20. Februar 2012

Not macht erfinderisch

In der Schweiz ist günstiger Wohnraum rar. Die Studenten mit ihrem knappen Budget sind davon besonders betroffen. Deshalb entstehen immer mehr aussergewöhnliche Wohnformen. Eine kleine Forschungsreise durch die Studentenbuden der Schweiz.

Luca Arbach in seiner Jurte.
In der Jurte: Luca Arbach (28), Student Umweltingenieurwesen, Zürich. Monatsmiete: symbolischer Betrag.

In der Jurte

Luca Arbach (28), Student Umweltingenieurwesen, Zürich. Monatsmiete: symbolischer Betrag.

In Luca Arbachs Jurte.
In Luca Arbachs Jurte.

Meine Jurte steht am Waldrand, ein Bauer lässt mich auf seinem Grundstück wohnen. Es ist sehr ruhig hier, man hört nur das Tropfen des Regens und das Rascheln der Tiere in der Nacht. Manchmal grasen junge Rehe nur wenige Meter von meiner Jurte entfernt. Welch ein Anblick!In meinem Studium wird viel über Ressourcenknappheit diskutiert. Doch ich hatte genug vom Reden: Ich wollte am eigenen Leib erfahren, wie es ist, im Einklang mit der Natur zu leben. Also beschloss ich, die Jurte, die ich mit einem Kollegen aus einheimischen Materialien gebaut hatte, hier aufzustellen. Ich habe weder Strom noch fliessend Wasser. Auf die Toilette gehe ich im Bauernhaus, den Handy- oder Laptop-Akku lade ich in der Fachhochschule auf, im Hallenbad dusche ich. Wenn ich abends eine DVD gucke, reicht der Akku meines Laptops genau für einen Film. Zur Schule fahre ich mit dem Fahrrad oder manchmal mit dem Auto – ganz makellos bin ich also auch nicht. Ich möchte mindestens ein Jahr in der Jurte bleiben, damit ich jede Jahreszeit einmal erleben kann. Ich bin sehr glücklich, dass ich all das erfahren darf.

Bei der Seniorin

Andrea Hofer (21), Wirtschaftsstudentin, Hombrechtikon ZH. Monatsmiete: 50 Franken und 15 Stunden Hausarbeit.

Andrea Hofer (links) und Verena Helbling.
Andrea Hofer (links) und Verena Helbling.

Meine WG-Mitbewohnerin ist 72 Jahre alt und heisst Verena Helbling. In Zürich fand ich keine bezahlbare Wohnung. Deshalb meldete ich mich für das Projekt ‹Wohnen für Hilfe› an und erhielt prompt einen Platz. Jetzt wohne ich im ehemaligen Kinderzimmer ihres Sohns, auf 15 Quadratmetern. Am Wochenende bin ich meistens bei meinen Eltern. Ich bezahle keine Miete, nur einen Pauschalbetrag für die Nebenkosten wie Internet und Heizung. Dafür helfe ich Frau Helbling im Haushalt so viele Stunden pro Monat, wie mein Zimmer Quadratmeter misst – das ist die Abmachung. Meistens übernehme ich das Staubsaugen, putze das Badezimmer oder helfe im Garten. Hier zu wohnen ist sehr angenehm. Anders als vielleicht in einer Studenten-WG habe ich meine Ruhe und kann ungestört lernen, denn Frau Helbling ist zum Glück keine, die unter der Woche laute Partys feiert.

Kontakt: Pro Senectute Kanton Zürich, «Wohnen für Hilfe», Telefon 058 451 50 00.

In der Jugi

Kyle Hartmann (23), Umweltwissenschaftsstudent, Zürich. Monatsmiete: 1140 Franken inkl. Bettwäsche und Frühstück.

Jugendherberge in der Zürcher Langstrasse.
Jugendherberge in der Zürcher Langstrasse.

