29. März 2018

Nichts ist, wie es scheint

Michael Butter weiss alles über Verschwörungstheorien. Ihr Ursprung ist das Bedürfnis, hinter allem einen Sinn zu sehen, sagt der Amerikanistik-Professor, dessen neues Buch dazu gerade erschienen ist. Ein Gespräch über Reptiloide, welche die Welt kontrollieren, Männer über 40, die Wunderwaffe Bildung und den smartesten Verschwörungstheoretiker der Schweiz.

Michael Butter
Behält Verschwörungstheoretiker im Auge: der deutsche Amerikanist Michael Butter.
Lesezeit 14 Minuten

Michael Butter, haben Sie eine persönliche Lieblingsverschwörungstheorie?

Ja, einen Klassiker: dass die Amerikaner gar nie auf dem Mond waren und die Landung 1969 in einem TV-Studio inszeniert worden ist.

Weshalb gerade diese?

Sie war die erste Verschwörungstheorie, die mir bewusst begegnete, als ich 1999 in Grossbritannien studierte. Auf der ersten Seite eines Magazins standen alle «Beweise» dafür, und ich war im ersten Moment total fasziniert und überzeugt. Dann blätterte ich um, und auf den nächsten Seiten wurde dann jeder einzelne dieser «Beweise» derart plausibel entkräftet, dass nichts davon übrig blieb. Ich mag sie auch, weil sie nicht rassistisch, sexistisch oder antisemitisch ist, also, verglichen mit anderen, relativ harmlos.

Welche Verschwörungstheorien werden besonders gern geglaubt?

Zu den bekanntesten gehört neben der zur Mondlandung die zu 9/11: dass nicht die al-Qaida die Flugzeuge ins World Trade Center steuerte, sondern dass die USA selbst ­dafür verantwortlich waren, um einen Vorwand für die Kriege in Afghanistan und im Irak zu haben. Laut einer Umfrage im ver­gan­genen Jahr glauben nur 13 Prozent der Deutschen daran, dass die Mondlandung getürkt war, hingegen glauben ein Viertel bis ein Drittel, dass 9/11 sich anders abspielte als ­offiziell bekannt ist. In den USA gibt es eine Studie, nach der die Hälfte der Amerikaner an mindestens eine Verschwörungstheorie glaubt. Diese Ideen finden sich also nicht mehr nur an den Rändern der Gesellschaft.

Welche ist in Europa weitverbreitet?

Die vom «grossen Austausch», dass also eine grosse, gezielte Islamisierung des Kontinents stattfindet – entweder von der Nato, der CIA oder vom US-amerikanischen ­Investor George Soros geplant. Inzwischen bewegen sich die Anhänger dieser Theorie im zweistelligen Prozentbereich, in einigen Ländern, etwa Ungarn, sind es wohl mehr als in anderen, weil diese Ideen dort Teil der staatlichen Propaganda sind.

Wie müssen Verschwörungstheorien beschaffen sein, damit sie funktionieren?

Es braucht drei Elemente: Nichts geschieht durch Zufall. Alles ist miteinander verbunden. Nichts ist, wie es scheint. Da ist immer eine im Geheimen agierende Gruppe, die die Geschichte über Jahrzehnte hinweg kontrolliert. Ihr wird unterstellt, dass sie einen gezielten Plan verfolgt, etwa zur Weltherrschaft. Oft erhalten Ereignisse ohne offensichtlichen Zusammenhang dadurch einen tieferen Sinn: die Einführung des Euro, der Feminismus, die Kriege im Irak – alles wird plötzlich Teil eines grossen Komplotts, das darauf abzielt, den deutschen Mann zu schwächen und junge wehrfähige Syrer nach Deutschland zu bringen, damit sie die heimische Bevölkerung ersetzen.

Diese Theorien geben also der chaotischen Welt einen Sinn.

Genau, deshalb funktionieren sie so gut: Sie schliessen jede Art von Zufall aus. Während die modernen Sozialwissenschaften davon ausgehen, dass komplexe soziale Systeme ständig irgendwelche Effekte hervorbringen, die niemand beabsichtigt hat. Verschwörungstheorien erlauben es ausserdem, dass man mit dem Finger auf bestimmte Gruppen zeigen kann. Man hat einen Sündenbock für seine Probleme. Und es schwingt dabei immer die Hoffnung mit, dass man das Rad der Zeit wieder zurückdrehen kann. Wenn es nämlich nicht grosse historische Transformationen sind, die dafür sorgen, dass die Leute in Deutschland nicht mehr alle Schmidt oder Müller heissen und die Frauen nicht mehr alle am Herd stehen, sondern ein Komplott dahinter steckt, dann kann man dieses entlarven, die Verantwortlichen besiegen und die Entwicklung rückgängig machen.

