24. Januar 2019

Oasen der Einsamkeit

Weit und breit kein Skizirkus, kein Halligalli, nicht einmal Spa-Programm: Wo finden sich die Herbergen der Ruhe? Vier Migros-Magazin-Autoren haben sich in entlegene Winkel der Schweiz begeben.

Das Hotel Mettmenalp
Das Hotel Mettmenalp liegt auf dem Freiberg Kärpf in Glarus, im ältesten europäischen Wildtierschutzgebiet. (Bild: zVg)
Lesezeit 8 Minuten

Monica Müllers Tipp aus dem Glarus: BERGHOTEL METTMEN
Lage: 1600 m ü. M.
Nächster Ort: Schwanden Anreise: per Auto oder Mettmen-Bus zur Talstation Kies Mettmen; weiter mit der Luftseilbahn zur Mettmenalp
Unterkunft: 10 Doppel-, 4 Vierer-, 2 Sechserzimmer, eine Suite
Preise: 131 bis 194 Franken p. P., inklusive Mettmen-Cüpli und 4-Gang-Geniessermenü
Besonderes: Plaketten mit den Namen der Sponsoren zieren Tische, Stühle und Zimmer.

Am Bahnhof Schwanden wartet bereits Ueli. Er fährt nur, wenn man ihn vorab über seine Handynummer anruft. Zu fünft besteigen wir seinen weissen Kleinbus, der sich mit Schneeketten die sechs Kilometer lange Bergstrasse zur Seilbahnstation hochschlängelt. Das Seilbähnchen ruckelt – los gehts: Wir schweben zur Mettmenalp. Die Tannen sind schneeverhangen, die Welt ist auf lautlos gestellt. Wir hinterlassen Spuren im weichen Schnee, als wir danach dem Fussweg zum Berghotel folgen.

An der Rezeption begrüsst uns Barbara. Hier ist man per Du – am nächsten Morgen wird sie fragen: «Hast du gut geschlafen?» Das ist ganz im Sinn von Sara und Romano Frei-Elmer, dem Gastgeberpaar. 13 Jahre lang haben sie die bekannte Leglerhütte geleitet, die erste SAC-Hütte mit Doppelzimmer. Ihre Verwöhnpension war der Hit. «Uns wurde bewusst, wie sehr man eine einfache Unterkunft mit Privatsphäre und gutem Essen schätzt.»

In der Lounge des Berghotels Mettmen
Gediegenes Ambiente: In der Lounge des Berghotels dominiert ein moderner Mix aus Sichtbeton und Arvenholz. (Bild: Pascal Landert)

Mit dem Berghotel Mettmen haben sie sich einen Traum erfüllt. Es verbindet den Charme einer Berghütte mit dem Komfort eines Hotels. Grosse Fenster, Sichtbeton und Arvenholz sorgen für modernes Flair und Gemütlichkeit. Auf dem Zimmer finden die Gäste einen Feldstecher anstelle des Fernsehers. Erbaut wurde das Berghotel auf den Grundmauern eines Gasthauses, das den Bauarbeitern der Garichti-Staumauer als Kantine gedient hatte. Heute wird mit regionalen Zutaten auf hohem Niveau gekocht. Das Gastgeberpaar möchte, dass «aller Gattig Lüüt» bei ihnen einkehren und sich wohlfühlen. Im Winter kommen Schneeschuh- und Skitourenläufer, Eisfischer und -taucher – und solche, die im entlegenen Idyll ausspannen und geniessen. Wie wir.

Weitere abgelegene Hotels in der Region: Berggasthaus Edelwyss Matt; Ortstockhaus Braunwald; Berghotel Bischofalp Elm; Berglialp Matt

Das Hotel Belalp thront hoch auf dem Aletschbord oberhalb des Aletschgletschers.
Imposante Kulisse: Das Hotel Belalp thront hoch auf dem Aletschbord oberhalb des Aletschgletschers. (Bild: zVg)

Lisa Stutz’ Tipp aus dem Wallis: HOTEL BELALP
Lage: 2137 m ü. M.
Nächster Ort: Blatten bei Naters
Anreise: ab Brig mit dem Bus nach Blatten bei Naters, von dort per Luftseilbahn auf die Belalp, halbstündiger Fussmarsch zum Hotel
Unterkunft: 26 Zimmer, 85 Betten; Ferienchalet
Preise: 100 bis 280 Franken pro Zimmer (Chalet: auf Anfrage)
Besonderes: In der Kapelle neben dem Hotel kann man heiraten.

Wie dumm: Die Sonnenbrille liegt noch im Koffer! Die Luftseilbahn hat uns vom nebligen Tal auf die leuchtende Belalp gebracht. Wir befinden uns auf dem Panoramaweg, der zum Hotel führt. Unser Gepäck haben wir bei der Bergstation deponiert; das Hotelpersonal wird es abholen. Denn das Gasthaus ist nur über einen halbstündigen Fussmarsch zu erreichen.