Ich hätte nicht gedacht, dass es so schwer sein würde, in Zürich ein Zimmer zu finden. Ursprünglich komme ich aus Cleveland, Tennesse. Seit einem Monat wohne ich nun an der Zürcher Langstrasse in der Jugendherberge. Ich habe Glück, dass ich mich mit dem Besitzer gut verstehe. Denn normalerweise dürfen die Gäste nicht so lange bleiben. Im Zimmer stehen 14 Betten, meinen Computer und die anderen Wertsachen bewahre ich in einem Schliessfach auf. Hier gibt es keine Küche, ich esse also meistens Wurst, Käse und Brot, oder ich lasse mir unten in der hauseigenen Bar eine Pizza warm machen. Wirklich gesund ist das nicht. Ich freue mich auf den Tag, an dem ich endlich in meinen eigenen vier Wänden wohnen kann und sich das Warmwasser nicht nach drei Minuten automatisch abstellt. Ich hasse dieses Turboduschen. Doch es hat auch sein Schönes, hier zu wohnen: Ich lerne Menschen aus der ganzen Welt kennen, in der Bar gibt es regelmässig Konzerte, und das Beste: Jeden Abend gibts ein Gratisbier.

Auf dem Bauernhof

Susanne Roser (26), Chemiestudentin, Wädenswil ZH. Monatsmiete: 650 Franken möbliert.

Zu viel Beton und zu viele Menschen machen mich nervös. Ich bin kein Stadtmensch: Aufgewachsen bin ich auf einem Bauernhof in Deutschland. Deshalb habe ich auch gezielt nach einem Zimmer auf einem Bauernhof gesucht und sogleich eins gefunden. Ich wohne im Erdgeschoss des Wohnhauses, in einem 18 Quadratmeter kleinen Studio mit Badezimmer und Küche. Da ich immer bis 22 Uhr in der Schule bin und lerne, stört es mich nicht, dass ich so wenig Platz habe. Zu der Bauernfamilie habe ich einen guten Kontakt. Der Bauer und ich spielen sogar im gleichen Fussballclub, und er holt mich gelegentlich mit dem Auto vom Training ab. Manchmal gehe ich in den Stall, setze mich für ein paar Minuten hin und schaue den Kühen zu. Es hilft gegen das Heimweh, das mich manchmal überkommt.

Im Hotel

Nancy Bruno (21), Psychologiestudentin; Manuel Gantner (29), Informatikstudent; Alexandra Fülscher (22), Musikstudentin; Marc Bosshard (21), Publizistikstudent; Daniel Feldmann (25), Wirtschaftsstudent, Zürich. Monatsmiete: 400 Franken pro Zimmer.

Das ehemalige Vier-Sterne-Hotel Atlantis
Das ehemalige Vier-Sterne-Hotel Atlantis.

Früher stiegen hier Rockstars wie die Rolling Stones ab, heute beherbergt das ehemalige Vier-Sterne-Hotel in seinen 150 Zimmern Studenten, die eine günstige Unterkunft suchen. Als wir noch nicht lange hier wohnten, veranstalteten wir einen Kinoabend für alle Bewohner. Wir schauten ‹The Shining› mit Jack Nicholson, in dem er in einem riesigen Hotel wohnt und langsam durchdreht. So unheimlich wie das Hotel im Film ist das ‹Atlantis› aber nicht. Wir treffen uns in den Zimmern oder auf dem Flur, essen oder lernen zusammen. Ähnlich wie in einem Studentenwohnheim, trotzdem hat man das Gefühl in einem Hotel zu wohnen: Anstatt Zimmerschlüssel haben wir Karten. Ausserdem gibt es eine Reception, die rund um die Uhr besetzt ist. Hier können wir die Post abholen oder melden, wenn irgendwo eine Glühbirne nicht mehr funktioniert. Die Zimmer sind grosszügig, wer Glück hatte, bekam eins mit Aussicht auf die Stadt zugeteilt. Alle zahlen gleich viel Miete, die Möbel musste jeder selbst mitbringen. Wir haben beim Vermieter beantragt, dass er einen Gemeinschaftsraum zur Verfügung stellt. Wenn er zustimmt, gibt es endlich einen Ort im Haus, wo wir uns alle treffen können – ein Wohnzimmer für die grösste WG der Schweiz sozusagen.