Damit möglichst alles so bleibt, wie es war.

Verschwörungstheorien wollen immer bewahren oder wiederherstellen, sie sind also fast immer konservativ. Und sie gehen von einer enormen Handlungsfähigkeit aus. Menschen wissen, was sie wollen, und setzen alles daran, das ganz gezielt umzusetzen. Auch das gilt in der modernen Psychologie als Humbug: Wir wissen oft gar nicht, was wir wollen und warum wir etwas tun. Und wenn wir etwas tun, passieren oft Dinge, die wir gar nicht beabsichtigt haben.

Es ist eben schwierig zu akzeptieren, dass der Lauf der Welt von Zufall und Chaos bestimmt wird.

Zudem ist die Planbarkeit geschichtlicher Ereignisse über Jahrzehnte doch ziemlich unwahrscheinlich.

Es ist eben noch schwieriger zu akzeptieren, dass der Lauf der Welt von Zufall und Chaos bestimmt wird.

So sind letztlich auch sämtliche Religionen entstanden, nicht?

Richtig. Was letztlich hinter der Verschwörungstheorie steht, ist eine urmenschlicheEigenschaft: das Bedürfnis, hinter allem Sinnhaftigkeit zu sehen. Unser Gehirn ­versucht, überall Muster zu erkennen und Zusammenhänge herzustellen.

Was unterscheidet reale Verschwörungen von den Theorien?

Umfang und Reichweite. Verschwörungen hat es immer gegeben, aber meist waren nur ganz wenige Leute daran beteiligt, und die Vorhaben waren relativ überschaubar. Sobald sie sich über eine längere Zeit erstreckten, passierten Dinge, die nicht vorgesehen waren. Ein typisches Beispiel ist der Sturz des iranischen Premierministers Mossadegh durch die CIA und den MI6 1953. Von dieser Verschwörung wussten nur gerade ein oder zwei Dutzend Geheimagenten, dennoch blieb es erstens nicht sehr lange geheim und zweitens passierte als Folge davon 1978 die islamische Revolution im Iran - etwas, das die Verschwörer garantiert weder geplant noch als Nebeneffekt erwartet hatten. Das Problem beginnt also schon bei den Grundannahmen der Verschwörungstheorien, dass nämliche Hunderte oder gar Tausende von Mitwissern etwas über Jahrzehnte oder Jahrhunderte geheim halten können und der Lauf der Ereignisse über diese lange Zeit exakt planbar ist. Menschen können Geschichte nicht über solche Zeiträume hinweg kontrollieren.

Michael Butter im Interview
«Wenn Gesellschaften sich nicht mehr darauf verständigen können, was wahr ist, können sie auch die drängenden Probleme nicht meistern», sagt Michael Butter.

Was sind das für Leute, die an sowas glauben? Offenbar tun es Männer eher als Frauen?

In unseren modernen westlichen Gesellschaften gibt es eine recht hohe Überlappung zwischen Anhängern von rechtspopulistischen Bewegungen und Leuten, die an Verschwörungstheorien glauben – und das sind mehrheitlich Männer über 40. Beides ist eine Reaktion auf Krisen und Ängste, und Männer haben wohl in den letzten Jahren mehr solcher Krisenerfahrungen gemacht, weil sie in der Gesellschaft an Macht verloren haben. Das gilt insbesondere für weisse Männer in den USA. Einige kommen mit den grossen Veränderungen der letzten Jahrzehnte nicht klar und finden in Verschwörungstheorien eine Erklärung für das, was ihnen widerfahren ist. Es sind in der Regel nicht Leute, die schon marginalisiert sind, sondern die von Verlustängsten getrieben werden. Sie finden, die Welt bewege sich in die falsche Richtung und fürchten, dass es bald auch sie betrifft. Und sie neigen dazu, die Vergangenheit zu verklären.

Funktionieren Verschwörungstheorien auch bei Linkspopulisten?

Oh ja. Auch hier spielt der Mechanismus von den verdorbenen Eliten, welche das unschuldige Volk ausbeuten. In der westlichen Welt ist die Verbindung zum Rechtspopulismus derzeit aber klar stärker. Und Journalisten springen auf deren Verschwörungstheorien auch stärker an, weil die oft rassistischer und antisemitischer sind.

