23. Dezember 2019

Noch mindestens zwei Jahre Negativzinsen

Auch das Jahr 2020 wird von tiefen Zinsen geprägt sein. Christoph Sax, Chefökonom der Migros Bank, erklärt, was das für Kleinsparer, Eigenheimbesitzer, die Börse und die Wirtschaft bedeutet.

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Zinsen

Zinsen

Als Folge der Negativzinspolitik erhalten Sparer auf ihr Geld kaum Zinsen. Wie lange wird diese Phase noch andauern?
Daran wird sich so rasch nichts ändern. Die Negativzinsen wird es noch mindestens zwei Jahre geben. Sogar eine weitere Senkung ist möglich – wenn die Europäische Zentralbank die Zinsen nochmals reduziert. Gibt es eine Anpassung, muss die Schweizerische Nationalbank (SNB) womöglich nachziehen.

Kleinsparer werden also weiterhin büssen?
Sie haben bisher kaum gelitten. Ihre Kaufkraft ist zwischen 2011 und 2017 sogar deutlich gestiegen: Die Preise sind gesunken, während die Zinsen im Plus lagen. Mit den anhaltend tiefen Zinsen und der wieder aufgekommenen Teuerung hat sich die Situation 2017 jedoch geändert. Seit zwei Jahren sinkt die Kaufkraft des Ersparten. Dieser Trend wird vorerst andauern.

Wie kann man dem entrinnen?
Als Alternative zum Sparkonto bieten sich Strategiefonds an, die breit diversifiziert sind. Es kommt aber immer darauf an, wie man selber mit Risiken umgehen kann. Wer nicht schlafen kann, wenn die Kurse an der Börse sinken, sollte lieber beim Sparkonto bleiben.

Oder etwas für die Altersvorsorge tun?
Eine Säule 3a sollten sowieso alle aufbauen, weil sich die Gelder von den Steuern abziehen lassen und man diese Art der Vorsorge nicht nachholen kann. Auch ein Einkauf in die Pensionskasse ist steuerlich attraktiv. Er empfiehlt sich aber nur, wenn die Pensionskasse gut aufgestellt ist und beispielsweise keine Sanierung ansteht.

Die Pensionskassen leiden ebenfalls unter den tiefen Zinsen, denn sie verschlechtern ihre Rendite. Welche Auswirkungen hat das auf die Renten?
Mit Immobilien oder Aktien ­haben Pensionskassen bislang gute Renditen erwirtschaftet. Das ist nicht das Hauptproblem. Die Erträge kommen aber immer stärker nur den Rentenbezügern zugute, weil die Lebenserwartung steigt. Die Rentendauer liegt heute 3,5 Jahre höher als noch vor 30 Jahren. Dies lässt sich mit dem Alterskapital nicht mehr finanzieren. Die Rentenversprechen sind zu hoch. Das kann auf Dauer nicht gut gehen.

Eine Erhöhung des Rentenalters ist politisch aber kaum durchsetzbar.
Warum wagen wir nicht einen Blick über den Tellerrand: In Skandinavien ist das Rentenalter flexibel. Jeder kann innerhalb eines Zeitrahmens wählen, wie lange er arbeiten will. Je länger jemand arbeitet, desto höher ist die Rente. In einigen Ländern ist das Rentenalter zudem an die Lebenserwartung gekoppelt. Klar müssten die Anreize im Arbeitsmarkt so gesetzt werden, dass die Arbeitgeber stärker auf ältere Mitarbeitende setzen

Wirtschaftsentwicklung

Wirtschaftsentwicklung

Wie schädlich sind die Negativzinsen für die Gesamtwirtschaft?
Sie begünstigen zum einen die Blasenbildung, etwa bei den Immobilien. Andererseits kann die Tiefzinspolitik langfristig zur schleichenden Subventionierung der Wirtschaft führen. Die Unternehmen können sich dermassen günstig refinanzieren, dass sie weniger Anreiz haben, produktiver zu werden. Firmen, die in einem normalen Wettbewerb keine Chancen hätten, existieren weiterhin. So wird der Strukturwandel gehemmt, es entstehen Überkapazitäten weltweit.

Die Konjunkturprognosen verheissen nichts Gutes. Wird es Entlassungen geben?
Die Lage ist vor allem in der Industrie unsicherer geworden. Der Konsum der privaten Haushalte ist hingegen stabil. Auch im Dienstleistungssektor ist die Stimmung besser. Eine Stagnation ist möglich, das würde aber nur beschränkt auf den Arbeitsmarkt durchschlagen.

