16. Juli 2017

Nur 100 Gramm täglich

Die Foodexpertin stellt sich Fragen zu grassierenden Meldungen über bestimmte Rationen gesundheitsfördernder Nahrung.

die Gesundheit fördern
Wenn gesunde Ernährung ins Gewicht fällt ... (Bild: Pixabay.com)
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Jede kleine Studie, die auch nur ansatzweise ein längeres Leben, weniger Falten, schönere Haare oder makellose Füsse verspricht, wird zu einer Meldung in den Medien verwurstet.
Ganz besonders liebe ich Meldungen, in denen Sätze mit «Nur 100 g täglich» beginnen. Nur 100 g eines Lebensmittels, nehmen wir einmal Heidelbeeren, enthalten eine bestimmte Menge an tollen Inhaltsstoffen. Und mit genau diesen Inhaltsstoffen halten wir unseren Körper angeblich gesund, fit und schützen ihn vor den bösen Gefahren unserer Umwelt.

100 g Heidelbeeren, 100 g Sauerkraut, 100 g Fisch, 100 g Chiasamen – man macht uns glauben, wir müssten das alles nur täglich zu uns nehmen, und alles wäre in Butter. Hast du schon einmal überlegt, wie viel wir dann täglich zu uns nehmen müssten? Wie ein Wiederkäuer wären wir den halben Tag mit der Nahrungsaufnahme beschäftigt und frönten dann den Rest des Tages der Verdauung.

Da wir ja aber nicht nur kalorienarmes Gras zu uns nehmen, summieren sich 100 g von den vielen Lebensmitteln über die Monate und Jahre zu stattlichen Fettpolstern. Das ist auf Dauer sicher auch nicht gesund. Was mich aber noch viel mehr an all diesen Meldungen ärgert: Kaum jemand vermag zu sagen, wie die unterschiedlichen Stoffe im Körper aufgenommen und eingesetzt werden. Und wie sie mit anderen Stoffen interagieren.

Echte, lange Ernährungsstudien unter Aufsicht und standardisierten Bedingungen wären höchst unmoralisch. Aber schön wäre die Vorstellungen schon: Ich esse nur 100 g Heidelbeeren – das ist im Übrigen eine grosse Hand voll – und schwups würden die Falten weniger, ein Krebsrisiko wäre praktisch inexistent.
Bei einigen Medien geht sogar ein «verringert das Sterberisiko» durch alle Korrekturinstanzen. Grossartig. «Unsterblich durch gesunde Ernährung» – mit dem Titel würde ein Kochbuch zum absoluten Bestseller.

Fehlt nur noch der Beweis, dass das auch funktioniert. Und bis es so weit ist, essen wir einfach ganz normal. Die Urgrossmutter meines Freundes wurde übrigens 103 Jahre alt, lebte an der Nordseeküste und hat tagein, tagaus nur Fisch und Kartoffeln gegessen. Aber von beidem mehr als 100 g täglich.

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