Und offenbar schützt Bildung nicht davor, diese Theorien plausibel zu finden.

Da gibt es unterschiedliche Studienergebnisse. Mein Eindruck ist, dass es darauf ankommt, in welchem Bereich man seine Bildung hat. Wer Geistes- und Sozialwissenschaft studiert hat, hat alternative Erklärungsmodelle für menschliches Verhalten kennengelernt, und ist deshalb weniger anfällig als Naturwissenschaftler, Mediziner und Ingenieure, die oft mit sehr berechenbaren, planbaren Vorgängen zu tun haben.

Man verfügt über Geheimwissen und ist denen überlegen, die mit geschlossenen Augen durch die Welt gehen.

Weshalb kann man jemanden kaum mehr von einer Verschwörungstheorie abbringen, wenn er mal an sie glaubt?

Das hat auch mit dem Eindruck zu tun, man gehöre zu den wenigen Auserwählten, die verstanden hätten, wie die Welt wirklich funktioniert. Man verfügt quasi über Geheimwissen und ist denen überlegen, die mit geschlossenen Augen durch die Welt gehen. An diese Theorien zu glauben, ist ausserdem meist ganz wichtig für die Identität dieser Menschen. Gegenbeweise stellen deshalb gleich die ganze Identität infrage, was man nicht zulassen kann.

Kennen Sie Leute, bei denen es dennoch gelungen ist?

Es kommt gelegentlich vor, erfordert aber viel Reden und viel Geduld. Und ein gewisses Vertrauensverhältnis. Man kommt nur dann an die Leute ran, wenn sie einen nicht ins Lager des «Feinds», der Verschwörung, einordnen. Und man darf den Begriff Verschwörungstheorie keinesfalls erwähnen, der ist unter diesen Leuten stark stigmatisiert.

Sind Verschwörungstheorien schlicht ein Religionsersatz?

Für viele hat es auf jeden Fall eine vergleichbare Funktion. Beide bieten Erklärungsmodelle an, und Verschwörungstheorien bekamen auch einen riesigen Schub als die Religion während der Aufklärung unter Druck geriet. An die Stelle Gottes treten die Verschwörer, alles ist geplant, Zufall und Chaos lassen sich ausschliessen.

Finden sich solche Theorien in allen Gesellschaften oder gibt es auch Länder oder Kulturen, die kaum dazu neigen?

Es gibt sie heute überall. Ich habe einen Kollegen, der in China forscht und sagt, die dortige Gesellschaft sei durchdrungen von Verschwörungstheorien. Aber es gibt praktisch keine Forschung, wie sich das historisch entwickelt hat. Stand jetzt sind Verschwörungstheorien in der frühen Neuzeit in Europa entstanden und wurden von dort in andere Kulturen exportiert, haben sich teils auch mit lokalen Ideen vermischt. Der Antisemitismus und die mit ihm verbundenen Verschwörungstheorien zum Beispiel scheinen sich von Europa Anfang des 20. Jahrhunderts in den islamischen Raum verbreitet zu haben. Aber in diesen Bereich gibt es für die Wissenschaft noch viel zu tun.

Vor 100 oder 200 Jahren waren Verschwörungstheorien viel weiter verbreitet als heute.

Sind solche Ideen heute verbreiteter als auch schon?

Vor allem sind sie durch das Internet und Social Media sichtbarer geworden. Früher spielte sich das alles in geschlossenen Subkulturen ab, in Magazinen, die im Eigendruck vertrieben wurden. Man musste viel Zeit und Geld investieren, um an solche Schriften heranzukommen. Heute googelt man einmal und hat innert Minuten alles, was das Herz begehrt. Diese neue Sichtbarkeit lockt sicherlich auch Leute an, die zuvor gar nie damit in Berührung gekommen wären, von daher hat ihre Verbreitung schon etwas zugenommen. Und natürlich sind die Anhänger der Theorien heute stärker vernetzt und können sich so besser gegenseitig bestärken. Aber vor 100 oder 200 Jahren waren Verschwörungstheorien viel weiter verbreitet als heute, da waren sie tatsächlich Mainstream.

Wie kam es dazu?

