Leser-Beitrag
17. August 2017

Frühstück

«Nur eine Fliege»

Schlaf war kaum mehr zu finden. Erste Sonnenstrahlen fielen durch die Ritzen der Rollos. Ein feines Kitzeln am Fuß, lässig mit dem Anderen reiben, auf die Seite drehen, durchatmen, weiter dösen. Das nervige Surren ignorieren. Das Krabbeln auf der Hand mit einer ruckartigen Bewegung unterbinden, alle Glieder unter das Deckbett ziehen. Das Summen um den Kopf nervte, doch der Traum im Halbschlaf lief zu behaglich ab. Mit Kissen abdecken.

Das Kitzeln auf der Nase beendete die Nachtruhe. Hans warf die Decke mit einem hastigen Ruck um sich, mit der Hoffnung, das emsige Viech in seinem morgendlichen Belästigen zu unterbrechen. Er schlurfte in die Küche, drückte den Knopf der Kaffeemaschine. Das Brötchen vom Vortag noch frisch, Butter und Konfitüre. Als er sich mit der gefüllten Tasse umdrehte, um die bestrichene Brotscheibe zu genießen: «Nein!»

Die fette Fliege streckte ihre Fühler in die Marmelade, schien Gefallen an der Süßigkeit zu haben. Hans schnappte das Salatsieb, gefangen. «Hahaha.»

Vorsichtig schob er die Morgenzeitung darunter, öffnete den Abfalleimer, ließ eiligst, Köstlichkeit mit Insekt, darin verschwinden.
Vergnüglich strich er erneut eine Scheibe Brot, setzte sich in das Wohnzimmer an den großen Tisch. Die Schlagzeilen, traurig, im In- und Ausland. Doch der persönliche, morgendliche Erfolg vermochte die Stimmung nicht mehr zu trüben. Vorzüglich, der duftende Kaffee, das «Ssssssssssssssssssssssssss.»

Hans mit Brötchen in der Hand vor dem geöffneten Mund, seine Fliege flog ihm um den Kopf. Jetzt hatte er endgültig genug. Das Frühstück noch immer auf dem Tisch, rollte Hans das Morgenblatt, positionierte sich geräuschlos daneben. Bewaffnet, in Lauerstellung, wartete er ab. Da.

«Platsch.»

Geschwächt, torkelnd flog die Fliege eine Kurve um das vermantschte Konfibrötchen. Hans, Gelee an Zeitung, Händen und Gesicht, zitterte am ganzen Körper. Der nächste Schlag musste sitzen, geduldig versuchte er, ausgeglichen zu bleiben, suchte nur mit Augen und Ohren die Umgebung ab. Minutenlang, einer Statue gleich. Es blieb leise. Bestand die Chance, sie doch erwischt zu haben? Zwischen den Kirschen der Konfi hätte man sie kaum mehr ausmachen können.

Hans räumte den versauten Morgentisch auf, hängte klebrige Fliegenfänger an die Decke. Es verspürte Hunger, bei Vreni in der Kuchenbäckerei versprach er sich das verhaute Frühstück nachzuholen. Die Sonne heizte an diesem Tag frühzeitig auf. Der Himmel wolkenlos. Bei der Fahrt ins Dorf kurbelte Hans die Fensterscheibe auf, genoss den Fahrtwind, bog vorsichtig in die Hauptstraße ein. Das neue Gesetz, die Lichter am Tag eingeschaltet zu haben, nervte ihn. Die entgegenkommenden Autos blendeten, Streifen aus Schmutz und Insektenrückständen auf der Frontscheibe wurden sichtbar. Fliegen?!

«Nein!»

Hans trat unvermittelt auf die Bremse. Unverhohlen lachte sie ihn an, sass frech, außen auf der Scheibe, vor seinem Kopf. Noch bevor er die Scheibenwischer betätigen konnte, krachte und schüttelte es. Der Lastwagen, welcher hinten in den stehenden Wagen geknallt war, schob das Auto mit Hans, Mund und Augen ausgeprägt geöffnet, fragend, fraglos, irritiert, einige Meter nach vorne.

«Sie haben nicht etwa Geister gesehen?» Der Streifenpolizist streckte Hans ein Röhrchen entgegen, wedelte nervös um seinen Kopf. Eine, die Fliege, vollführte einen Freudentanz um dessen Kopfbedeckung. Neckisch entwischte sie den Schlägen der Winkerkelle.

«Bitte blasen. Also die Katze, die Sie gesehen haben wollen, alsooo, andere Zeugen konnten nichts derartiges bemerken.»

Eiligst erledigte Hans den Alkoholtest, Papierkram, Abschleppdienst. Nur schnell weg hier. Bei Vreni um die Ecke drehte er sich noch einmal um, guckte vorsichtig zurück auf die Unfallstelle. Ein zufriedenes Lächeln huschte über sein Gesicht, tief durchatmend, der Beamte immer noch mit Abwehrbewegungen beschäftigt, genoss er das zweite Frühstück.

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