Rasch gewöhne ich mich an das Sonnenlicht, das sich bei uns im Flachland so lange nicht hat blicken lassen. Ich schliesse die Augen, spüre die rote Wärme auf den Lidern, die kalte Luft in der Lunge. Wir stapfen über den schneebedeckten Weg, vorbei an Holzchalets. «Bergfrieden» steht auf einem mit roten Fensterläden.

Marketa und Christian Meiers Begrüssung im Hotel ist herzlich. Sie führen das stilvolle Haus hoch über dem Aletschgletscher im dritten Jahr. «Unsere Perle», nennen sie es. Die beiden lieben das Leben auf über 2000 Metern und abseits vom Massentourismus. Ausserdem sei die Belalp der einzige Ort, von dem aus man Gletscher und Matterhorn sehe.

Panorama-Doppelzimmer Hotel Belalp
Das Panorama-Doppelzimmer bietet Südsicht auf Mischabelgruppe, Matterhorn und Rhonetal. (Bild: Florian Busch/fb-hotels.de)

Erbaut wurde das Hotel im Jahr 1856. Damals empfing es vor allem gut betuchte Gäste aus England. Um sich deren Bedürfnissen anzupassen, errichtete man neben dem Gebäude sogar einen Tennisplatz – eine Jury, bestehend aus Mitgliedern jedes Kontinents, hat ihn vor ein paar Jahren als den am schönsten gelegenen Tennisplatz der Welt ausgezeichnet.

Nutzen kann man ihn schon lange nicht mehr, aber es gibt hier oben auch sonst einiges zu erleben. Man kann zum Beispiel auf Skiern direkt auf die Piste düsen, mit Schneeschuhen neue Wege entdecken oder sich im Restaurant durch die Speisekarte schlemmen. Und das Schöne: Es schaut auch niemand doof, wenn man «nichts» tut, nur stundenlang auf der Sonnenterrasse liegt oder in der alten Gaststube ein ganzes Buch liest.

Am Abreisetag gönnen wir uns zum Zmittag ein feines Kräuterfondue. Wir rühren und essen und rühren und essen – und bleiben noch sitzen, als wir schon längst satt sind. Aber irgendwann müssen wir dann doch los. Schweren Herzens gehen wir den Panoramaweg diesmal in die andere Richtung. Und wieder passieren wir das Chalet «Bergfrieden» – ja, den haben wir hier gefunden.

Weitere abgelegene Hotels in der Region: Berghotel Chäserstatt Ernen-Mühlebach; Hotel Fafleralp Lötschental; Hotel Weisshorn St-Luc; Hotel Chetzeron Crans-Montana

Das «Grimsel Hospiz» liegt im Winter in einem verlassenen Winterwunderland.
Hoch über Grimselsee und Staumauer: Das «Grimsel Hospiz» liegt im Winter in einem verlassenen Winterwunderland. (Bild: David Birri)

Yvonne Samaritanis Tipp aus dem Berner Oberland: GRIMSEL HOSPIZ
Lage: knapp 2000 m ü. M.
Nächster Ort: Guttannen
Anreise: geführte Tour mit Ortsbus, Gondeln und Minibus der Kraftwerke; Dauer: ca. zwei Stunden; Kosten: 74 Franken
Unterkunft: 26 Doppelzimmer, 2 Einzelzimmer
Preise: 165 bis 235 Franken p. P. im Doppelzimmer
Besonderes: Schöne Selektion im Weinkeller

«Gööt Nacht» steht auf der Zellophanpackung. Darin befindet sich eine Meringue. Jungfräulich weiss, luftig porös. Wie ein weisses Wölklein liegt sie auf dem Nachttisch. Es ist nach 13 Uhr, der Magen knurrt. Darum fällt das Bettmümpfeli bei Bezug des Zimmers sofort ins Auge. Das Wölklein passt hierher. Hinter dicken Steinmauern werden die Gäste vom ersten Augenblick an in Watte gepackt: heisser Tee, warmer Holzboden, Feuer im Kamin; draussen fallen Schneeflocken, gross wie Meringues. Wir befinden uns auf einer atemberaubenden Höhe von fast 2000 Metern. Dem Winterwetter ausgesetzt, thront das «Grimsel Hospiz» am Ufer des Grimselsees und trotzt der Kälte.

Wer im Winter im «Grimsel Hospiz» nächtigt, sucht vor allem Ruhe. Hier gibt es keine ausladende Wellnessoase, sondern einen heissen Bottich und eine Sauna, nicht viel grösser als ein Weinfass. Hier gibt es kein Yoga und kein Pilates, dafür Gesellschaftsspiele und Lesestoff. Und hier gibt es auch keinen exzessiven Wintersport. Nur den kürzesten aller Wanderwege: mit Schneeschuhen einmal rund ums Hotel. Es gibt da oben schlicht nicht mehr zu tun.

