21. Januar 2019

Nur Fliegen ist schöner

Bänz Friedli über gut gelaunte ÖV-Chauffeure. Hier kannst du dich mit ihm oder anderen Leser(inne)n austauschen und die vom Autor selbst gelesene Hörkolumne herunterladen.

Winterspass in Laax
Bänz Friedlis Blick durch die Scheibe

Wer arbeitet schon gern am Neujahrsmorgen in aller Früh, wenn alle anderen ihren Rausch ausschlafen? Ein paar Unentwegte wagen sich vielleicht bereits aufs Snowboard, um die Hänge am ersten Tag des Jahres für sich allein zu haben. Aber das ist ja schieres Freizeitglück. Wer also arbeitet gern an einem solchen Morgen? Er, offenbar: der Postautochauffeur in der Surselva. Ging bestimmt lange vor Mitternacht zu Bett wegen der Frühschicht anderntags. Durfte mit niemandem anstossen. Und konnte doch nicht einschlafen bei all dem Feuerwerkslärm. Dennoch ist er bester Laune, wünscht «as guats nois» und «bien niev onn» – die Freundlichkeit in Person.

Man muss sich das mal vorstellen: Wie oft wurde er in den letzten Monaten angepöbelt von Wildfremden, die ihre Wut über all die versteckten Subventionsmillionen an ihm ausliessen! Wie oft musste er sich anhören, was für eine Sauerei es sei, dass Postauto Schweiz Reparaturen fingiert und Pneus verbucht habe, die gar nie angeschafft wurden! Er, der von alledem nichts gewusst hatte, musste sich von frustrierten Fahrgästen beschimpfen lassen. «Ach, wissen Sie, die sollen nur zündeln», sagt er. Er schildere dann jeweils in den schönsten Farben, welch fetten Bonus er kassiert habe – bis die Leute merkten, nein, der kann nun wirklich nichts dafür. Er löst es mit Humor.

Es ist immer dasselbe, bei Banken, Transportunternehmen, im Verkauf: Die wahren Missetäter sitzen fernab der Kundschaft in ihren Büros und müssen sich nicht stellen – die Unschuldigen an der Front bekommen alles ab. Chapeau, wenn einer dabei so gelassen bleibt, so heiter.

Tage später auf derselben Linie, Laax–Chur. Schneetreiben, viele reisen frühzeitig ab, an jeder Haltestelle steigen mehr und noch mehr Leute zu, samt Koffern, Skiern, Rucksäcken. Ein Gedrücke und Gedränge, das Postauto ist längst übervoll, doch jedes Mal steigt der Fahrer aus, packt mit an, beschwichtigt verwirrte Japaner, scherzt mit einheimischen Kindern. Nur entsteht bei so viel Andrang Verspätung. Kein Problem: Der Chauffeur funkt nach Chur, man möge den Intercity Richtung Zürich, Basel zurückhalten, er fragt über Lautsprecher: «Muss jemand beim Strassenverkehrsamt raus? Nein? In dem Fall geb ich Vollgas. Ich kann nur sagen: anschnallen und festhalten!» Und wie er Gas gibt! Die Stimmung im Gefährt könnte nicht besser sein, und als der pressante Chauffeur nun noch ins Mikrofon ruft: «Nur Fliegen ist schöner!», johlen wir vor Freude. Alle erwischen ihren Zug. Bloss haben wir vergessen, uns beim Fahrer zu bedanken.

Die Hörkolumne (mp3)

Benutzer-Kommentare

Verwandte Artikel

Kolumnist Bänz Friedli

Heiss, aber cool

Haus

Die Steuerabzüge für das Privatvermögen

Bänz Friedli (Bild: Vera Hartmann)

Skolstrejk för Klimatet

Bänz Friedli (Vera Hartmann)

Fummeln mit Lizza