In der Villa

Andreas Studer (23), Psychologiestudent, und Isabel Wiser (24), Publizistikstudentin, Küsnacht ZH. Monatsmiete: je 500 Franken

Villa mit Seesicht und elf Personen.
Villa mit Seesicht und elf Personen.

Als Studentenpärchen ist es schwer, ein WG-Zimmer zu finden, und eine eigene Wohnung ist zu teuer. Also beschlossen wir nach monatelanger Suche, eine 11-Zimmer-Villa mit Seesicht zu mieten. Sie ist nicht gerade modern, da und dort blättert die Tapete von den Wänden. Aber es gefällt uns. An den vielen Platz mussten wir uns allerdings zuerst gewöhnen. Wir teilen uns zu zweit ein grosses Zimmer. Es dauerte zwei Monate, bis wir für unsere WG-Villa komplett waren: drei Pärchen und fünf Einzelpersonen. Die WG-Sprache ist Englisch, denn wir haben Mitbewohner aus Schweden, Kanada, Deutschland und dem Wallis. Dass man seine Sprachkenntnisse so verbessert, ist ein praktischer Nebeneffekt. Unsere Nachbarn bekommen wir nicht oft zu Gesicht, ausser wenn wir von ihnen den Rasenmäher ausleihen müssen. Bis jetzt hat sich noch niemand beschwert, trotz der lauten Partys und Grillabende im Garten.

Im besetzten Haus

José Gsell (23), Student Literarisches Schreiben, Biel BE. Monatsmiete: 120 Franken inkl. Wasser, Strom und Essen.

José Gsell wohnt in einem besetzten Haus in Biel.
José Gsell wohnt in einem besetzten Haus in Biel.

Als ich hier einzog, hatte es weder Strom noch fliessend Wasser, das Haus hätte eigentlich schon vor Jahren abgebrochen werden sollen. Zuerst waren wir hier illegal, unterdessen bezahlen wir dem Besitzer Miete. Wie lange wir bleiben können, steht aber in den Sternen. In kleinen Schritten haben wir die nötigen Reparaturen vorgenommen, das Haus nach unserem Geschmack eingerichtet. Es gibt keine Regeln, keinen Ämtliplan, jeder macht, worauf er gerade Lust hat – und irgendwie funktioniert es. Mir gefällt das. Ich brauche diesen Freiraum, so kann viel Kreatives entstehen. Meine Mitbewohner sind zehn Menschen aller Altersgruppen, aus allen sozialen Schichten. Und unsere Tür steht für Besucher immer offen.

Im Zirkuswagen

Donath Weyeneth (24), Jazzstudent, Arlesheim BL. Monatsmiete: 35 Franken für den Stellplatz.

Donath Weyeneths Zirkuswagen.
Donath Weyeneths Zirkuswagen.

Schon als kleiner Junge war ich fasziniert vom Zirkusleben. Heute bin ich Mitglied einer Artistentruppe namens Fahraway, bei der ich für die Musik zuständig bin: Gitarre, Kontrabass, Handorgel. Und ich singe. Seit drei Jahren wohne ich in Zirkuswagen. Vorübergehend in dem eines Freundes, denn ich bin gerade daran, einen eigenen Zirkuswagen komplett neu aufzubauen – das wird ein Schmuckstück. Ich freue mich sehr auf den Tag, an dem ich einziehen kann. Sich seinen eigenen Zirkuswagen zu bauen ist nicht ganz billig, dafür bezahle ich fast keine Miete. Das Leben im Zirkuswagen ist sehr komfortabel. Ich habe hier alles, was ich zum Leben brauche. Internet, Mini-Kochherd, Holzofen, ein grosses Bett, sogar ein Esstisch hat Platz. Zum Duschen muss ich zum WC-Wagen hinüberlaufen. Der ist auch im Winter geheizt, damit das Wasser nicht gefriert. Sollte ich mal eine Familie haben, kann ich mir gut vorstellen, wieder in einem Haus ohne Räder zu wohnen.

Bilder: Victoria Loesch

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