Whirlpool beim Grimsel-Hospiz
Zur Ruhe kommen und die Stille geniessen im heissen Bottich ­ im Schnee – mehr gibt es hier nicht zu tun. (Bild: David Birri)

«Wir haben Gäste, die eine ganze Woche lang bleiben», sagt die Chefin, Ursula Monhart. Sie beobachtet aber auch, wie andere Gäste zuerst etwas nervös werden vor lauter Nichtstun. Das Einzige, was dem Tag hier eine Struktur verleiht, ist das Bauchgefühl: Brunch, Kaffee und Kuchen, Weinverkostung, Abendessen. In Sachen Kulinarik vergisst man als Gast hier schnell, dass man sich im abgelegensten Viersternehotel der Schweiz befindet.

Schon seit Jahrhunderten thront das «Hospiz» da oben am Grimselpass. 1142 als erstes Gästehaus in der Schweiz urkundlich erwähnt, glänzt es heute im Stil der 1930er-Jahre; vor wenigen Jahren wurde es renoviert. Die Ruhe, die das alte Gemäuer ausstrahlt, ist unbezahlbar. So zieht man sich nach dem Digestiv auch gerne zurück. Aus dem Zimmerfenster blicken wir ins Sternenmeer. Es ist, als hörte man den Schnee knistern. Vor dem Schlafen beissen wir in die Wölklein und staunen, wie viel Krach wir dabei machen. «Gööt Nacht.»

Weitere abgelegene Hotels in der Region: Chalet-Hotel Schwarzwaldalp Meiringen; Berghotel Schwarenbach Kandersteg

Malerisch gelegene Herberge im Sertigtal: das Hotel Walserhuus.
Malerisch gelegene Herberge im Sertigtal: das Hotel Walserhuus. (Bild: zVg)

Ralf Kaminskis Tipp aus Graubünden: WALSERHUUS SERTIGTAL
Lage: 1860 m ü. M.
Nächster Ort: Davos
Anreise: per Auto oder Postbus ab Davos-Platz; Dauer: 30 Minuten
Unterkunft: 3 Sechs-Betten-, 10 Doppelzimmer (inkl. Panoramasuite), 1 Ferienwohnung
Preise: 55 bis 270 Franken p. P., inkl. Frühstücksbüffet
Besonderes: drei Zimmer mit privatem Whirlpool, ab Februar Saunagondel im Garten, zwei Hausponys

Tinkerbell und Diva lieben den Schnee. Und die jüngeren Gäste des Hotels Walserhuus ganz hinten im Sertigtal lieben die zwei Shetlandponys des Gastgeber-Ehepaars Biäsch. Drei Mädchen tollen gerade mit den gutmütigen Tieren vor dem Haus herum, als sich eine Spaziergängerin mit Hund nähert, der schon aus der Ferne zu bellen beginnt. Tinkerbell und Diva bleiben ungerührt, und als der Hund schliesslich da ist und realisiert, dass die Ponys einiges grösser sind als er, versteckt er sich sicherheitshalber hinter seinem Frauchen.

Die Shetland-Ponys Tinkerbell und Diva
Die Shetland-Ponys Tinkerbell und Diva mögen den Schnee. Im Sommer stehen sie auch den vielen Hochzeitsgesellschaften zur Verfügung, die im Walserhuus übernachten. (Bild: Yusef Evans)

 
Zwar führen eine Strasse und sogar eine Buslinie bis zum Walserhuus, aber im Winter kann die Fahrbahn für schneeunerfahrene Fahrer eine Herausforderung sein: Im Januar 2018 war die Strasse gar drei Tage lang gesperrt – rund 50 Gäste sassen im Hotel fest.

«Das war eine ziemliche Herausforderung», erzählt Annalies Biäsch (50). Genügend Lebensmittel waren zwar im Haus, aber die verunsicherten Gäste mussten beruhigt und beschäftigt werden, und das mit viel zu wenig Personal. «In all den Jahren ist sowas jedoch erst zwei Mal vorgekommen.»

Romantikzimmer im Walserhuus
Rustikales Flair: Das Romantikzimmer bietet sogar ein Himmelbett. (Bild: Michael Hildbrand)

Annalies und Joos Biäsch (63) betreiben ihre von hohen Bergen umgebene Unterkunft am hinteren Ende des Sertigtals südlich von Davos schon seit 1992. 1999 rissen sie das damalige Kurhaus Sertig ab und errichteten mit dem «Walserhuus» ein modernes, gemütliches Hotel mit viel Holz. Joos Biäsch sorgt zudem mit seinem Team in der Küche für exzellente Speisen, die auch regelmässig Tagesgäste ins Restaurant locken. Im erst kürzlich eingerichteten Weinkeller kann man ausserdem Bündner Weine, Käse und Würste degustieren.

In der tief verschneiten, einsamen Landschaft ums Walserhuus kann man sich gut umsorgt wunderbar entspannen. Die Gegend lässt sich aber auch aktiv geniessen: Die Langlaufloipe beginnt direkt vor dem Haus, etwas weiter hinten im Tal kann man eisklettern oder schneeschuhwandern, auch die Skipisten sind per Bus oder Auto nicht weit entfernt. Und wer mehr Action braucht, ist in einer halben Stunde in Davos.

Weitere abgelegene Hotels in der Region: Berghaus Alpenrösli Klosters-Serneus; Hotel Bellevue Wiesen

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