04. November 2019

... oder kann das weg?

Bänz Friedli (54) wäre beinahe ausgerutscht. Hier findest du auch die vom Autor gelesene Hörkolumne.

Bananenschale in Weserburg, Museum für moderne Kunst
Kunst? Das ist hier die Frage!

«Weserburg, Museum für moderne Kunst», es war mir beim Joggen aufgefallen, in Bremen. Und weil man hinterher die Frage, was man denn in der fremden Stadt gemacht habe, nicht einfach mit «Freunde besucht» beantworten mag, geht man noch rasch rein. Macht sich immer gut, ein bisschen Kultur. Zu sehen ist Konzeptkunst, die irritieren will – und der dies auch tadellos gelingt. Ein leerer Postkartenständer? Kunst. Eine Geschirrspülmaschine, aufgebahrt wie ein Leichnam? Kunst. Das Video einer Frau, die in der Endlosschlaufe Milch in ein Gefäss schüttet, und sie schüttet und schüttet, doch weder wird das Gefäss voll noch versiegt ihr Krug. Dazu gregorianische Gesänge. Man schaut und schaut und merkt den Trick nicht.

Okay, einzelne Werke erschliessen sich mir: Ein Mikrofonständer, an dessen oberem Ende statt des Miks eine Handgranate angebracht ist – der türkische Künstler spielt auf die Macht- und Ohnmachtverhältnisse in seinem Land an, klar. Aber die gänzlich unbemalte Leinwand, dunkelblau gerahmt? «Obwohl das Werk eng mit der minimalistischen Kunst verbunden ist, bewahrt es dennoch eine eigenwillig meditative Ausstrahlung in der Kombination seiner zwei unterschiedlichen Farbflächen, einer lauten, hellen und einer schmalen, dunklen», verkündet die Informationstafel geschwurbelt. Und bestimmt hat die Schöpferin lang darüber nachgedacht, weshalb sie der Bilderflut der Gegenwart das schiere Nichts entgegensetzt, doch als Laie sehe ich nur … eben, nichts.

«Ist das Kunst, oder kann das weg?», fragt man sich zusehends. Und wird an die «Fettecke» erinnert: Joseph Beuys hatte einst fünf Kilo Butter an eine Wand geschmiert. Später entfernte der Hausmeister der Kunstakademie Düsseldorf das ranzige Fett, das er für Dreck hielt. Schadenersatz: 42 000 DM. Auch in Bremen sieht es nach Verunreinigung aus, und man hat den Impuls, den damals die Beuys’sche Putzkraft hatte: putzen! Aber, nein, offenbar liess Künstlerin Kitty Kraus eigens Tinte auslaufen, damit am Boden eine Riesensauerei entstand.

Unmittelbar vor mir wurde eine Schulklasse durchs Museum geschleust, nun liegt im grössten Raum eine Bananenschale mitten auf dem Boden. Saugoofen! Liessen einfach ihren Dreck liegen. Ich bücke mich … «Hände weg!» Schon eilt eine Aufseherin herbei und klärt mich mit slowakischem Akzent auf, die Schale gehöre zur Ausstellung – Kunst! Und ich zolle den Machern Respekt: Sie treiben den Umstand, dass manch einer kopfschüttelnd durch ihre Räume geht, spielerisch auf die Spitze. Ich verlasse das Haus beschwingt mit dem Gefühl, eine Stunde lang «für nichts» aufgewendet zu haben. Eine heitere Stunde.

Die Hörkolumne (MP3)

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