Sie entstanden zwischen Früher Neuzeit und Aufklärung. Die geistige Elite der damaligen Zeit hatte ein stark mechanistisches Weltbild, ging von Ursache und Wirkung und von der menschlichen Beeinflussbarkeit der Welt aus. Das machte diese Theorien so plausibel. Erschüttert wurde die Dominanz der Verschwörungstheorien eigentlich erst nach dem Zweiten Weltkrieg. Zu dieser Zeit erhielten viel mehr Menschen eine Universitätsbildung, hinzu kam die Erfahrung der Gefährlichkeit von Verschwörungstheorien. Man hatte unmittelbar erlebt, was die Idee der «jüdischen Weltverschwörung» in Europa angerichtet hatte und wozu die Angst vor der kommunistischen Verschwörung in den USA unter McCarthy führte. So wurden Verschwörungstheorien nach und nach an den Rand der Gesellschaft gedrängt.

Das heisst aber auch, dass die westliche Gesellschaft viel länger mit solchen Theorien gelebt hat als ohne.

Richtig. Von daher darf man auch den ganzen Pessimismus hinterfragen, der die grössere Präsenz von Verschwörungstheorien in der heutigen Gesellschaft begleitet. Das heisst noch nicht, dass unsere Zivilisation kurz vor dem Untergang steht. Ich amüsiere mich immer darüber, wenn beklagt wird, dass nun mit Donald Trump ein Verschwörungstheoretiker an der Spitze der Republikanischen Partei steht, der stolzen Partei von Abraham Lincolns. Dabei wurde diese Partei auf der Annahme einer Verschwörungstheorie gegründet, nämlich der Idee, dass es eine so genannte Slave Power gibt, eine Gruppe, welche das Weisse Haus und das Oberste Gericht kontrolliert und die Sklaverei in den ganzen USA einführen will. Lincoln hat das in seinen Reden selbst wiederholt behauptet. Trump steht jedenfalls in einer historischen Tradition.

Manche konnten mit Verschwörungstheorien millionenschwere Imperien aufbauen.

Kann man eine Verschwörungstheorie in der Regel auf eine Quelle zurückführen, eine konkrete Person, die das in die Welt gesetzt hat?

Manchmal kann man herausfinden, wer sich dazu als Erstes schriftlich geäussert hat. Und einige sind ganz klar zuzuordnen. Die Idee etwa, dass Barack Obama und Angela Merkel in Wirklichkeit ausserirdische Reptilienwesen sind, die sich von unserer negativen Energie ernähren und so die Welt kontrollieren. In seltenen Momenten schimmert angeblich auf Bildern auch ihre Reptilienhaut durch. In die Welt gesetzt hat das der Engländer David Icke, ein ehemaliger Fussballspieler sowie Ex-Pressesprecher der britischen Grünen.

Gibt's auch Leute, die nur wegen des Geldes eine solche Theorie erfinden, obwohl sie gar nicht daran glauben?

Davon gibt's mittlerweile einige. Manche konnten auf dieser Basis millionenschwere Imperien aufbauen, etwa Alex Jones in den USA. Und auf Youtube gibt's Leute, die regelmässig Clips zu Verschwörungsgeschichten aufschalten, so à la «Hillary Clinton wurde durch ein Double ersetzt!», einfach um dank vieler Klicks Werbeeinnahmen zu bekommen. Genauso problematisch finde ich Politiker, die solche Theorien verbreiten, um ihr Volk zu manipulieren oder mit äusseren Feinden von ihren Problemen abzulenken. Aber manchmal sind Verschwörungstheorien auch einfach nur gute Unterhaltung. Leute amüsieren sich damit, ohne sie tatsächlich ernst zu nehmen. Oft sind es schlicht gut gemachte Erzählungen, wie ein Roman von Dan Brown.

Gibt es aktuell eine, die Sie für besonders problematisch oder gar gefährlich halten?

Die zum «Grossen Austausch» - damit wird erfolgreich Stimmung gemacht gegen politische Eliten ebenso wie Flüchtlinge. Sie spielt vielen populistischen Bewegungen in die Hände und trägt dazu bei, einen Keil in die westlichen Gesellschaften zu treiben.

Die Medien haben tatsächlich bei einigen Themen zu einseitig berichtet, auch faktische Fehler gemacht.

Inzwischen sind «Wahrheit» und «Fakten» ganz generell diskreditiert, wie ist es zu diesem Glaubwürdigkeitsverlust von Wissenschaft und Medien gekommen?

