28. April 2014

«Zwangsstörungen sind heilbar»

Bei der Schweizerischen Gesellschaft für Zwangsstörungen (SGZ) finden Betroffene Hilfe. Präsident und Psychiater Michael Rufer über Marotten, krankhafte Gedanken, soziale Isolation und die Rolle der Angehörigen.

Michael Rufer ist Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Zwangsstörungen (SGZ).
Michael Rufer ist Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Zwangsstörungen (SGZ).

Michael Rufer, jedes Mal, wenn ich mein Auto parkiert habe, muss ich zurückgehen, um nachzusehen, ob ich es zugesperrt habe …

… und danach können Sie beruhigt ihren Aufgaben nachgehen? Sie leiden mit Sicherheit nicht unter einer Zwangsstörung.

Und wenn ich 5 oder 10 Mal zurückgehen würde, um nachzusehen?

Die Zahl der Wiederholungen ist nicht entscheidend. Es kann ja sein, es macht ihnen Freude, ihr neues Auto immer wieder anzuschauen. So gibt es beispielsweise Menschen, die sind sehr reinlich und putzen ihre Wohnung jeden Tag eine Stunde lang. Das kann von aussen betrachtet zwanghaft wirken. Wenn Ihnen das aber Freude bereitet, ist es kein Zeichen einer Zwangserkrankung.

Wann wäre mein Verhalten ein Zwangssymptom?

Dann, wenn es absurde Ausmasse annehmen würde und wenn Sie unter diesem Verhalten leiden und trotzdem nicht anders können, als immer wieder nachzusehen. Den Betroffenen ist bewusst, dass ihr Handeln unsinnig oder übertrieben ist. Sie sagen oft: «Ich konnte nicht anders, etwas hat mich dazu gedrängt.»

Was ist dieses «Etwas»?

Das sind in der Regel Gefühle und Befürchtungen. Menschen mit einem Waschzwang fühlen sich beispielsweise oft schmutzig oder eklig und befürchten in dem Moment, dass hierdurch etwas Schlimmes passieren könnte, beispielsweise dass die Bakterien im Schmutz sie krank machen könnten. Ist die Handlung - das wiederholte Waschen, Putzen der Wohnung, Waschen der Kleidung – ausgeführt, sind diese negativen Gefühle kurzzeitig wie weggeblasen. Aber der Drang kommt bald wieder. Viele Betroffene schämen sich für dieses Verhalten. Sie fühlen sich unsicher, und Unsicherheit ist ein guter Nährboden für Zwänge, denn zwanghaftes Verhalten ist oft eine Art Kontrollverhalten, und Kontrolle schafft vermeintliche Sicherheit.

Nun sind manche Zwänge leichter zu verheimlichen als andere.

Richtig. Deshalb sagt man auch, Zwangsstörungen sind eine heimliche Krankheit. Vieles spielt sich in den eigenen vier Wänden ab. Manche Zwänge sind aber schwer zu verheimlichen. Nehmen Sie den Tennisprofi Rafael Nadal. Wenn er auf den Centre Court kommt, tritt er nie auf Linien. Es muss kein Zwang sein, offensichtlich dient ihm dieses Verhalten zur Beruhigung.

Welche Ausmasse kann eine Zwangsstörung annehmen?

Manche Betroffene sind so sehr mit ihren Zwängen beschäftigt, dass ihnen kaum noch Zeit für etwas anderes bleibt. Bei einem Waschzwang errichten sie regelrechte Hygieneschleusen. Sie haben solche Angst, Schmutz und Bakterien in ihre Wohnung zu bringen, dass sie sich beim Heimkommen komplett ausziehen, die Kleidung waschen und den ganzen Körper immer wieder schrubben. Das ist so aufwendig, dass sie irgendwann lieber zu Hause bleiben, was nicht selten zu Jobverlust und sozialer Isolation führt. Das bedeutet dann mit der Zeit, dass die Zwänge ihren Tag füllen, zwar mit sinnlosen Handlungen, aber immerhin. Würde man ihnen ihre Zwänge von heute auf morgen nehmen, bliebe ihnen gar nichts mehr.

Wie ist das für die Angehörigen?

Hart. Zum einen ist es sehr belastend, seinen Partner, sein Kind unter einer solch schweren Krankheit leiden zu sehen, ohne helfen zu können. Zum anderen ist es schwer, sich von diesem Verhalten abzugrenzen. Angehörige versuchen oft, dem Betroffenen Dinge zu erleichtern, sich beispielsweise sofort umzuziehen, wenn sie nach Hause kommen. Damit haben sie kurzfristig den Hausfrieden gewahrt, langfristig verstärken sie allerdings den Zwang nur, da der Betroffene nicht lernt, mit seinen Gefühlen und Befürchtungen umzugehen. Daher ist es sinnvoll, auch Angehörige in die Therapie miteinzubeziehen.

Was ist das Ziel einer solchen Behandlung?

Etwa 30 Prozent aller Betroffenen können ganz geheilt werden. Mehrheitlich geht es aber darum, die Zwänge auf ein Mass zu reduzieren, das einen im Alltag wieder gut zurechtkommen lässt. Dabei ist die Konfrontation mit dem Zwang unvermeidlich. Zu lernen, dem Bedürfnis nicht nachzugeben, und zu erkennen, dass man mit dem daraus resultierenden Gefühlen umgehen kann. Sprich im Büro seine Arbeit erledigen zu können und dabei das Gefühl auszuhalten, nicht alles ein zweites, drittes, viertes Mal kontrolliert zu haben.

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