18. März 2013

Nie wieder kalte Füsse!

Roland Brünigers Erfindung wird das Leben jedes Gfrörlis verändern: die Einlegesohle, die sich beim Gehen von selbst erwärmt.

Roland Brüniger, Wafe («warm feeling») Technology GmbH.
Vor einem Jahr gründete Roland Brüniger die Wafe («warm feeling») Technology GmbH.

Frisch bläst der Wind durchs winterliche Ottenbach ZH. An sich kein Wetter für die leichten Lederslippers an Roland Brünigers Füssen. Doch der Erfinder bewegt sich auf seinen eigenen Sohlen: Chili-Feet erhöhen die Temperatur im Schuh «um sechs bis acht Grad», erklärt er. Gut gelaunt zeigt der gebürtige Bündner auf die mannshoch in einem Nebenraum gestapelten Sohlen. Eine Weltneuheit! Geschafft — «mit eigenem Geld, wohlgemerkt!» — im Eilschritt! Erst vor einem Jahr gründete Brüniger die Wafe («warm feeling») Technology GmbH, mit dem Ziel, seine Idee von A bis Z marktreif zu machen.

Jetzt flattern täglich bis zu 60 Bestellungen online ins Haus. Viele von Menschen, bei denen winters kalte Füsse quasi im Gehalt inbegriffen sind: Polizisten und Förster, Landschaftsgärtner oder Bauarbeiter. Es läuft. Und er war der Schrittmacher. Einziger Antrieb: sein typischer Schweizer Erfindergeist.

Roland Brüninger fürchtet dank seiner Erfindung keine kalten Füsse
Roland Brüninger fürchtet dank seiner Erfindung keine kalten Füsse mehr.

Gründlich ist der Schweizer, hartnäckig und penibel. Genau die Eigenschaften, die ihn zum Erfinder prädestinieren. Mit seinen heissen Sohlen reiht sich Brüniger ein in ein Spalier von hellen Köpfen, die im Lande Einsteins mit cleveren Innovationen — von der Alufolie bis zu Klettverschluss und Maggi-Würfel — das Leben der Allgemeinheit erleichtert haben. «Ein Ingenieur will etwas schaffen, damit andere profitieren», sagt Brüniger. Bei ihm liegt die Liebe zum Beruf schon in den Genen; sein Vater ist Ingenieur und auch der Bruder.

In seiner Diplomarbeit im Fach Elektrotechnik an der Zürcher ETH analysierte Brüniger, wie bei der Gornergrat Bahn die elektrische Bremse funktioniert. Nach dem Studium ging er in die Industrie, wurde später unter anderem Berater im Bereich Info-Technik. Heute ist der 54-jährige als Inhaber und Gründer eines 14-köpfigen Ingenieurbüros verantwortlich für die Konzeption elektrotechnischer Anlagen von Strassen und Tunnels. Den Draht zur Forschung pflegt er über ein Mandat als Programmleiter beim Bundesamt für Energie.

Das Modell Chili-Feet lässt sich auf jeden Fuss zuschneiden. Die wärmenden Sohlen sind eine weitere geniale Schweizer Erfindung. Wie die Alufolie oder der Klettverschluss.
Das Modell Chili-Feet lässt sich auf jeden Fuss zuschneiden. Die wärmenden Sohlen sind eine weitere geniale Schweizer Erfindung. Wie die Alufolie oder der Klettverschluss.

Das Thema kalte Füsse liess ihm über Jahre keine Ruhe. Das sei doch ein Volksleiden, das jeden nerve — «mich beim Skifahren, meine Frau beim Laufen im Schnee, den Hündeler …» Brünigers Lösungsansatz fusste auf den Gesetzen der Physik: Ein Mensch, so seine These, übt beim Gehen Druck auf die Füsse aus.

Und dieser Druck müsste sich doch über eine Sohle in Wärmeenergie umwandeln lassen! Allerdings bräuchte man ein Sohlenmaterial, das sich beim Auftreten des Fusses zusammenpresst und beim Abrollen rasch entspannt. Brüniger dachte unter anderem an Polyurethan (PUR). Der Allzweckkunststoffschaum isoliert Häuser, macht Putzschwämme luftig, dämmt Bahnschwellenunterlagen. Doch in der Ausführung, die Brüniger suchte, war er auf der ganzen Welt noch nicht erfunden.

Ein Professor sagte Brüniger, er solle sein Vorhaben aufgeben

Der Ingenieur gab eine Machbarkeitsstudie in Auftrag: Experten sollten probieren, ob sie so ein Supermaterial hinkriegen. Zunächst ein Reinfall. Mal verklebten die Maschinen, mal waren die Sohlen unbrauchbar. Ein Professor legte Brüniger sogar nahe, sein Vorhaben zu vergessen, «das fiel mir natürlich nicht ein». Erst der dritte Anlauf mit einem Vorarlberger PUR-Hersteller klappte: Das serienfertige Material lieferte bei fünf Millimeter Dicke dauerhaft etwa 2,5 Watt, «gleich viel Leistung wie etwa die Hälfte eines LED-Spots».

Es funktionierte! Vergessen die Sonntage, die Abende, die der Ingenieur mit Hirnen zugebracht hatte. Jetzt musste der Sohlenmaterialprototyp aber noch ein paar harte Tests durchlaufen. Erst durch eine eigens entwickelte Maschine, dann traten Menschen zum Feldversuch an. Etwa 100 Probanden marschierten auf echten oder Placebosohlen los, 80 Prozent erwärmten sich für Brünigers Innovation.

Fehlten noch Ober- und Untermaterial sowie ein Spezialist, der sie verleimte. Parallel beauftragte Brüniger eine Kommunikationsfirma mit dem Marketing. «Das tollste Produkt bringt nichts, wenn der Werbeauftritt mickrig ist.» Sein 20-jähriger Sohn Andreas baute den Online-Shop auf. Fehlte noch eine Entscheidung über Farbe und Verkaufsform — man entschied sich für drei bis fünf Millimeter dicke Modelle in Schwarz, die der Verbraucher auf Grössen von 35 bis 47 zuschneiden kann. Insgesamt arbeiteten acht Partnerfirmen mit. Auch bei der Findung des Namens. «Chili-Feet — das klingt heiss», findet der Erfinder. Auf ein Patent verzichtete er: Diese Supersohle solle erst mal einer kopieren, «in der steckt so viel Know-how drin, das geht nicht so einfach».

Bis jetzt macht seine Frau Evelyn die Buchhaltung, die 18-jährige Tochter Patricia erledigt Verpackung und Versand. Aber im Sommer, wenn Eisfüsse naturgemäss an Aktualität verlieren, will Brüniger das Geschäft voll angehen. Er brennt darauf, Deutschland zu erobern, «potenziell 80 Millionen Kunden und 160 Millionen kalte Füsse». Noch mehr Eiszapfenzehen verspricht Amerika. Und er hat Ueli Maurer angeschrieben: «Wenn der seine Armee mit den Sohlen ausstatten würde, das wärs.»

Angesichts dieses Durchmarschs wiegt der Nachteil seiner Erfindung nur leicht: Sie «heizt» nur beim Gehen. Bei Menschen, die weniger als 48 Kilo wiegen, erwärmt sie sich zu wenig — zu geringer Druck. Die Gesetze der Physik kann eben auch der beste Ingenieur nicht überlisten.

www.chili-feet.ch

Text: Christiane Binder

Bilder: Nik Hunger

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