29. September 2017

Oktoberfeste im Trend

Einst gab es das Oktoberfest nur in München, heute überall – auch in der Schweiz: Jung und Alt tanzt zu Schunkelmusik, trägt Lederhosn und Dirndl und ruft «Ein Prosit der Gemütlichkeit!».

Geimeinsam anstossen und feiern auf dem Oktoberfest
Prost! Oktober ist, wenn sich Jung und Alt ins Dirndl und die Lederhosn quetscht.
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Wenn in München die letzte Mass Bier leer ist, geht bei uns die Oktoberfest-Saison erst richtig los. Lange gab es nur in den grössten Schweizer Städten ein Zelt, wie zum Beispiel auf dem Zürcher Bauschänzli. Heute findet in fast jedem Dorf ein Oktoberfest statt.


Und nicht nur ältere Semester schätzen die gemütliche Schunkel-Atmosphäre, zunehmend sind
auch junge Besucher in den Festzelten anzutreffen. Sie mögen vor allem die Inszenierung und die bunte Mischung, sagt Stéphanie Portmann, Inselwirtin beim Oktoberfest auf dem Bauschänzli. «Wo sonst treffen sich 25-Jährige und 40-Jährige am gleichen Ort im Ausgang?» Und weil die meisten Tracht tragen, fühle sich niemand ausgeschlossen: «Vom Büezer bis zum Banker sind alle hier, und alle sind sie gleich.»


Am Zürcher Oktoberfest tragen inzwischen etwa 80 Prozent Tracht, entsprechend ist auch das Angebot an Dirndl und Lederhosn gewachsen. Von günstigen Exemplaren bis zur Luxusvariante ist alles zu haben. Es gibt sogar Mietservices für Dirndl. Im Gegensatz zur Schweizer Trachtenmode verändern sich die Schnitte der Lederhosn und Dirndl jährlich und passen sich den Modetrends der Laufstege an.

Trotzdem gebe es einige wenige Frauen, die am Oktoberfest Schweizer Trachten trügen, sagt Stéphanie Portmann. Sie selbst empfiehlt den Besuchern, sich zu verkleiden, egal mit welcher Tracht: «Es macht grossen Spass, und eine Frau sieht im Dirndl immer super aus.»

Gehst du ans Oktoberfest?

Am Oktoberfest darf man seine Sorgen auch mal Sorgen sein lassen

Stéphanie Portmann
Stéphanie Portmann (32) ist Inselwirtin beim Oktoberfest auf dem «Bauschänzli» in Zürich und Geschäftsleiterin der Fred Tschanz Management AG.

Das Oktoberfest ist im Trend. Sehnen sich die Leute nach Tradition?

Eigentlich ist es ja eine deutsche Tradition. Aber das Zürcher Oktoberfest auf dem «Bauschänzli» gibt es nun auch schon seit 22 Jahren – da darf man guten Gewissens von Tradition sprechen. Ich glaube, die Menschen suchen vor allem ungezwungenen Spass und Entspannung, nichts Kompliziertes, und das bieten wir. Am Oktoberfest darf man seine Sorgen auch mal Sorgen sein lassen.

Indem man viel trinkt?

Ein gewisses Mass an Alkohol kann helfen, die Stimmung zu lockern. Gerade deswegen kommen viele Gäste. Unser Bier ist aber nicht ganz so stark wie das in München. Zudem haben unsere Gäste den Konsum gut im Griff.

Was, wenn doch jemand über die Stränge schlägt?

Dann greift unser Sicherheitspersonal ein. Trinkt jemand zu viel oder tanzt auf dem Tisch, wird die Person von unseren Sicherheitsleuten gewarnt. Mässigt sie sich nicht, begleiten wir sie nach draussen. Solche Zwischenfälle sind allerdings selten.

Wie ist es mit Diebstählen?

Wir hatten bisher keine Fälle zu verzeichnen. Da hilft neben dem Sicherheitspersonal auch unsere bewachte Garderobe.

Ich würde politisch rechtes Gedankengut nicht mit dem Oktoberfest verbinden – weder bei uns noch in München.

In den 1920ern war das Oktoberfest ein Nährboden für Nazis. Heute erleben wir erneut einen politischen Rechtsrutsch. Macht sich das auch am Oktoberfest bemerkbar?

Das ist bei uns kein Thema. Ich würde politisch rechtes Gedankengut nicht mit dem Oktoberfest verbinden – weder bei uns noch in München.

Ist es schwierig, Frauen zu finden, die den harten Servicejob machen? Manche tragen an die zehn Mass gleichzeitig.

Das ist alles Technik! Auch ich kann zehn Mass tragen. (lacht) Unsere Madln kommen alle aus München, wo sie jeweils am Oktoberfest arbeiten. Sie loben unsere angenehmen Gäste, was uns natürlich freut. Unser Oktoberfest ist auch dank der Madln dem Original aus München sehr nahe.

Wie wählen Sie Ihr Personal aus?

Zehn Mass müssen sie tragen können, zudem gern mit den Gästen in Kontakt sein. Sie müssen in dieser speziellen Atmosphäre arbeiten können.

Blond und viel Busen sind also nicht Voraussetzung?

Nein. Unsere Frauen sind sehr unterschiedlich. Einige sind 25, andere könnten mein Grosi sein.

Und wie läuft das genau mit der Masche an der Schürze der Madln?

Wenn sie schon vergeben sind, tragen sie die Schleife rechts – auf derselben Seite, wie in Deutschland der Ehering getragen wird. Sind sie single, tragen sie die Schleife links.

Führt das nicht dazu, dass die Singles dauernd von angeheiterten Männern angemacht werden?

Nicht, dass ich wüsste. Wenn man keinen Ehering trägt, wird man ja auch nicht ständig angebaggert. Und viele kennen das Spiel mit der Masche gar nicht. Aber wenn es doch mal vorkommt, eine Frau gar angetatscht wird, handeln wir, egal, ob die Frau bei uns arbeitet oder Gast ist. Da wird nicht diskutiert.

Was sonst sollte ein Oktoberfest-Neuling beachten? Muss er Lieder mitsingen können?

Das wäre sicher gut. Was immer funktioniert, ist Helene Fischer. Und die Klassiker wie «Griechischer Wein», «Ein Stern» und «Cowboy und Indianer» gehören seit jeher dazu. Aber auch moderne Lieder, wie «An Tagen wie diesen» von den Toten Hosen, sind beliebt. Und mag jemand kein Bier, sollte er den Besuch trotzdem nicht ausschlagen. Natürlich gibt es bei uns auch andere Getränke wie Wein, Champagner und Nichtalkoholisches. 

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