Anders als noch vor 20, 30 Jahren gibt es heute tatsächlich keine allgemein verbindliche Version von «Wahrheit» mehr, auf die man sich einigen kann. Stattdessen ist die Öffentlichkeit fragmentiert und zersplittert, Alternativmedien stellen Selbstverständlichkeiten in Frage, und es gibt diverse «Wahrheiten» und «alternative Fakten» - ein grossartiger Nährboden für Verschwörungstheorien. Aber auch das alles ist nicht neu: Im US-Wahlkampf 1800 zwischen Thomas Jefferson und dem amtierenden Präsident John Adams wurde ersterer von der Adams-freundlichen Presse über Wochen für tot erklärt. Für den brauche man gar nicht stimmen, denn er lebe gar nicht mehr. Und die Leute glaubten das.

Der Glaubwürdigkeitsverlust von Fakten ist aber auch das Resultat einer Medienkrise. Ein Teil der Bevölkerung spricht verächtlich von den «Mainstreammedien» und traut diesen nicht mehr über den Weg.

Ganz klar. Die Medien werden oft als Teil der Verschwörung gesehen, der «Lügenpresse» wird vorgeworfen, sie manipuliere ihr Publikum.

Sind die Medien auch mitschuld am Vertrauensverlust? Das sind ja oft Leute, die ihre Haltungen und Einstellungen dort nicht mehr repräsentiert finden.

Die Medien haben tatsächlich bei einigen Themen zu einseitig berichtet, auch faktische Fehler gemacht. Doch das wurde inzwischen auch erkannt, und man merkt das Bemühen, den Kurs zu korrigieren und diversere Perspektiven einzunehmen.

Trump ist das Ergebnis eines Prozesses, der seit Jahrzehnten läuft.

Sie sprechen in Ihrem neuesten Buch «Nichts ist, wie es scheint» von einer Fragmentierung der Gesellschaft, die demokratiegefährdende Ausmasse angenommen habe: «Wenn Gesellschaften sich nicht mehr darauf verständigen können, was wahr ist, können sie auch die drängenden Probleme des 21. Jahrhunderts nicht meistern.» Ist die Lage so ernst?

Ich fürchte, ja. Verschwörungstheorien sind ein deutliches Symptom dieses Problems. Mehr und mehr gibt es Gruppen in der Gesellschaft, die einander nicht mehr verstehen, weil sie ganz anders funktionieren und an ganz andere Dinge glauben. Erfreulich ist immerhin, dass wir das jetzt auf breiter Ebene erkannt haben. Die USA wären nicht weniger fragmentiert, wenn Hillary Clinton die Wahlen ganz knapp gewonnen hätte, aber die pausenlose Aufregung um Donald Trump, seine Aussagen und Taten, macht uns diese Zerrissenheit nahezu täglich bewusst und führt zu einer entsprechend intensiven Auseinandersetzung damit. Man muss nicht gleich den Untergang des Abendlandes ausrufen. Aber wir müssen das Problem der Verständigung ganz entschieden angehen.

Haben Sie Hoffnungen, dass die USA aus ihrer Polarisierung wieder rauskommen?

(seufzt schwer) Hoffnungen habe ich immer, aber ob die berechtigt sind, ist eine ganz andere Frage. Trump ist das Ergebnis eines Prozesses, der seit Jahrzehnten läuft, die Wissenschaftsfeindlichkeit, die Ablehnung der Evolutionstheorie, die Skepsis gegenüber Impfungen, das Leugnen des Klimawandels. Ich fürchte, einzig der demografische Wandel kann diese Entwicklung stoppen. Vielleicht werden Historiker diese Zeit einst rückblickend so erklären, dass hier ein letztes Aufbäumen einer Partei der alten weissen Männer stattgefunden hat.

In den USA ist das Phänomen schon wesentlich weiter fortgeschritten als in Europa. Wo sehen Sie hier Länder, in denen es kritisch wird?

Der Brexit in Grossbritannien hat eine vergleichbare Zerrissenheit der Bevölkerung offengelegt. Von Kollegen in England höre ich, dass sie ihr Land nicht wiedererkennen. Auch sie haben die Situation, dass 48% der Menschen die Dinge so sehen, 48% das exakte Gegenteil davon finden - und die 4% in der Mitte entscheiden, in welche Richtung es geht. Die Frage ist dann immer, wer seine Leute besser mobilisieren kann. Das macht es der britischen Regierung in den Verhandlungen mit der EU so schwierig, sich auf etwas festzulegen. Auch in einigen osteuropäischen Ländern lassen sich solche Spaltungen feststellen.

Mit Daniele Ganser hat die Schweiz einen der erfolgreichsten und smartesten Verschwörungstheoretiker im deutschsprachigen Raum.

Wie beurteilen Sie Deutschland und die Schweiz diesbezüglich?

