. Und ich bin stolz, mit dabei zu sein. Mir gefällt, wie integrierend der Film ist: Die drei Feen sind weiss, braun und schwarz, und die Hauptdarstellerin Storm Reid ist ethnisch gemischt. Als sie sich zum ersten Mal auf der Leinwand sah, ging etwas Besonderes in ihr ab, das habe ich gleich gemerkt. Millionen von Mädchen auf der ganzen Welt werden sich in ihr wiedererkennen. Das ermächtigt und ermutigt.

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