Eine Rezession bleibt also aus?
Der Handelsstreit zwischen den USA und China wird das Zünglein an der Waage sein. Wegen der Zölle und der Planungsunsicherheit ist die Geschäftslage der Industrie getrübt – auch in den USA. Im November 2020 steht die US-Präsidentschaftswahl an. Wir gehen deshalb davon aus, dass Donald Trump im Handelskonflikt etwas kompromissbereiter wird und eine Rezession somit vermieden werden kann.

Hat die Schweizerische Nationalbank (SNB) noch Spielraum, die Wirtschaft zu stützen?
Die SNB hat im Herbst den Freibetrag für die Banken – also den Betrag, auf den keine Negativzinsen erhoben werden – erhöht. Das mildert die Folgen für Banken etwas. Die SNB hat sich damit etwas Spielraum verschafft. Würde der Franken in einer Krise wieder zum sicheren Hafen und entsprechend teurer, kann die Nationalbank den Leitzins weiter senken oder den Franken gezielt schwächen, indem sie Devisen, sprich Euro oder Dollar, kauft. Grundsätzlich könnte sie auch Anleihen des Bunds oder von Schweizer Unternehmen kaufen.

Wird es je wieder Hochzinsphasen wie in den 80er-Jahren geben?
Das ist unwahrscheinlich. Klammert man die Geldpolitik der Nationalbanken aus, sehen wir, dass das natürliche Zinsniveau in den vergangenen 20 Jahren um zwei bis drei Prozentpunkte gesunken ist.

Wie kommt das?
Kapital ist kein knappes Gut mehr: Das hat mit der älter werdenden Gesellschaft zu tun. Ältere Leute sparen mehr, die Staaten investieren weniger. Zudem benötigt eine dienstleistungsorientierte Wirtschaft weniger Kapital als eine industrielastige. Und die Teuerung ist tiefer – unter anderem aufgrund der Globalisierung und der damit einhergehenden Arbeitsteilung zwischen den Ländern.

Immobilien

Immobilien

Wohneigentümer müssen sich also keine Sorgen ­machen, dass die ­Immobilienblase platzt, die Preise fallen und sie ihre Zinslast nicht mehr tragen können?
Einfamilienhäuser und Eigentumswohnungen in Zentren haben hohe Wertsteigerungen erfahren. Aber wir erwarten am Immobilienmarkt eine weiche Landung. Dies auch, weil bei einem möglichen Zinsanstieg die Zinsen nur in kleinen Schritten von je einem Viertelprozent steigen werden. Die Zinswende wird, wenn sie dereinst erfolgt, sehr zögerlich ausfallen.

Wie profitieren Mieter von den Negativzinsen?
Die Anfangsmieten neuer Wohnungen sinken jetzt schon. Auch der Referenzzinssatz für Mieten wird nochmals zurückgehen. Wir rechnen mit einem Viertelprozentpunkt. Das entspricht einer Reduktion von knapp drei Prozent für bestehende Mietverträge. Diese können die Mieter bei den Vermietern einfordern. Damit wird der Boden aber erreicht sein.

Börse: nachhaltig anlegen

Börse

Eine weitere Folge der Tiefzinspolitik ist die Hausse an den Börsen, ein Rekord jagt den nächsten. Wie lange kann das noch gut gehen?
Begünstigt durch die Tiefzinspolitik und den wirtschaftlichen Aufschwung haben viele Firmen ihre Gewinne in den vergangenen Jahren steigern können. Die hohen Aktienkurse sind daher nicht nur heisse Luft, es gibt auch handfeste Gründe für die hohen Bewertungen der Unternehmen an der Börse. Rückschläge sind aber immer denkbar, beispielsweise wegen des Handelsstreits zwischen China und den USA oder infolge politischer Ereignisse. Ein Kursrückgang von 10 bis 15 Prozent ist denkbar.

Hat der Wahlerfolg der Grünen einen Einfluss darauf, wie die Schweizer Geld anlegen - werden die Anlagen nun ökologischer?
Das Thema Nachhaltigkeit gewinnt seit Jahren an Bedeutung in der Geldanlage. Dabei geht es nicht nur um den ökologischen Aspekt, sondern auch um den sozialen und den der guten Unternehmensführung. Vor allem institutionelle Anleger wie die Pensionskassen haben begonnen, stärker Gewicht darauf zu legen. Nachhaltigkeit ist allerdings ein dehnbarer Begriff; es ist sehr wichtig, klare und transparente Standards zu haben. Die Migros Bank bietet deshalb eine breite Palette von nachhaltigen Strategiefonds an und ist dabei, das Angebot zu erweitern. 

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