Deutschland ist vergleichsweise in einer komfortablen Situation, hier gibt es bei den politischen Parteien noch einen relativ breiten Konsens. Die AfD und Teile der CSU fallen dort raus, der Rest jedoch ist sich noch ziemlich einig - von CDU bis ganz links. Aber auch bei uns lassen sich Tendenzen in die Richtung erkennen, die in den USA und Grossbritannien bereits Alltag sind. Die neue Grosse Koalition wird den Rändern weiteren Zulauf bescheren. Heikel wird es, wenn eine grosse etablierte Partei auf den Zug aufspringt, wie es in den USA passiert. Jemand wie Trump wäre nie Präsident geworden, wenn er nicht bei den Republikanern untergekommen wäre. Die Schweiz kann ich hierzu nicht wirklich einschätzen.

Und bezüglich Verschwörungstheorien?

Da hat die Schweiz mit Daniele Ganser einen der erfolgreichsten und smartesten Ver­treter im deutschsprachigen Raum, auch weil er vom Habitus her wie ein seriöser Historiker daherkommt. Er macht selten konkrete Behauptungen, sondern stellt primär Fragen. Dies aber auf eine Weise, die rasch zu gängigen Verschwörungstheorien führt und eine ganz bestimmte Position suggeriert. Und er hat viele Fans. Jedenfalls habe ich selten so viele heftige Reaktionen erhalten, wie als ich mich im Schweizer Fernsehen über ihn geäussert habe.

Wie kann man Gegensteuer geben?

Bildung ist das Ein und Alles. Wir müssen Jugendlichen die Kompetenzen und Fähigkeiten mitgeben, die gesellschaftlichen Probleme zu erkennen und zu unterscheiden, ob sie es mit einer Verschwörungstheorie zu tun haben oder nicht, mit Fake News und Alternative Facts oder nicht. Ganz entscheidend dafür sind die Fähigkeit zum kritischen Denken und Medienkompetenz. Nur so kann man sicherstellen, dass sie Alex Jones' Website von jener der «New York Times» unterscheiden können. Auch deshalb gehe ich mittlerweile oft an Schulen und setze mich dort mit diesen Themen auseinander. Gleichzeitig bin ich übrigens vehement gegen Verbote, das Recht auf freie Meinungsäusserung ist zu wichtig und gilt auch für das Verbreiten von dummem Zeug.

Trotz langer Dominanz von Verschwörungstheorien hat sich die westliche Weltletztlich immer ein wenig mehr zum positiven entwickelt.

Was passiert, wenn es nur noch schlimmer wird? Was wäre Ihr Worst-Case-Szenario?

Ich weiss es nicht. Vielleicht sitzen hier in 30 Jahren zwei andere Leute zusammen, die sich darüber unterhalten, dass es vor Jahrzehnten ein paar Wahnsinnige gab, die behaupteten, es gebe keine grossen Verschwörungen und mit Büchern über diesen Unsinn unschuldigen Leuten Geld aus der Tasche zogen. (lacht) Aber vielleicht beruhigt es ein wenig, wenn man bedenkt, dass sich die westliche Welt trotz langer Dominanz von Verschwörungstheorien in der Neuzeit letztlich immer ein wenig mehr zum positiven entwickelt hat und immer demokratischer geworden ist. Aber natürlich nicht ohne viele und auch blutige Konflikte.

Eigentlich sind Sie Literaturwissenschaftler. Wie kamen Sie auf den Fokus Verschwörungstheorien?

Ich schrieb eine Dissertation zu Darstellungen von Adolf Hitler in der US-Literatur. In den 1970er- und 80er-Jahren gab es ganz viele Thriller, die mit Verschwörungsszenarien spielten – etwa dass Hitlers Tochter oder Sohn heimlich in den USA aufgewachsen sei und kurz davorstehe, Präsident zu werden. So begann ich, mich mit Verschwörungstheorien zu beschäftigen und realisierte, dass es wissenschaftlich viele Lücken gab. Und weil ich einer der wenigen war, der sich damit auseinandersetzte, wurde ich immer häufiger dazu befragt, so geriet ich mehr und mehr in dieses Fahrwasser.

Wie gehen Sie mit Leuten in Ihrem Umfeld um, die an eine Verschwörungstheorie glauben? Versuchen Sie, sie davon abzubringen, oder ist das hoffnungslos?

Mal so, mal so. Manchmal ist es einfacher, das Thema einfach auszusparen. Aber mittlerweile wissen wohl so viele Leute, was meine Position dazu ist, dass sie mir so etwas gar nicht mehr erzählen.

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